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Mit dem Clown kamen die Tränen

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Von: D.J. Frederiksson

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Paul Finchley (Robbie Coltrane) erklärt den Reportern seinen Standpunkt.
Paul Finchley (Robbie Coltrane) erklärt den Reportern seinen Standpunkt. © arte

Eine weitere meisterliche Miniserie auf Arte beleuchtet den öffentlichen Niedergang eines Fernsehkomikers ? und nahm damals die "Me Too"-Bewegung vorweg.

Was kann man herrlich lästern über das Vereinigte Königreich in diesen Tagen. Die politische Klasse durchgeknallt, die Wählerschaft verwirrt, das Gesundheitssystem im Kollaps begriffen, die Wirtschaft in Panik. Aber das Fernsehen, ach, da verwandelt sich die deutsche Schadenfreude plötzlich wieder in blanken Neid.

Nachdem arte bei ihrem derzeitigen Schaulaufen der internationalen Miniserien erst letzte Woche mit „Nachdem ich ihm begegnet bin“ eine BBC-Produktion mit Oscar-Kaliber präsentierte, folgt diese Woche Channel 4 mit „Ende einer Legende“, die 2017 den Bafta als beste Miniserie, für die beste Regie und die beste Musik erhielt. Die Hauptrollen spielen der als „Fitz“ auch hierzulande geschätzte Robbie Coltrane sowie die Leinwandlegende Julie Waters – von der ersten Minute an atmet dieser Vierteiler schauspielerisches Grandeur und meisterliche Inszenierung. 

Aber die Qualität kommt nicht von großen Namen – die großen Namen kommen zur Qualität. Das Drehbuch von Jack Thorne ist vielschichtig und komplex und traf einen gesellschaftlichen Nerv zur exakt richtigen Zeit. Man muss sich vor Augen halten: Diese Miniserie um einen ebenso beliebten wie beleibten alternden Fernsehkomiker, der urplötzlich einer Barrage von Vorwürfen ausgesetzt ist, sich über Jahrzehnte sexuell an dutzenden Frauen vergangen zu haben, wurde im September 2016 ausgestrahlt, kurz Trumps „Pussy“-Tape, dem Weinstein-Skandal und der gesamten „Me Too“-Bewegung.

Dass er diese gesellschaftliche Entwicklung so direkt treffen würde, hatte wohl nichtmal Autor Thorne selbst im Blick. Sein Vorbild war eher der beliebte britische Pop-Moderator Jimmy Saville, dessen jahrzehntelang totgeschwiegene Eskapaden von sexueller Nötigung, Vergewaltigung und Pädophilie 2012 einen Skandal auf der Insel ausgelöst hatten. Saville wird in der Serie sogar genannt als Paradebeispiel des medialen Strahlemanns mit widerlichem Doppelleben. Trotzdem ist die Weitsicht Thorpes erstaunlich: Was 2016 prophetisch wirkte, könnte man heute, dutzende Fälle später, nicht präziser erzählen. Es stimmt einfach alles: Die erste Anschuldigung, auf die ein halbes Dutzend weiterer folgen. Der gesellschaftliche und mediale Shitstorm, der den Angeklagten schlagartig zu unerwünschten Personen macht. Und die bitteren, schrecklichen Geschichten, die spätestens vor Gericht zum Vorschein kommen, und bei denen es dann nicht mehr um Fragen von Verjährung oder Beweise geht, sondern um eindeutige moralische Widerlichkeiten.

Dieser ganze bittere Prozess wird hier auf gut dreieinhalb Stunden ausgerollt – meisterhaft inszeniert von Marc Munden, der schon als Produzent und Regisseur bei der fulminanten Serie „Utopia“ dabei war; und unterlegt mit schöner und zugleich nervös-schräger Musik des Komponisten Cristobal "Cristo" Tapia de Veer. Im Gegensatz zu den realen Fällen herrscht hier ein Spannungsbogen, ob das alles nicht vielleicht doch eine schreckliche Schmutzkampagne ist. Aber nachdem mehr und mehr Details ans Tageslicht kommen, rückt zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wer hier noch halbwegs ungeschoren rauskommt. Was bleibt, ist ein effektvolles, schonungsloses, noch lange nachwirkendes Dokument dieses kulturellen Zeitpunkts als moderne Medientragödie.

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