1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

„Close“ im Kino: Die Zerbrechlichkeit der Nähe

Erstellt:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Sie verbergen ihre Nähe nicht: Eden Dambrine (r.) als Léo und Gustav De Waele als Rémi.
Sie verbergen ihre Nähe nicht: Eden Dambrine (r.) als Léo und Gustav De Waele als Rémi. © dpa

Der schönste Oscar-Kandidat in der internationalen Kategorie ist ein belgisches Jugenddrama: „Close“ vom Belgier Lukas Dhont.

Vielleicht schlummert in der gegenwärtigen Kinokrise ja doch eine Chance des Films. Vielleicht bringt der neue Streaming-Mainstream anderswo frische Avantgarden hervor. So wie einst der Siegeszug der Fernsehunterhaltung überall auf der Welt neue Wellen der Filmkunst inspirierte.

Ein Filmgenre jedenfalls gibt es, das derzeit über sich hinauswächst, und es steckt wenigstens ein Hauch von ausgleichender Gerechtigkeit darin: Der Coming-of-Age-Film erblüht ausgerechnet in einer Zeit, als sich die Heranwachsenden in aller Welt durch die Folgen der Corona-Pandemie um entscheidende Augenblicke ihrer Jugend betrogen sehen.

Nicht zufällig war es ein leichtfüßiger Teenager, der fast symbolhaft am Ende des Lockdowns über die Häuser turnte, John Watts’ „Spiderman – Far From Home“. Gestandene Meister wie Paul Thomas Anderson („Licorice Pizza“) und Steven Spielberg („The Fabelmans“) verfilmten während der Pandemie ihre eigene Jugend in fiktionalisierter Form, und die schottische Debütantin Charlotte Wells erweiterte die üblichen Erzählmuster mit ihrer wehmütigen Skizze einer Vater-Tochter-Beziehung in „Aftersun“.

In Cannes gewannen in diesem Jahr gleich drei belgische Coming-of-Age-Filme Preise im Wettbewerb: „Tori et Lokita“, das Flüchtlingsdrama der Dardenne-Brüder, ist leider noch ohne deutschen Kinostart; „Acht Berge“ von Felix Van Groeningen und Charlotte Vandermeersch läuft gerade in den Kinos. Nun startet der beste des Trios, „Close“: Der Zweitlingsfilm des erst 31-jährigen Lukas Dhont wurde soeben auch für den Oscar als bester internationaler Film nominiert.

In fast verdächtig warmen Bildern führt er in die paradiesisch verklärte Freundschaft zweier 13-jähriger Jungen, dem selbstbewussten Léo (Eden Dambrine) und dem etwas introvertierten Rémi (Gustav De Waele). Letzterer spielt die Oboe, Ersterer entdeckt im Laufe der Geschichte ein etwas robusteres Hobby im Eishockeyspiel.

Oft übernachten sie beieinander, ohne in der körperlichen Nähe, die sie auch an der Schulbank nicht verstecken, etwas Sexuelles auszumachen. Die Frage einer Klassenkameradin, eher neugierig als übergriffig, ob sie eigentlich ein Paar seien, durchbohrt diese Unschuld wie ein Pfeil. Wenigstens für Léo, auch wenn er noch souverän darauf antwortet, ist es mit der brüderlichen Freundschaft, die er gerade noch beschworen hat, sehr bald vorbei. Unübersehbar zieht er sich von Rémi zurück, jeden Tag ein Stückchen mehr. Vielleicht verdankt sich der frenetische Applaus, den er diesem bei einem Konzert spendiert hat, schon mehr der Treue als wirklicher Empfindung.

Flüchtet sich Léo vor dem Verdacht, homosexuell zu sein? Oder entdeckt er gerade dadurch seine sexuelle Orientierung und wendet sich einem anderen Jungen zu? Der Film erlaubt beide Lesarten – und schöpft daraus eine feine Ambivalenz im emotionalen Appell. Und, ja: Genau das ist es, was das Kino in konzentrierten 105 Minuten noch immer besser kann als serielle Streaming-Formate.

Kinderfreundschaften zerbrechen meistens ohne Streitigkeiten, sie verschwinden einfach – und hinterlassen bei den Verlassenen gleichwohl manchmal lebenslange Schmerzen. Hier zerbricht der eine Teil buchstäblich daran. Die damit verbundene Tragödie wiederum lässt den anderen zerrissen zurück, gefangen zwischen Schuld und Trauer.

Hier beginnt der eigentliche Film, der sich so akribisch in die Psyche eines Heranwachsenden einarbeitet wie François Truffaut in seinen stilbildenden Jugenddramen „Sie küssten und sie schlugen ihn“, „Taschengeld“ und „Der Wolfsjunge“. Besonders präsent scheint sein Vorbild in zwei Szenen, in denen Erwachsene versuchen, mit Léo über seinen Verlust zu sprechen: Léos Mutter versagen in einer Szene die Worte – was ihre Darstellerin Léa Drucker in einer verstörend-schmerzlichen, schier endlosen Großaufnahme verdichtet. Erst Rémis Mutter schließlich dringt zum Freund ihres Sohnes durch, aber erst, als sie sich selbst emotional zu öffnen wagt.

Wie jeder gute Film über die Jugend ist „Close“ weit mehr als ein Jugendfilm. Sein emotionaler Bogen spannt sich zwischen dem, was man als Kind noch nicht begreift und als Erwachsener nicht mehr vergisst. Das gelingt nicht durch anekdotische Schulhofszenen und ignoriert viel, was in Coming-of-Age-Dramen obligatorisch scheint. So spielen zum Beispiel die Väter der Jungen praktisch keine Rolle.

Psychologen werden das bedauern, doch hier gilt das Gesetz der Kunst: Lukas Dhont, ein Virtuose seines Handwerks, arbeitet stattdessen mit sinnlichen Ereignissen, die in anderen Händen leicht ins Geschmäcklerische abgleiten würden – schwelgerischen Landschaftsbildern, wie von dem Blumenfeld, auf dem Léo arbeitet, oder einer zwar minimalistischen, aber doch hochemotionalen Filmmusik (Valentin Hadjadj).

Nichts aber ist so eindringlich wie das Spiel des Hauptdarstellers Eden Dambrine in seiner ersten Rolle. Auch das sind Coming-of-Age-Filme ja immer wieder, seit Truffaut für „Sie küssten und sie schlugen ihn“ Jean-Pierre Léaud entdeckte: Anfangsstationen möglicherweise lebenslanger Darstellerkarrieren. Es ist ein Glück, davon ein Zeuge zu werden.

Close. Belgien 2022. Regie: Lukas Dhont. 105 Min.

Auch interessant

Kommentare