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Der schüchterne Andrew angesichts einer rätselhaften Kristallformation.
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Der schüchterne Andrew angesichts einer rätselhaften Kristallformation.

Filmbesprechung

"Chronicle" - der Traum vom Fliegen

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Im Stile von Filmen wie „Blair Witch Project“, oder „Cloverfield“ ist "Chronicle" ein erstaunlich kurzweiliger Fantasyfilm zweier 26-jähriger Nachwuchstalente.

Im Stile von Filmen wie „Blair Witch Project“, oder „Cloverfield“ ist "Chronicle" ein erstaunlich kurzweiliger Fantasyfilm zweier 26-jähriger Nachwuchstalente.

Die amerikanische Kritik nennt es den „Found Footage“-Stil: Filme wie „Blair Witch Project“, „Cloverfield“ oder nun auch „Chronicle“ vermittelt den Eindruck, sie bestünden aus vorgefundenem Material von Videoamateuren – was dann selbst den unglaublichsten Geschichten eine Anmutung von Authentizität verleihen soll. Nicht zu verwechseln mit dem echten „found footage“: einem eigenen, siebzig Jahre alten Genre im Kunstfilm, das sich ganz auf Fremdmaterial beschränkt.

Die Lust des Fantasykinos an gefälschten Dokumenten hat indes eine noch längere Tradition: Schon die Schauerromane des 19. Jahrhunderts wurden gern als Brief- oder Tagebuchromane abgefasst. Bram Stoker gab sogar 1896 vor, für seinen „Dracula“ Phonographenwalzen als Quellen benutzt zu haben.

„Chronicle“ ist zunächst aus dem Kameraauge eines schüchternen Jugendlichen namens Andrew erzählt. Man lernt ihn kennen als Außenseiter auf einer Party – und Jungs mit Kameras sind in Filmen ja fast immer einsame Gesellen. Der Abend ist für ihn eigentlich schon gelaufen, als ihn ein Gleichaltriger anspricht. Seine Kamera sei gefragt, denn es gebe eine rätselhafte Entdeckung: Andrews Cousin und einziger Freund Matt hat gemeinsam mit dem beliebten Schülersprecher Steve ein merkwürdiges Erdloch gefunden. Wenn man hineinhorcht, dringen schreckliche Töne heraus. Auch sonst wirkt es recht ungemütlich: Steil führt es hinab in eine unbekannte Tiefe. Und verspricht eine Finsternis die selbst die Taschenlampen-App im iPhone überfordern würde.

Neugier zum Katzentöten

Getrieben von jener Sorte Neugier, die nach einer englischen Redensart Katzen tötet, rutschen die drei todesmutig hinein. Und sehen sich bald einer rätselhaft leuchtenden Kristallformation gegenüber, die eine starke Kraft auf ihre Körper auszuüben scheint. Mit etwas Nasenbluten kommen sie davon.

Doch als sie zu Hause sind, bemerken sie, dass sie noch mehr mitbekommen haben: Allein mit ihrer Geisteskraft können sie plötzlich Legosteine zusammensetzen. Und man weiß, wie fest man die sonst oft zusammendrücken muss, damit etwas zusammenhält. Liebevoll widmet sich der 27-Jährige dem harten Training potenzieller Superhelden. Nicht umsonst ist Telekinese ein Hauptfach auf jeder Zauberschule der Welt.

Die neue Fähigkeit lässt sich trainieren wie ein Muskel. Die Jungs können sich sogar selbst schweben lassen. Und Andrew kann natürlich auch seine Kamera nach Belieben fliegen lassen – was dem vermeintlichen Amateurfilm, den wir noch immer sehen, den eleganten Look professioneller Steadycam-Fahrten verleiht. Dass Matt noch dazu einem sympathischen Mädchen begegnet, das ebenfalls Videotagebuch führt, beschert uns schließlich sogar den Luxus, alle drei Hauptfiguren auf einmal im Bild zu sehen. Und bald können die Jungs mit ihren Kräften so viel anstellen, dass es sinnvoll ist, noch eine dritte Perspektive einzuführen, die eines Nachrichten-Fernsehsenders.

Wo bleibt der Horror?

Aber wo bleibt der Horror? Ganz in der Tradition des angelsächsischen Schauerromans findet ihn Andrew in seiner eigenen, dunklen Seite. Wie Stevensons „Dr. Jekyll“ erlebt er die neue Gabe als böse Sucht, die ihn zu zerstörerischen Handlungen treibt.

Leider sind Spezialeffekte so kostspielig, dass Nachwuchsfilmer Trank sie nicht nur an wackelige Amateuraufnahmen verschwenden will. So wird zum Beispiel ein professionelles Fernsehteam eingeführt wird, das den surrealen Einfällen einen glaubwürdigen Rahmen verlieht.

„Chronicle“ ist ein erstaunlich unterhaltsamer Film. Die Szene mit den Legosteinen zum Beispiel fasziniert nicht allein, weil es verblüffend ist, aufwändige Animationen im Kontext einer primitiven Amateur-Ästhetik zu erleben. Ebenso liebenswert ist die Tatsache, dass diese Jugendlichen überhaupt mit Lego spielen. So sehr sie in der Erwachsenenwelt nach Anerkennung suchen, so sehr genießen sie doch den letzten Rest der Kindheit, die Freiheit von jeder Verantwortung. Kein Wunder also, dass sie dann durch ihre Superkräfte überfordert werden. Auch der Traum vom Fliegen – immer unwiderstehlich im Film – wirkt wie ein Nachschlag auf die Kindheit, nicht umsonst bewegen sie sich in den Wolken wie in Disneys „Peter Pan.“

Das Drehbuch stammt von einem anderen Mittzwanziger: Max Landis ist der Sohn von John Landis, dessen beste Filme ebenfalls Mischformen aus Jugend- und Horrorfilmen waren: „American Werwolf“ und „Thriller“ mit Michael Jackson. Erfunden wurde diese spezielle Mischung in den Autokinos der 50er-Jahre, wohin sich junge Lederjackenträger flüchteten, um nicht bei den Eltern abzuhängen.

Heute gehen sie ins Multiplex, und es ist schön, dass es zu den Ausbruchsutopien auch noch die passenden Filme gibt.

Chronicle. USA 2012. Regie: Josh Trank. Drehbuch: Max Landis. Mit Dane DeHaan, Alex Russell, Michael B. Jordan.

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