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Prima Laune bei den besten Darstellern: Daniel Day-Lewis (Titelrolle in "Lincoln), Jennifer Lawrence (Hauptrolle in "Silver Linings"), Anne Hathaway (Nebenrolle "Fantine" in "Les Miserables") und Christoph Waltz (Nebenrolle Dr. Schultz in "Django Unchained").

Oscar-Verleihung

Christoph Waltz dankt Dr. Schultz

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Dieser Oscar ist überraschend, aber gleichwohl hoch verdient: Christoph Waltz macht aus dem Kopfgeldjäger Dr. King Schultz in "Django Unchained" die sympathischste deutsche Hollywood- Figur seit Oskar Schindler.

Erstens kam es anders und zweitens als viele dachten. Mit einer hoch verdienten Überraschung begann am Sonntagabend die Oscar-Verleihung, als Christoph Waltz nur drei Jahre nach „Inglourious Basterds“ zum zweiten Mal geehrt wurde – und damit den Favoriten Tommy Lee Jones aus „Lincoln“ leer ausgehen ließ. Mit gut vorbereitet wirkenden Worten, aber echter Aufregung in der Stimme dankte Waltz vor allen anderen Dr. King Schultz, seiner Filmfigur, und deren Schöpfer Quentin Tarantino.

Der hatte dieser „besten Nebenrolle“ in seinem Sklavendrama „Django Unchained“ mehr Leinwandzeit gegeben als die meisten der nominierten Hauptdarsteller in ihren Filmen genießen dürfen. Und Waltz war zu Recht stolz darauf, wie er verkörperte, was ihm Tarantino da auf den Leib geschrieben hatte – die ungewöhnliche Rolle eines überraschend moralischen Kopfgeldjägers und, pardon, der sympathischsten deutschen Hauptfigur in einem Hollywoodfilm seit Oskar Schindler.

Und dass es der Akademie auch wirklich ernst war mit ihrer Entscheidung, bekräftigte sie mit ihrem Drehbuchpreis für Tarantino. Der dankte auf noch trickreichere Weise dann erst einmal sich selbst, indem er den Schauspielern dankte, für die er seine Charaktere schließlich erfinde – damit man sich „auch nach dreißig bis fünfzig Jahren“ noch an seine Filme erinnern werde.

Die Ratschläge des Captain Kirk

Es war nicht der Abend der falschen Bescheidenheit, auch wenn kein geringerer als Captain Kirk alias William Shatner noch während der Vorrede den Moderator Seth MacFarlane zur Würde ermahnte. Mit der Weisheit des Zeitreisenden warnte der „Star-Trek“-Held den Autor und Regisseur der Bad-Taste-Komödie „Ted“ vor künftigen Entgleisungen, die zur Abschreckung gleich eingespielt wurden. Darunter ein hinreißendes Ständchen, das die anwesenden Schauspielerinnen an die Filme erinnerte, in denen sie oben ohne zu sehen waren, würdevoll begleitet von Los Angeles’ schwulem Männerchor.

So verschmolz – was passte besser zur geheimnisvollen Aura der beliebtesten Preisverleihung dieser Erde? – die Ebene des Tatsächlichen mit der des Möglichen. Nur ganz am Schluss gab es noch einmal Häme mit einem Song über die Verlierer des Abends, bei dem man sich fragen musste wer ihn so schnell gedichtet haben konnte.

Tanz und Gesang im Überfluss

Es wurde viel gesungen und getanzt an diesem Abend, der die letzten zehn Jahre Musical-Geschichte feiern wollte. Höchst eindrucksvoll tanzten etwa der Ex-Stripper Channing Tatum und die Schauspielerin Charlize Theron. Einmal mehr beerbte die Oscar-Gala auch die untergehende Kultur großer Fernsehshows, wie sie zu Zeiten von Dean Martin oder Frank Sinatra um die Welt gingen. Wo sonst außer bei dieser von einer Milliarde Zuschauern verfolgten Oscar-Nacht können Filmschauspieler ihre sonst verborgenen Musical-Qualitäten beweisen?

Theron, die um so überragender wirkte, als die Regie die 1,77 cm große Schauspielerin gemeinsam mit dem 1,66 großen Dustin Hoffman auftreten ließ, trug ein atemberaubend elegantes Kleid von Christian Dior: Der weiße Stoff ließ sie wie eine lebendig gewordene antike Statue über den roten Teppich schweben.

Überall sonst auf der Welt, wo das Kino gefeiert wird, Cannes eingeschlossen, empfindet man das Übermaß an Mode- und Showelementen ab einem bestimmten Punkt als aufdringlich, doch in Hollywood stimmt die Balance noch immer. Der Schlüssel dafür ist das stets ausgewogene Verhältnis zwischen Pathos und Humor. Kein Dankesredner beherrschte dies so gut wie Daniel Day-Lewis, der wie erwartet für seine Hauptrolle in „Lincoln“ prämiert wurde.

Statt mit den Tränen zu ringen, behaupte er lässig, dass er ursprünglich Margaret Thatcher hätte spielen sollen, während die anwesende Meryl Streep für die Rolle des Abraham Lincoln vorgesehen gewesen sei. Immerhin habe er Steven Spielberg ausreden können, ein Musical daraus zu machen.

Oscar-Schlappe für Spielberg

Zum Lachen war diesem allerdings weniger zumute – bei zwölf Nominierungen gab es nur noch einen weiteren Preis für „Lincoln“, in der Ausstattungs-Kategorie. Der Regie-Preis für Ang Lees Arbeit an „Life of Pi“ belohnte Hollywoods Tugend, neue Medien – hier die 3D-Technik – zu umarmen und in klassische Erzählweisen zu integrieren.

Wie immer, wenn die Academy ihre Preise vergibt, steht unter dem Strich eine Relation von Kunst und Geschäft. Wie zu erwarten, war das radikalste künstlerische Experiment, der semidokumentarische Fantasyfilm „Beasts of the Southern Wild“ leider leer ausgegangen. Nicht einmal die unwiderstehliche neunjährige Quvenzhané Wallis in der Hauptrolle durfte sich auf der Bühne freuen. Wie vorhergesagt, gewann Jennifer Lawrence den Oscar als beste Schauspielerin für ihre nuancierte Darstellung in „Silver Linings“.

Artig gratulierte diese der ebenfalls nominierten Emmanuelle Riva in ihrer Dankesrede zum 86. Geburtstag, nachdem sie auf dem Weg zur Bühne noch über ihr Kleid gestolpert war – und sich gar die verdiente Standing Ovation der Anwesenden dann mit bloßer Sorge um ihr Wohlergehen erklärt hatte. Tatsächlich war es für Lawrence die verdiente Anerkennung für eine jener seltenen und großartigen Darstellungen, die uns augenblicklich das Gefühl gibt, eine Filmfigur in all ihrer Komplexität zu kennen.

Wie erwartet: "Argo" ist bester Film

Ebenso erwartbar war vielen Kommentatoren im Vorfeld der Sieg für „Argo“ in der Kategorie des „Besten Films“ erschienen. Und wahrscheinlich hätte Ben Affleck wohl auch als Regisseur gewonnen, wenn man nicht sträflich versäumt hätte, ihn überhaupt zu nominieren. Er selbst schien trotz der Preise für Drehbuch und Schnitt indes nicht mehr an den Erfolg zu glauben. Seine übereilt vorgetragene Dankesrede endete mit warmen Worten für „unsere Freunde im Iran und ihre schlimmen Lebensbedingungen und meine Frau, die ich normalerweise nicht mit dem Iran assoziiere“.

Überdurchschnittlicher Kino-Jahrgang

Es gibt wenig zu kritisieren an dieser Preisverleihung – und das gerade, weil keinem der Filme ein Durchmarsch mit wehenden Fahnen gelang. So verteilten sich die Oscars auf verschiedene Bewerber eines überdurchschnittlichen Kinojahrgangs. Einer der besten Filme gewann hochverdient den Auslands-Oscar, Michael Hanekes „Amour“, und natürlich hätte man ihm weitere Preise gegönnt. Aber allein schon die Nominierung für den „Besten Film“ ist eine große Auszeichnung, die erstmals in der Oscar-Geschichte mit Stefan Arndt auch einem deutschen Produzenten zuteil wurde.

Die schönsten Momente an diesem etwas zu Musical-verliebten Abend gehörten aber einer strahlenden Kino-Veteranin und einem Überraschungsgast: Barbra Streisand ehrte den verstorbenen Komponisten Marvin Hamlish mit einer Gänsehaut erweckenden Interpretation von „The Way We Were“. Wenn die große Kinokultur noch so lebendig ist wie in dieser Stimme, dann kann Hollywood nichts mehr passieren. Und dann war da noch eine andere Stimme, die von Michelle Obama aus dem Weißen Haus. Ihre kurze Rede über die nominierten Filme war das Beste, was dem Kino passieren konnte. Denn sie nannte diese Filme Kunst, und sie lobte die Wirkung von Kunst auf die Jugend. Wenn doch einmal jemand dem deutschen Bildungswesen die Filmkultur so nahe bringen würde.

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