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China verbietet „Return to Dust“ – Von der Berlinale zur Zensurbehörde

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Von: Fabian Kretschmer

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Li Ruijun in Cannes, wo 2017 „Walking past the Future“ zu sehen war.
Li Ruijun in Cannes, wo 2017 „Walking past the Future“ zu sehen war. © afp

„Return to Dust“, erst mit neuem Ende, dann komplett verboten: Wie ein außergewöhnlich erfolgreicher Kinofilm über die Probleme der verarmten Landbevölkerung zum Opfer der chinesischen Zensur wurde.

Dass „Return to Dust“ ins chinesische Kino kam, war zunächst ein kleines Wunder. Denn der sperrige Film, der die unkonventionelle Liebesgeschichte zwischen einem verarmten Bauern und einer körperlich behinderten Frau erzählt, wartet mit all jenen Eigenschaften auf, die in der Volksrepublik das Publikum verschrecken und die Zensurbehörden auf den Plan rufen: ein niedriges Budget, statische Kameraeinstellungen und eine schwer zu verdauende Gesellschaftskritik.

Wenig überraschend begeisterte das Werk von Regisseur Li Ruijun zunächst eine internationale Cineastenszene, etwa während seiner Weltpremiere im Februar auf der Berlinale. Doch entgegen aller Prognosen setzte sich „Return to Dust“ schließlich auch auf dem chinesischen Publikumsmarkt durch, wo sonst nur kommerzieller Kintopp und nationalistische Propaganda dominieren: Bis Mitte September spielte der Film mehr als 100 Millionen RMB ein, umgerechnet sind das immerhin fast 15 Millionen Euro.

Doch dann wurden die Zensurstellen nervös: Zunächst zogen sie „Return to Dust“ aus dem offiziellen Kinoprogramm zurück. Und als ob das nicht genug wäre, löschten sie am Montag den Film aus sämtlichen Streaming-Diensten – ohne jegliche Begründung. Das ist umso zynischer, weil der Film einst sogar von der „Volkszeitung“ – offizielles Organ der Kommunistischen Partei – mit einer wohlmeinenden Kritik versehen und als „Hommage an das einfache Landleben“ angepriesen wurde.

Und genau jene dokumentarische Authentizität war es auch, die einen Nerv des Kinopublikums traf: Li ließ seinen gesamten Cast ein Jahr lang auf einem Bauernhof in der nordwestchinesischen Einöde von Gansu arbeiten, um sich dort an die Dialekte, den wirtschaftlich rückständigen Alltag und das harsche Klima zu gewöhnen. Alles andere, so sagte der Filmemacher vor wenigen Monaten in einem Interview, hätte er als Verrat an jene Gemeinschaft empfunden, in der er selbst aufgewachsen ist.

Der 39-Jährige kennt die Armut aus eigener Erfahrung. Sein Heimatdorf war bis in die 90er Jahre nicht einmal an das Stromnetz angeschlossen. Doch mit der Elektrizität kam auch die Liebe zu den Fernsehfilmen, die seinen Wunsch nach einer Flucht aus der Einöde des chinesischen Nordwestens nährten.

Und aufgrund seines früh erkannten Talents ergatterte Li tatsächlich einen Ausbildungsplatz bei der nationalen Rundfunkbehörde in Peking, wo er plötzlich mit einer ganz neuen Welt konfrontiert war: Er sog die Filme der französischen „Nouvelle Vague“ auf und begeisterte sich für den „Neorealismus“ der italienischen Regisseure. Ein Meisterwerk von Vittorio de Sica sollte ihn ganz besonders geprägt haben – „Fahrraddiebe“ von 1948, der teils ohne professionelles Ensemble auskam. Diese Arbeitsweise adaptierte Li dann auch für seine eigenen Filme, die allesamt von den Sorgen, Wünschen und Leidenschaften einfacher Leute erzählen.

Dass seine künstlerische Stimme nun in seiner Heimat verstummt, macht viele in China traurig. „Es ist eine wirkliche Schande“, meint ein User auf der Online-Plattform Weibo. Ein anderer schreibt resigniert: „Dass solch ein einfühlsamer Film einfach gelöscht werden kann ... Es scheint, dass es hier wirklich keine Hoffnung mehr gibt.“

Auch Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter der Berlinale, zeigte sich auf seinem Twitter-Account „sehr traurig“ über die Zensurmaßnahme.

Verquere Logik der Führung

Doch in der verqueren Logik der chinesischen Regierung ist diese durchaus konsequent. Denn Staatschef Xi Jinping geriert sich zwar als Mann des einfachen Volks, der sich der „Armutsbekämpfung“ in den Provinzen verschrieben hat. Doch gleichzeitig verlangt er, dass sein Volk möglichst wenig von eben jenen sozialen Problemen zu sehen bekommt: Die Künste sollen laut Xi „positive Energien“ versprühen und die Leute „harmonisieren“.

In der offiziellen Propaganda gilt die „extreme Armut“ in China dank der Regierungsvorkehrungen bereits seit Anfang 2021 als „besiegt“. Dementsprechend darf sie auch nicht in Werken wie „Return to Dust“ porträtiert werden.

Wie wenig Respekt die Zensurbehörden vor der Kunstfreiheit haben, zeigten sie bereits vor mehreren Monaten: Denn noch ehe „Return to Dust“ vollständig verboten wurde, änderten sie bereits das deprimierende Ende des Films in ein klassisches „Happy End“. So hieß es in einem nachträglich eingefügten Abspann-Text, dass der verarmte Protagonist es nun – mit Hilfe der Regierung – geschafft habe, von seinem heruntergekommenen Bauernhaus in eine moderne Wohnung zu ziehen.

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