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Die Einbrecherin Nathalie (Jasna Fritzi Bauer) wird von zwei Männern (Amin Azzouz und François-Dominique Blin) erwischt und gestellt.

TV-Kritik: „Charlotte Link: Die Entscheidung“ (Das Erste)

Krimi im Ersten: Menschenjagd an der Küste der Provence

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Das Erste zeigt einen weiteren Krimi nach einer Vorlage der Bestsellerautorin Charlotte Link.

Nach „Im Tal des Fuchses“ präsentiert das Erste mit „Die Entscheidung“ binnen einer Woche eine weitere Verfilmung eines Stoffes der Bestsellerautorin Charlotte Link. Link schreibt – unter anderem – Kriminalromane, deren Handlung nicht aus polizeilicher Warte entwickelt wird. Vielmehr wählt sie häufig einen Einstieg über mehr oder minder unfreiwillig betroffene private Personen. In manchen Augen gelten diese Romane deshalb nicht als Krimis. Eine unzutreffende Verengung – das Genre kennt viele Spielarten. Auch solche, die gänzlich ohne Morde auskommen.

„Die Entscheidung“ allerdings erfüllt diese Erwartungshaltung. Wenn auch nicht gleich in den ersten Minuten. Der Auftakt gerät dennoch spannend. In einem illegalen Pariser Bordell stiehlt sich eine junge Frau nächtens in ein Büro, lädt Daten von einem Computer. Draußen wartet nervös Jerome Deville (Frederick Lau) im Auto. Der Fluchtversuch wird entdeckt, gelingt mit knapper Not.

„Die Entscheidung“ stammt aus gleicher Produktion wie zuvor „Im Tal des Fuchses“ 

Der Deutsche Simon Lemberger (Felix Klare) weiß von all dem nichts. Er hat für sich und seine Kinder eine Ferienvilla nahe Marseille gemietet. Doch die Kinder sagen ab, bleiben lieber bei der Mutter, mit der Lemberger in Scheidung lebt. Er lädt seine neue Freundin Kristina Dembrowski (Theresa Underberg) ein. Die lehnt zunächst ab, macht sich dann aber doch auf den Weg, um ihn zu überraschen. Eine fatale Entscheidung. Und nicht die einzige.

Bei seinen einsamen Spaziergängen stößt Lemberger auf Nathalie Boudin (Jasna Fritzi Bauer), eine Streunerin mit tragischer Vorgeschichte. Spontan entschließt sich Lemberger, ihr zu helfen. Und verstrickt sich damit arglos in komplexe Vorgänge, die ihn in Lebensgefahr bringen und zum Mordverdächtigen machen werden. Die Affäre nimmt ihren Anfang im bulgarischen Sofia, wo ein Teenager den Verheißungen einer angeblichen Model-Agentin (Lina Wendel) erliegt und wenig später von skrupellosen Menschenhändlern zur Prostitution gezwungen wird. Als die versprochenen Lebenszeichen ausbleiben, machen sich ihre Eltern - Schauspielerin Simona Theoharova spielt dabei Ivana Danko* - auf die Suche …

„Die Entscheidung“ leidet unter papierenen Dialogen

„Die Entscheidung“ stammt aus gleicher Produktion wie zuvor „Im Tal des Fuchses“. Entsprechend verwunderlich ist das unübersehbare Qualitätsgefälle. „Die Entscheidung“ zeigt nahezu sämtliche Untugenden, die die Eigenproduktionen des ARD-Unternehmens Degeto einst in Verruf gebracht haben. Ein Rückfall sozusagen, da die Degeto das Niveau ihrer Programmbeiträge in den letzten Jahren merklich verbessern konnte. Aber hier sind sie wieder, die papierenen Dialoge. Baukastensätze wie „Trauen Sie ihm einen Mord zu?“ Bedeutungsschwanger aufgesagte Binsenweisheiten: „Wenn wir Nathalie Bourdain finden, finden wir auch ihren Freund.“ Bis hin zu schierem Unsinn: „Das Impressum auf der Webseite existiert nicht.“ Doch, es existiert. Nur sind die Angaben dort gefälscht.

„Die Entscheidung“: Vieles ist undurchdacht, bis hin zum Einsatz der Sprache

„Charlotte Link: Die Entscheidung“, Donnerstag, 9.1., Das Erste

Die szenische Auflösung gibt den Schauspielern nur wenig Möglichkeiten, mehr als Schablonen zu entwickeln. Den Figuren mangelt es an Motivation, Regisseur Sven Fehrensen gewährt ihnen kaum Geheimnisse. Wenn die französischen Kriminalpolizisten (Jeannette Hain und Christian Kuchenbuch) ins Spiel kommen, dann tauschen sie demonstrativ misstrauische Blicke als Signal an das Publikum, dass einer von beiden korrupt ist. Nicht schwer zu erraten, um wen es sich handelt.

Vieles hier ist undurchdacht, bis hin zum Einsatz der Sprache. Natürlich reden alle Akteure deutsch miteinander, so wie in Hollywood-Filmen alle Auftretenden englisch sprechen. Warum aber erfolgt dann eine Telefonansage plötzlich auf Französisch? Eine irritierende Inkonsequenz und ein weiterer Mangel von vielen, nicht zuletzt in Anbetracht des Umstands, dass in Südfrankreich, Paris und Sofia gedreht, also ein relativ hoher Aufwand getrieben wurde. Nur machen die adretten Impressionen von der Niederprovence alleine noch keinen guten Film.

Bei Anne Will saß eine Runde gut betuchter Politiker und ließ sich über die Mittelschicht, oder was sie dafür hielten, aus.

Von Harald Keller

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„Obwohl ich dich liebe“: Eine Serie, bei der einem der Atem wegbleibt: Diese atemberaubende französische Mini-Mini-Serie fächert an einem einzigen Abend eine komplexe Krimi-Intrige auf, die sich über Jahrzehnte erstreckt.

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