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Nina Kunzendorf (l.), hier mit Patricia Meeden.
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Nina Kunzendorf (l.), hier mit Patricia Meeden.

„Charité“

Unter Rechtschaffenen

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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In der dritten Staffel wird „Charité“ zur echten Krankenhausserie.

In der dritten Staffel biegt „Charité“ deutlich in Richtung Krankenhausserie ein. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass „Charité“ tatsächlich eine Krankenhausserie ist. Bisher ließ sie es sich aber nicht anmerken. Jetzt leuchtet in der Regie von Christine Hartmann und auf Drehbücher von Stefan Dähnert, Regine Bielefeldt und John-Hendrik Karsten – dazu reichhaltige Fach- und PR-Beratung durch die heutige Charité – die vertraute Struktur selbstbewusst und manchmal arg durch.

Dazu gehört jener merkwürdige und Außenstehenden unbegreifliche Rhythmus aus beruflichem Stress und Privatgesprächen, für die die Zeit stehenbleibt; dabei nimmt die Not der Patientinnen und Patienten immer eine gewisse Rücksicht auf die Dramaturgie. In der episodenhaften Abfolge von hochdramatischen Beziehungsproblemen und hochdramatischen Einlieferungen sind die entscheidenden Ärztinnen und Ärzte stets unmittelbar zur Hand.

Diese Episoden werden diesmal auf das Jahr 1961 und die Situation in Ost-Berlin hin geschrieben. In einigen Tagen wird die Mauer gebaut, mitten in der Serie und mitten im August vor kahlen Bäumen, das Fernsehen kann viel, aber offenbar nicht alles. Umso liebevoller ist nachher die moderne Wohnung der Rapoports eingerichtet. Das Berliner Krankenhaus ist jetzt Grenzgebiet. Teile des Personals waren schon vorher auf dem Sprung. Wie in den anderen Staffeln gelingt es gut, die Zeitgeschichte neben den Figuren herlaufen zu lassen und zu demonstrieren, wie man gerade das Historische um sich herum häufig verpasst.

Auch die Episoden selbst sind zeitspezifisch, und immer kann man etwas dabei lernen. Für den an Kinderlähmung erkrankten Jungen aus Westberlin, der anders als die Ostberliner Kinder nicht gegen Polio geimpft ist – eine besonders vielsagende Ausgangssituation im Januar 2021 –, muss die Eiserne Lunge aus der Rumpelkammer geholt werden, die in der DDR nämlich nicht mehr benötigt wird. Nina Kunzendorf als Kinderärztin Ingeborg Rapoport (1912-2017) beglaubigt durch ihr immens konzentriertes, sachliches Spiel die unwahrscheinliche, aber nicht unmögliche Szene, in der sie zuerst cool und fix selbst in die Röhre (die entsetzten Eltern: den „Sarg“) klettert. Sie will ausprobieren, ob das Teil noch funktioniert und ungefährlich ist.

Als das Faktotum (Uwe Preuss) eine Blutvergiftung erleidet und ein strapazierter Landwirt wegen der Mangelernährung mit Mais parallel dazu so erkrankt, dass er ebenfalls Penicillin bräuchte, ist nur noch eine Dosis vorhanden. Eine Triage steht an, jedoch fährt der österreichische Charité-Gerichtsmediziner Otto Prokop (1921-2009) – sehr ausgeruht, nüchtern und unterhaltsam: Philipp Hochmair – in den Westen, um Abhilfe zu schaffen. Dass die Bergarbeiter der Wismut nicht an herkömmlichen Staublungen leiden, wird ebenso deutlich wie der Druck, unter dem junge Turnerinnen im jetzt endgültig geteilten Land stehen (wenngleich diese Episode besonders teenagerhaft wirkt, aber, ja, es sind schließlich Teenager).

Die Modernität der Charité zeigt sich wiederum, wenn der (NS-vorbelastete) Frauenarzt Helmut Kraatz (1902-1983), in einem genialischen Einfall mit Uwe Ochsenknecht besetzt, einem Hermaphroditen wissenschaftlich und psychologisch informiert begegnet. Auch hier ist es das fabelhafte Spiel Ochsenknechts, das der ansonsten etwas offensichtlich aufschlussreichen und Anschluss an heutige Themen suchenden Szene ein Gütesiegel gibt. Das Fadenscheinige können er, Kunzendorf und Hochmair aus ihren Abteilungen dadurch ganz gut heraushalten. Schwieriger ist es für Nina Gummich als fiktive Ärztin Ella Wendt, die diesmal den Part der offenbar zwingend weiblichen Identifikationsfigur übernimmt.

Interessant und vielleicht die Tücke der Staffel, dass gerade hier, wo aus der Episodenstruktur ausgebrochen und die große Geschichte erzählt wird, eine gewisse Arglosigkeit herrscht. Ella Wendt ist eine fabelhafte und irgendwie tiefsinnige, aber auch patente und spitzbübisch lächelnde Ärztin und Krebsforscherin zwischen zwei Männern, einem aufmüpfigen Chirurgen, Franz Hartwig, und einem angepassten Internisten, Max Wagner. Am Ende wird es aber die Charité selbst sein, die ihre große Liebe ist. Die Schlussszene ist ein in diesem Ausmaß doch verblüffendes Bekenntnis zur Corporate Identity. Ich würde mich natürlich auch total freuen, wenn ich eine Klinik wäre und so über mich berichtet würde.

Das Grundgefühl, dass vieles faul im Staate, das Dableiben jedoch die anständige Wahl sein kann (dass das Dableiben überhaupt eine Frage des Anstands sein sollte), wird ja in etlichen historischen Zusammenhängen immer wieder einmal aufgerufen. Es ist mindestens ambivalent.

„Charité 3“ : ARD, Teile 1/2 um 20.15 Uhr, 3/4 und 5/6 an den kommenden Dienstagen. Komplett in der Mediathek.

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