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Demonstration vor dem Salle Pleyel, wo die Césars vergeben wurden.

„Schande“

César für Roman Polanski: Eine letzte Trotzgebärde

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Trotz heftiger Proteste hat der Filmemacher Roman Polanski in Paris den Regie-César erhalten. Dafür muss der Pate des französischen Kinos abtreten.

Es war kurz nach Mitternacht, als sich die gewaltige Spannung eines ganzen Abends, ja des ganzen Frühjahrs, durch einen einzigen Schrei löste. Hunderte von Frauen hatten zuvor vor dem Pariser Pleyel-Saal mit Leuchtraketen gegen die elf Nominierungen des Polanski-Films „Intrige“ (Originaltitel „J’accuse“) demonstriert. Sie zündeten Leuchtraketen, versuchten den roten Teppich loszureißen, auf dem die Galagäste zur César-Verleihung eintrafen, und schwenkten Plakate mit dem Satz: „Vergewaltiger und Pädokriminelle zu schützen, ist ein Akt widerlicher Komplizenschaft.“

Seit Wochen hatte sich die Lage in der französischen Kinobranche zugespitzt. Jüngere Filmschaffende warfen den César-Verantwortlichen vor, sie schützten Polanski gegen die Vergewaltigungsvorwürfe mehrerer Frauen und förderten gar seinen neuen Film. Mitte Februar führte ein offener Brief von 400 Filmschaffenden in der Zeitung „Le Monde“ zum Umsturz: Der mächtigste Mann des französischen Films, Alain Terzian, ein 70-jähriger armenischstämmiger Lobbyist alter Schule, von „Le Monde“ als „Pate“ betitelt, musste, zusammen mit dem ganzen Verwaltungsrat der César-Akademie, den Hut nehmen.

Am Freitagabend zog Terzian hinter den Kulissen der César-Zeremonie noch einmal die Fäden. Polanski (86) hatte am Vortag darauf verzichtet, an dem Galaabend zu erscheinen, um nach eigener Darstellung einem „selbsternannten Meinungstribunal“ und einer „öffentlichen Lynchjustiz“ zu entgehen. Bei der mehrstündigen Preisverleihung ersetzte Zeremonienmeisterin Florence Foresti den Namen Polanski durch ein vorsätzliches Niesen, wenn sie den polnisch-französischen Regisseur erwähnen musste; der Schauspieler Jean-Pierre Darroussin murmelte seinen Namen unverständlich.

Zwei kleinere Auszeichnungen hatte der Film Polanskis schon erhalten, als die zurückgehaltenen Leidenschaften ausbrachen: Um 00.15 Uhr ging der Regiepreis zur allgemeinen Überraschung an Polanski. Ebenso groß war nun die Empörung. Die Auszeichnung für den besten Film wäre noch einigermaßen vertretbar gewesen, ist doch „Intrige“ über die Dreyfus-Affäre ein so starker Film, dass Terzian seit Monaten die Meinung vertreten konnte, dass man ein Werk ehren könne, ohne sich zur Person des Machers zu äußern.

Dass Polanski ausgerechnet den personenbezogenen Preis für die beste Regie erhielt, war zu viel. Durch den Saal ging ein einzelner Schrei: „Schande“, rief Adèle Haenel, eine in Frankreich sehr bekannte Schauspielerin und selbst Vergewaltigungsopfer. Die junge Frau erhob sich und verließ zusammen mit anderen Gästen den Pleyel-Saal.

„Schande“ hieß es daraufhin auch in zahllosen Twitter-Variationen; Foresti tippte ins Telefon, sie sei „angeekelt“, und kam nicht mehr auf die Bühne. Sogar Kulturminister Franck Riester sprach von einem „schlechten Symbol“, bezeichnete den Regiepreis als problematisch, weil er „nicht nur das Werk, sondern auch den Mann“ feiere.

Zurück bleibt der Eindruck, dass die umstrittene Preisverleihung ein „letztes Ehrengefecht“ (so das Magazin „Causeur“) des Terzian-Clans war. Sein kollektiver Rücktritt macht in Paris nun den Weg frei für eine neue Generation von Filmemachern. „Revolutionen werden immer von großen Hoffnungen getragen“, sagte die Schauspielerin Sandrine Kiberlain nach dem chaotischsten César-Abend der 1976 ins Leben gerufenen Ehrung.

Die jüngeren Filmschaffenden verlangen nicht nur mehr Frauensicht, sondern auch mehr ethnische Vielfalt. Zum Ausdruck kam dies bereits durch den César für den besten Film, der an das Banlieue-Polizeidrama „Les Misérables“ (Die Wütenden) von Ladi Ly ging. Der César des besten Erstfilms ging an „Papicha“ von Mounia Meddour und als bester Schauspieler wurde Roschdy Zem geehrt, der den Maghreb-Faktor des französischen Kinos verkörpert und den Preis seit Jahren verdient hätte.

Neben Polanski sagte noch jemand im letzten Moment seine Anreise für den César-Abend ab: Brad Pitt, der für einen Ehren-César vorgesehen war, hielt wohl lieber Distanz zu den hochwogenden Pariser Leidenschaften.

Von Stefan Brändle

Der japanische Meisterregisseur Hirokazu Kore-eda beschert in seinem ersten französischen Film Catherine Deneuve eine Paraderolle: „La Vérité – Leben und lügen lassen“.

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