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„I Care a Lot“: Rosamund Pike as „Martha“ and Dianne Wiest as „Jennifer“.
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„I Care a Lot“: Rosamund Pike als „Martha“ und Dianne Wiest als „Jennifer“.

„I Care a Lot“

„I Care a Lot“ auf Netflix: Die Hexe und der Pflegenotstand

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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J Blakesons Netflix-Gaunerkomödie „I Care a Lot“ nähert sich dem Thema ausbeuterischer Altenbetreuung mit hemmungslosem Zynismus.

Wer erinnert sich noch an „Lina Braake“? 1975 gelang dem Frankfurter Filmemacher Bernhard Sinkel mit dieser schwarzen Komödie aus einem Altenheim eines der unterhaltsamsten Werke des „Neuen deutschen Films“: Lina Carstens spielt darin eine rüstige Rentnerin, die sich gemeinsam mit einem entmündigten Ganoven an der Bank rächt, die sie zuvor aus ihrer Wohnung geworfen hat.

Der politische Zündstoff der Geschichte wurde nicht gerade versteckt; Sinkel schrieb die linke Botschaft gleich in den vollen Titel: „Lina Braake oder Die Interessen der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat“. Ein Wiedersehen mit diesem etwas unterschätzten Klassiker ist auf DVD leicht möglich.

Netflix greift in der Corona-Krise auch nach „I Care a Lot“

Inzwischen sind Alten- und Pflegeheime zu einem riesigen Wirtschaftsfaktor geworden, und man wundert sich, dass es nicht mehr Filme wie „Lina Braake“ gibt. Nun hat Netflix dem Corona-gebeutelten Filmmarkt eine pechschwarze Gangsterkomödie aus diesem Milieu abgekauft, aber der Witz ist nicht mehr auf der Seite der Alten. Erstaunlich, wie so etwas möglich ist.

Hollywood-Veteranin Dianne Wiest spielt eine rüstige alte Frau, die ohne jede Warnung aus ihrer hübschen Villa in ein Altenheim verfrachtet wird. Eine Amtsbetreuerin präsentiert der sprachlosen Mrs Peterson einen Gerichtsbeschluss, und ein Polizeiwagen eskortiert sie in ihr neues Wohngefängnis. Zur Finanzierung des schweineteuren Altenheims, vor allem aber zur Bereicherung ihrer Betreuerin, werden binnen Wochen Petersons Hab und Gut versteigert.

Die gierige und menschenverachtende Betreuerin namens Marla Grayson ist die eigentliche Protagonistin des Films. Die britische Schauspielerin Rosamund Pike („Gone Girl“) kleidet sie in die eisige Schönheit einer Disneyhexe. Fast sieht es im Verlauf dieser wendungs-, aber deshalb nicht unbedingt einfallsreichen Geschichte sogar einmal so aus, als ereilte sie auch ein angemessen finsteres Schicksal. Doch dies ist die Sorte von Trickster-Film, bei dem die Sympathien im Zweifelsfall doch immer noch bei den Bösen sind.

Was Tarantino kann, kann „I Care a Lot“ leider nicht

Das kann im Kino wunderbar funktionieren, zum Beispiel wenn Quentin Tarantino Elmore Leonard verfilmt. Voraussetzung allerdings ist, dass der Zynismus der Hauptfiguren nicht auch noch hinter der Kamera die einzige Haltung bleibt.

Es gibt einen Moment, an dem das Drehbuch, das der britische Regisseur J Blakeson selbst geschrieben hat, noch aufzugehen scheint. Da trifft die Superböse auf noch Bösere, und das ist immer gut. Denn der dicke Fisch, den Marla Grayson sich mit Mrs Peterson geangelt hat, genießt den Schutz eines Gangsterclans. In der Rolle des Anführers gibt Peter Dinklage eine schillernde Performance, die dem Film mit etwas Fantasie völlig neue Perspektiven öffnen könnte. Doch das Drehbuch ist dafür leider viel zu konventionell.

Überdies fragt man sich bald, wie sich diese Gangsterburschen in ihrem Unterweltdasein so lange haben behaupten können, wenn sie nicht einmal in der Lage sind, eine alte Dame aus einem Altenheim zu befreien. Oder wenn sie Marla zwar dingfest machen, sie aber dann so stümperhaft in ihrem Auto im Wasser versenken, dass sie wieder herauskrabbeln kann.

„I Care a Lot“ ist allerdings auch keine echt groteske Gaunerklamotte

Für eine grotesk-humorige Gaunerklamotte ist der Film anderseits wiederum zu ernst. Schließlich streift man ja einen der schlimmsten Auswüchse neoliberaler Sozialpolitik, die Privatisierung der Altenbetreuung und die geringe öffentliche Kontrolle. Auch wenn ein so sorgloses Rechtswesen, wie es hier ohne Anhörung der alten Menschen Entmündigungen ausspricht, natürlich gleichfalls eine Karikatur darstellt.

Aber auch in schwarzen Komödien wirken Überzeichnungen ohne menschliche Erdung selten plausibel. Wie hemmungslos zynisch dieser Filmemacher selbst auf seine Figuren blickt, ahnt man gleich zu Beginn: Die Scharlatanin Marla Grayson ist nicht nur die Karikatur einer erfolgreichen Geschäftsfrau; sie muss auch noch eine lüstern ausgestellte lesbische Beziehung zu ihrer Geschäftspartnerin haben, um das frauenfeindliche Bild komplett zu machen.

Mag sein, dass Netflix die immense Länge von „I Care a Lot“ gefiel

Es gibt so viel Unnötiges an dieser Gangsterkomödie, dass man sich andererseits fragt, wie schließlich die von Dianne Wiest mit der lässigen Pointiertheit einer Judy Dench verkörperte Mrs Peterson in der Geschichte förmlich vergessen werden kann. Aber die Opfer sind nun einmal zweitrangig in einem Film, der sich den Zynismus seiner Figuren zu eigen macht.

Netflix dürfte an „I Care a Lot“ besonders die unnötig lange Laufzeit von zwei Stunden gefallen haben: Je mehr Zeit man vor ihrer App verbringt, desto schlechter für Amazon prime oder Apple TV. Nicht nur die Altenpflege, auch die Kultur ist eben eine Handelsware.

I Care a Lot. USA 2020. Regie: J Blakeson. 118 Minuten.

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