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Außerirdisch? Mit schottischem Akzent? Die fabelhafte Tilda Swinton blinzelt auch da nicht.

„The Dead Don’t Die“

Jim Jarmusch lässt in Cannes Zombies gegen Hipster antreten

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Jim Jarmusch eröffnet das Cannes-Filmfestival mit der Untoten-Komödie „The Dead Don’t Die“: Der Film ist im Wettbewerb zwar chancenlos, aber ziemlich lustig.

Eröffnungsfilme großer Festivals wollen meist jedem gefallen – womit sie natürlich gerade ihr Publikum unterschätzen. Wer erinnert sich noch an den Auftakt der letzten Berlinale mit dem verspäteten Weihnachtsfilm „The Kindness of Strangers“? Nach der niederschmetternden Resonanz verschwand der Film förmlich von der Bildfläche. Nirgends auf der Welt ist noch ein Kinostart angekündigt.

In Cannes wagte man am Dienstag etwas anderes. Zwar wollte das Festival die geladenen Gäste – zu einem großen Teil filmferne Honoratioren aus der Region – ebenfalls nicht mit allzu schwerer Filmkunst überfordern. Aber niemand wird so naiv gewesen sein, zu glauben, ausgerechnet mit einer Zombie-Komödie jeden zu erfreuen. Jim Jarmuschs „The Dead Don’t Die“ ist eher der typische Mitternachtsfilm eines Festivals. Leider lief er dafür offenbar ein paar Stunden zu früh. Lobende Worte waren beim anschließenden, verregneten Festschmaus am Strand kaum aufzuschnappen. Was aber auch wieder ungerecht ist. Es gibt eigentlich ständig etwas zu lachen.

Bill Murray und Adam Driver als Kleinstadtpolizisten

Vielleicht noch nicht, wenn die erste Einstellung erwartungsgemäß einen Friedhof zeigt. Oder bald darauf eine knochige Hand unter einem Grabstein hervorfingert (als Kind beneidete ich meinen Freund um seine Spardose in Form eines Sarges, die sich mit gleicher Geste ihre Münzen holte). Nein, lustig ist schon der verbissen-ungerührte Gesichtsausdruck von Bill Murray und Adam Driver als Kleinstadtpolizisten in ihrer ersten Szene. Einen zweiten brauchen sie den ganzen Film über nicht aufzusetzen. Nicht, nachdem Sara Driver (Jarmuschs Stammschauspielerin, nicht verwandt mit Adam) und Iggy Pop als Zombies ihr blutiges Werk verrichtet haben. Und auch nicht, als es im ganzen Ort vor Untoten wimmelt.

Ganz in der Tradition von George A. Romeros Zombie-Klassikern zieht es die Zombies jeweils zur früheren Bestimmung ihres Erdendaseins. Nur ein besonders geliebtes Wort haben sie auf ihren grauen Lippen, „Chardonnay“ zum Beispiel. Oder: „Wi-Fi“: Selig mümmelt das einmal eine ganze Gruppe von Untoten und leuchtet dabei mit kaputten Handys. Neu ist eigentlich nur das Übel, das die Untoten an die Oberfläche gejagt hat: das unselige Fracking.

Steve Buscemi als Farmer, Danny Glover als sein bester Freund

So simpel sich die Leidenschaften der Toten auch ausnehmen, die lebenden Charaktere sind – genretypisch – kaum komplexer gezeichnet. Steve Buscemi hat einen kurzen Auftritt als Farmer, der ein Buch liest mit dem Titel „Keep America White Again“. Seinen besten Freund spielt allerdings – ha, ha – der Afroamerikaner Danny Glover. Wie es sich für Genreparodien gehört, schwelgt Jarmusch in Bekanntem. Manchmal ist es aber dann doch allzu bekannt.

Die Kleinstadt Centerville, die nur aus Tankstelle, Diner, Motel und Friedhof zu bestehen scheint, könnte schon tausendmal gefilmt worden sein. Tom Waits komplettiert sie als Obdachloser. Zeitnah gewählt sind immerhin die bevorzugten Opfer der Zombies: unbedarfte Hipster aus der Stadt. Das Wort „Hipster“ fällt so oft, als sei es schon von sich aus lustig. Andererseits werden sie vermutlich in Scharen in diesen Film strömen.

Tilda Swinton ist Jim Jarmuschs Lieblingsdarstellerin

Drei wohlsituierte jugendliche Exemplare fahren mit einem schicken Oldtimer vor. Dass es sich dabei ebenfalls um ein Filmzitat handelt, wird Unkundigen im Dialog sofort erklärt: Man kennt das Model, einen 1967er Pontiac Lemans, aus dem stilbildenden Film „Die Nacht der lebenden Toten“. Irgendwann muss auch Jarmusch aufgefallen sein, dass er mit Filmzitaten alleine noch nicht bestehen kann. So hat er sich für Lieblingsdarstellerin Tilda Swinton eine Rolle ausgedacht, die nun wirklich kein Vorbild hat: Sie spielt tatsächlich eine im Schwertkampf versierte, außerirdische Leichen-Kosmetikerin mit schottischem Akzent. Auch das sorgt bei den coolen Dorfpolizisten Bill Murray und Adam Driver kaum für erhobene Augenbrauen.

Man muss schon etwas übrig haben für diese Lässigkeit des Humors – ein Understatement, das ganz und gar dem Wesen des Regisseurs entspricht. Als ich mich einmal gegenüber Jim Jarmusch als Kölner vorstellte, sagte er ohne mit der Wimper zu zucken: „Ach, das ist doch die schöne Stadt mit dem Rewe am Flughafen, der die ganze Nacht offen hat.“

Nun sind eben die Gräber offen, und das ist auch kein großes Ereignis. Jedenfalls nicht für die Dorfpolizei. Nein, Tote werden durch dieses Grusical nicht wieder lebendig, aber auch wenn „The Dead Don’t Die“ in diesem Wettbewerb gänzlich chancenlos gestartet ist, ist es doch ein Spaß.

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