+
Filmfestival in Zeiten des Terrors: Soldaten marschieren in Cannes auf.

Cannes-Festival

Cannes wird zum Hochsicherheitstrakt

  • schließen

In Frankreich herrscht noch immer ein hohes Terror-Risiko. Hunderte Polizisten, Security und Spezialkräfte stehen zum Schutz der Festivalbesucher bereit.

Cannes im Ausnahmezustand – wie oft hat man das schon um diese Jahreszeit über den noblen Riviera-Badeort gelesen, und diesmal ist es sogar wahr. Die französische Regierung hat bereits ihre Absicht bekundet, die nach den Terroranschlägen im vergangenen November verhängte Einschränkung der Bürgerrechte bis zur kommenden Europameisterschaft auszuweiten.

Doch zunächst einmal wird man die Gelegenheit nutzen, das Bedrohungsszenario während des Festivals filmreif in alle Welt zu übertragen. Am Montag erklärte Innenminister Bernard Cazeneuve vor Journalisten, noch immer herrsche in Frankreich ein hohes Terror-Risiko. Hunderte von Polizisten, 400 Security Agenten sowie einsatzbereite Spezialkräfte würden zum Schutz der 45.000 Festivalbesucher aufgeboten. Die Gäste und Journalisten müssen sich dabei auf spontane Durchsuchungen auch ohne Verdacht gefasst machen, wie sie durch den Ausnahmezustand gedeckt sind.

Bereits am 21. April probten Einsatzkräfte medienwirksam einen Einsatz am Festivalpalais. Schon seit dem 11. September 2001 waren Taschen- und Personenkontrollen an den Eingängen obligatorisch, man kann gespannt sein, wie sich das noch steigern lässt.

Ambiente für den Paranoiker

Was für ein Ambiente für den großen Paranoiker Woody Allen, der am heutigen Mittwoch das 69. Festival eröffnen darf. Dann läuft außer Konkurrenz seine romantische Komödie „Café Society“ mit Jesse Eisenberg als ehrgeizigem jungen Schriftsteller, der sein Glück ausgerechnet dort versuchen möchte, wo Autoren wohl am wenigsten gelten – in klassischen Hollywood der Dreißiger Jahre. Kirsten Stewart aus den Twilight-Filmen ist seine Partnerin.

Einen guten Teil seines Star-Feuerwerks zündet das Festival schon an den ersten Tagen. Am Donnerstag präsentiert Jodie Foster ihre neueste Regiearbeit „Money Monster“. George Clooney spielt darin einen Finanz-Journalisten, dessen Fernsehsendung von einem glücklosen Anleger (Jack O’Donnell), der sich an die Investmenttipps der Fernsehpersönlichkeit gehalten hat, gestürmt wird. Der heimliche Star des Films ist indes Julia Roberts in der ungewohnten Rolle der resoluten Senderchefin.

Cannes hat sich für seine 69. Ausgabe so viel Prominenz eingeladen, als wäre es schon der siebzigste Geburtstag. Außer Konkurrenz lockert man auch gerne den eigenen Anspruch als führendes Filmkunstfestival und bietet auch einem Russell Crowe die große Bühne für die Krimikomödie „The Nice Guys“. Selbst das anspruchsvoll auftretende Gegenfestival „La Quinzaine des Réalisateurs“ schmückt sich zum Abschluss mit Auftritten von Nicolas Cage und Willem Dafoe in einem Action-Drama des seit langem glücklosen New-Hollywood-Veteranen Paul Schrader.

Wieder einmal verspricht der „Taxi-Driver“-Autor in „Dog Eat Dog“ ein Spiel mit Genrekonventionen. Die werden auch im offiziellen Programm noch einmal hoch gehalten: Steven Spielberg hat in „Big Friendly Giant“, kurz „BFG“ genannt, noch einmal die bewährte „E.T.“-Formel einer ungleichen Freundschaft zwischen Kind und liebenswertem Alien ausgemottet. Und Genre-Veteran Paul Verhoeven (77) erhofft sich jenseits von Hollywood ein Comeback mit dem Psychothriller „Elle“, einer klassischen Rachegeschichte um ein von Isabelle Huppert gespieltes Vergewaltigungsopfer.

Soviel Genre könnte die anspruchsvolle Filmkunst förmlich erdrücken. Vorsichtshalber besetzte Jim Jarmusch die Rolle des dichtenden Busfahrers in seinem Road Movie „Paterson“ mit Adam Driver, dem Darsteller des Kylo Ren aus dem jüngsten Star-Wars- Film „Das Erwachen der Macht“. Man sagt gerne, „das Leben imitiert das Kino“, doch häufiger ist es umgekehrt. Sie wie in den meisten Industrieländern das Gefälle zwischen Arm und Reich immer größer wird, kennt auch das Kino wenig Spielraum zwischen den Extremen.

Blockbuster und Kunstkino könnten sich dieses Jahr in Cannes wie getrennte Welten gegenüber stehen. Ironischerweise könnte genau davon ein Beitrag aus Deutschland profitieren: Maren Ades Tragikomödie „Toni Erdmann“ ist mit seinen 162 Minuten schon rein äußerlich ein Monument unter den kleineren Filmen. Und wie der von Peter Simonischek gespielte Scherzbold darin seine von Sandra Hüller gespielte Tochter, eine Managerin, aus ihrer Bahn wirft, könnte es auch mit dem Festival geschehen. Noch immer waren es am Ende die künstlerischen Positionen, die allen Glamour in den Schatten stellten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion