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Cannes vor der Eröffnung: Sterne am Mittag

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Von: Daniel Kothenschulte

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Das diesjährige Cannes-Motiv wird aufgehängt.
Das diesjährige Cannes-Motiv wird aufgehängt. © AFP

Heute meldet sich das Festival von Cannes zurück – mit einem selten starken Aufgebot.

Da strahlt er also wieder, der rote Teppich unter der Sonne der Côte d’Azur, und alles könnte so sein wie vor der Pandemie. Vom Partyverbot des letzten Jahres ist nicht mehr die Rede, und das Wettbewerbsprogramm klingt vielversprechend. Von 21 Beiträgen stammen vier von ehemaligen Gewinnern: den belgischen Dardenne-Brüdern, dem Rumänen Christian Mungiu, dem Schweden Ruben Östlund und dem Japaner Hirokazu Koreeda. Auch sonst scheint alles beim Alten: Der Frauenanteil ist niedrig (nur drei Filme im Rennen um die Goldene Palme wurden allein von Frauen inszeniert, ein weiterer hat eine Co-Regisseurin), und aus Deutschland hat es niemand in die Hauptkonkurrenz geschafft.

Aber natürlich ist nichts wie immer, wie sollte es, wenn der Krieg in der Ukraine täglich neue Opfer fordert. Man kommt nicht heraus aus dem Dilemma: Selbstverständlich darf die Kunst deshalb nicht schweigen, aber wenn ein Festival sich so festlich gibt wie dieses, wenn der Partylärm etliche Promenadenkilometer tönt, bleibt da immer eine Schieflage. Umso wichtiger wird es sein, die Wirklichkeit nicht auszusperren. So wie man sich umgekehrt erhoffen darf, dass die Welt da draußen dem Kino auch in dieser Zeit die Treue hält.

Der litauische Filmemacher Mantas Kvedaravicius zeigte 2016 auf der Berlinale „Mariupolis“, seinen Dokumentarfilm über die damals von separatistischen Truppen angegriffene ukrainische Hafenstadt Mariupol. Nach Beginn der Belagerung durch russische Truppen reiste Kvedaravicius abermals dorthin und kam nicht mehr zurück. Der Filmemacher, der in Cambridge in Sozialanthropologie promoviert worden war, wollte Kriegsverbrechen dokumentieren. Nach Angaben mehrerer Freunde wurde er von russischem Militär gefangengenommen und erschossen. Sein posthum fertiggestelltes Werk „Mariupolis 2“ hat nun Premiere als „special screening“.

Nicht vergessen werden darf in Cannes aber auch das Schicksal der türkischen Produzentin Çigdem Mater, verantwortlich unter anderem für Ai Weiweis Dokumentarfilm „Human Flow“. Gleichsam im Windschatten des Kriegs in der Ukraine eskalieren in der Türkei die Menschenrechtsverletzungen. Mater gehört zu den sieben Kulturschaffenden, die gemeinsam mit dem Mäzen Osman Kavala zu drakonischen Haftstrafen verurteilt wurden, in ihrem Fall zu 18 Jahren.

Auch auf den Eröffnungsfilm am heutigen Dienstag ist bereits ein Schatten des Kriegs gefallen. „Z (Comme Z)“ hatte Michel Hazanavicius seine Zombie-Komödie genannt, dann machte der Missbrauch des Buchstabens durch die russische Propaganda den Titel unmöglich. Nun heißt der Film „Final Cut“, und man kann hoffen, dass es dem Regisseur damit gelingt, an die Qualität seines Oscar-Gewinners „The Artist“ anzuknüpfen.

„Mir wird man nie einen Oscar geben“, zeigte sich der 79-jährige Kanadier David Cronenberg im persönlichen Gespräch dagegen überzeugt. Das macht seine Werke im von ihm geprägten „Body Horror“-Genre nur noch begehrenswerter. In seinem Wettbewerbsbeitrag „Crimes of the Future“ spielt Viggo Mortensen einen Performancekünstler, der sich auf der Bühne seine Organe heraustrennt. Glücklicherweise wachsen ihm gleich neue nach.

Ganz so bruchlos vollzieht sich der Wandel der Filmkultur zwar nicht, aber sie ändert sich gerade vor aller Augen. Der Boom von Streamingdiensten und Serienformaten hat das Kino in die größte Krise seit vielen Jahren gestürzt. Cannes versteht sich hier als Bastion der Leinwandkunst, und das Programm wirkt wie ein Manifest dazu. Auch Hollywood hat das verstanden und ist wieder mit aufwendigen und prestigeträchtigen Produktionen vertreten.

Tom Hanks, schillernd

Tom Cruise landet als „Top Gun Maverick“ in Joseph Kosinskis gleichnamigem Fortsetzungsfilm, den man der Presse schon gezeigt hat – ein federleichter, zeitloser Actionfilm in glasklarer, schwelgerischer Fotografie. Glitzernder, aber nicht weniger pathetisch liebt es Baz Luhrmann in seinen Musikfilmen. Sein „Elvis“ verschafft dem 30-jährigen Austin Butler („Once Upon a Time in Hollywood“) eine potentielle Glanz- oder zumindest Glitzerrolle, mehr Eindruck aber macht erst einmal Tom Hanks als Colonel Parker: Hat die amerikanische Popkultur hinterm Rampenlicht eine schillerndere Persönlichkeit hervorgebracht?

Künstlerisch aber dürften es zwei Filme von Frauen sein, die das US-amerikanische Kino in Cannes glänzen lassen werden. Kelly Reichardt, eine der besten Filmemacherinnen, ist mit ihrem Künstlerinnendrama „Showing Up“ mit Michelle Williams erstmals im Cannes-Wettbewerb vertreten. Und als Claire Denis dieses Jahr auf der Berlinale triumphierte, dachte man schon, Cannes habe sie schnöde abgelehnt. Doch die große Französin hatte sich dort bereits erfolgreich mit ihrem ersten amerikanischen Film beworben, „Stars at Noon“, einem romantischen Drama am Rande des Nicaragua-Konflikts. Keine Frage, das Kino ist zurück.

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