Die Cannes-Trophäe 2019.
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Die Cannes-Trophäe 2019.

Filmfest fällt aus

Ungezeigtes Programm: Cannes verleiht imaginäre Palmen

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Das ausgefallene Filmfestival von Cannes präsentiert sein ungezeigtes Progamm: Mit Oskar Roehler schaffte es auch ein Deutscher ins Aufgebot.  

Das Festival von Cannes abzusagen, bekräftigte Direktor Thierry Frémaux einmal mehr, sei nie eine Option gewesen. Ebenso wenig die Verlagerung des Wettbewerbs in den virtuellen Raum des Internets, wie es kleinere Festivals während der Corona-Beschränkungen getan haben. Doch was er am Mittwochabend im Kinosaal des Pariser UGC Normandie präsentierte, war das „virtuellste“ Event, das denkbar ist: Die 73. Ausgabe des berühmtesten aller Filmfestivals besteht nur aus einer Empfehlungsliste.

Nicht weniger als 2067 Einreichungen habe man gesichtet und daraus 56 Beiträge für das offizielle Programm ausgewählt. Sie dürfen nun mit dem Festival-Logo werben, wenn sie regulär im Kino laufen. Auch der deutsche Oskar Roehler wäre mit seinem Fassbinder-Biopic „Enfant terrible“ an der Croisette dabei gewesen, eine besondere Ehre, aber Konjunktive werden streng vermieden. Für Frémaux ist das Festival nicht ausgefallen, es findet statt; und wenn sich die Auserwählten eben erst in der Vorstellung der Cinephilen zusammenfinden. Zwanzig Minuten lang bedachte Frémaux jeden einzelnen der Filme mit einer persönlichen Bemerkung der Wertschätzung.

Weggefallen sind dabei die alten Grenzen zwischen dem großen Wettbewerb und der zweiten Konkurrenz „Un certain regard“, und man erfährt auch nicht, ob es die vier Animationsfilme, darunter „Soul“ von Pixars Pete Docter und die lange erwartete neue Produktion des japanischen Studio Ghibli (Goro Miyazakis „Earwig and the Witch“) nur außer Konkurrenz gegeben hätte. Stattdessen unterteilt er in Cannes-Veteranen, Newcomer und Debütanten, Dokumentarfilme und Komödien.

In die erste Kategorie fällt Wes Andersons prominent besetzter Episodenfilm „The French Dispatch“, eine Hommage an die amerikanische Liebe zur französischen Kultur. Tilda Swinton, Christoph Waltz oder die bei Anderson fast obligatorischen Owen Wilson und Bill Murray agieren in den Geschichten aus einer imaginären Zeitschrift aus dem vergangenen Jahrhundert. Keine Frage, dieser Film wurde von Anderson mit Blick auf Cannes erfunden und hätte das Festival idealerweise eröffnet.

Weitere Cannes-Veteranen im Aufgebot sind François Ozon mit der autobiographischen Romanze „Été 85“, Thomas Vinterberg („Another Round“), die Japanerin Naomi Kawase („True Mothers“) und Steve McQueen mit gleich zwei Teilen seiner neuen BBC-Serie „Small Axe“ um Einwanderer aus den westindischen Inseln im England des 20. Jahrhunderts. Bekannte Namen wie Maïwenn, Sharunas Bartas, Ann Hui oder (unter den Debütanten) der ins Regiefach gewechselte Schauspieler Viggo Mortensen hätten die für das Festival gewohnte Qualität erwarten lassen. Besonderen Wert hat die auf der Festival-Website veröffentlichte Auswahlliste natürlich bei den noch unbekannten Namen: Hier schauen sich die Macher kleiner Festivals, die sich noch Hoffnung auf diese Saison machen, als erstes um.

Doch nicht nur den Filmschaffenden, auch sich selbst tut Cannes mit dieser Liste natürlich einen Gefallen: Man möchte seinen Claim abgesteckt haben, bevor diese Filme auf anderen Festivals erscheinen.

Bis zuletzt hatte die Filmwelt auf eine Zusammenarbeit mit der Konkurrenz in Venedig Anfang September gehofft, offensichtlich wurde nichts daraus. So macht man es den Kollegen wenigstens unmöglich, dieselben Filme als die eigenen Entdeckungen zu präsentieren. So verwundert es auch nicht, dass einige als sicher gehandelte Filme auf der Liste fehlen: Paul Verhoevens lesbisches Nonnendrama „Benedetta“ würde in Venedig vielleicht noch mehr der erhofften Aufregung generieren. Und der Thailänder Apichatpong Weerasethakul wird sich freuen, noch etwas Zeit für die Fertigstellung seines ersten fremdsprachigen Films „Memoria“ zu finden. Andere, wie der Franzose Leos Carax, werden überlegen, ob sie lieber aufs nächste Jahr warten – um vielleicht sogar einen echten Preis zu gewinnen. Denn in diesem Jahr, so Thierry Frémaux, „vergibt jeder seine eigene Goldene Palme“.

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