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Cate Blanchett in "Carol".

Cannes

Cannes hat seinen Favoriten

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Höhepunkt, Tiefpunkt und Mittelmaß im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes: Todd Haynes’ „Carol“ erzählt in zeitlos großartigen Bildern von einer lesbischen Liebe. Während Gus Van Sant mit seinem bisher schwächsten Film verblüffte. Und Nanni Moretti blass blieb.

Es ist nicht nur „Dem Himmel so nah“, wie Todd Haynes 2002 sein meisterliches Melodram über die Sexualmoral der fünfziger Jahre nannte. Es ist wirklich himmlisch. Nach vier Tagen hat das Festival von Cannes seinen Favoriten gefunden. Mit „Carol“, Patricia Highsmiths1952 unter Pseudonym geschriebener Geschichte einer Annäherung zweier ungleicher Frauen, führt der amerikanische Filmemacher abermals in die unmittelbare Nachkriegszeit.

Und wieder ist sein Chef-Fotograf Ed Lachman, der im März den Marburger Kamerapreis erhielt. Niemand versteht es besser, sich in den warmen Technicolor-Look des klassischen Hollywood einzufühlen. Doch es ist nicht der Reiz von gestern, das schicke „Retro“, das Todd Haynes interessiert, nicht die Hommage an angeblich bessere Kinotage und erst recht nicht deren smarte Parodie. Die Süffisanz seiner früheren Filme ist verschwunden. Jede Szene dieser Romanze, die nicht sein darf, besitzt ein Feingefühl und eine Eleganz, wie sie zu allen Zeiten eine Seltenheit gewesen wäre.

Die kurze Berührung einer Hand auf ihrer Schulter lässt Therese gleich zu Anfang sachte aus der Bahnen ihres Lebens gleiten, sie weiß nur noch nicht wohin. Unverbindliche Berührungen gehören für die Mittzwanzigerin, die in der Spielzeugabteilung eines New Yorker Kaufhauses arbeitet, ebenso zum Alltag wie verbindliche: Die fallen an, wenn ihr Freund ihre Schulter berührt, seine Heiratsanträge lässt sie ins Leere laufen. Sie sei noch nicht so weit, lässt sie ihn dann verstehen, und das betrifft ihr ganzes Leben. Mit dem verhaltenen Staunen der jungen Audrey Hepburn spielt Rooney Mara diese Figur.

Dann platzt, glamourös und eloquent, die fast zwei Jahrzehnte ältere Carol (Cate Blanchett) in ihr Leben, gewiss eine Verführungskünstlerin. Doch etwas stoppt diese so souveräne Frau in ihrer Zielgerichtetheit. Jeder Beweis für ihre Homosexualität würde sie bei einem laufenden Scheidungsverfahren das Sorgerecht für ihre Tochter kosten.

Todd Haynes erzählt diese heimliche Liebesgeschichte aus einer Zeit, in der noch nicht einmal der Rock’n‘Roll erfunden war, wie eine Schallplatte im Leerlauf. Doch jedes Mal, wenn sich die Nadel darauf senkt, klingt sie etwas intensiver. Hatte bei „Dem Himmel so nah“ die mit großer Geste vorgebrachte Emotionalität des Douglas Sirk Pate gestanden, so ist es nun die fein choreographierte Eleganz eines Max Ophüls. In der Wiederholung von Gesten und Großaufnahmen entstehen zirkuläre Muster, Rituale des Begehrens und Entsagens. Immer wieder zeigen Haynes und Lachman Maras schönes Gesicht wie verschleiert hinter Fensterscheiben. Wie lange hat sich die Gesellschaft damit Zeit gelassen, dieses Versteckspiel für überflüssig zu erklären.

Todd Haynes bringt sich mit „Carol“ in die Favoritenrolle

Melodramen gab es gleich im Trio im Wettbewerb von Cannes. Den Anfang machte der Amerikaner Gus Van Sant, dessen Suiziddrama „The Sea of Trees“ so radikal mit allem bricht, was seine früheren Filme auszeichnete, dass man es kaum glauben kann. Wo in „Elephant“, „Last Days“ und „Gerry“ eine minimalistische Filmsprache weite Imaginationsräume schuf, nimmt er nun das Publikum ans Gängelband. Für die krude Handlung wurde mehr Holz verbaut als der Spielort, der japanische Aokigahara-Wald, im Jahr abwirft. Und wo Van Sant sonst auf Stille setzte oder einen klug ausgesuchten Song, legt sich nun ein schmalziger Orchestersoundtrack wie Harz über die Astlöcher der in Rückblenden zerfasernden Geschichte.

Nach dem Tod seiner Frau ist ein junger Amerikaner (Matthew McConaughey) zum Sterben in den Wald gekommen, einem Dorado für Selbstmord-Touristen. Leichen und verstreute Habseligkeiten finden sich schon auf den ersten Metern. Als er gerade beginnt, den Tablettennachlass der Verstorbenen zu essen, bringt ihn die Begegnung mit einem gleichgesinnten Japaner sofort von seinen Plänen ab.

Dem Mann ist schon durch ein kurzes Gespräch zu helfen. Im unwegsamen Gelände stolpert man und rettet sich dann abwechselnd das Leben, verirrt sich in kalter Nacht und findet Zuflucht im Zelt eines mumifizierten Gastgebers, dessen fleckigen Pullover sich der Amerikaner gleich überstreift. Besser erhalten ist der Reisepass des Toten: falls es eine Rolle spielt, er kam aus Köln.

In der Erinnerung des Helden geht es nicht weniger dramatisch zu: Erst als seine Frau an Krebs erkrankt ist, entdeckt er plötzlich seine Liebe. Eine Operation rettet ihr das Leben, dann fährt sie ein Krankentransporter doch noch in den Tod. Wer glaubt, zwei Dramen seien schon genug, sollte sich beizeiten auf eine dritte, übersinnliche Wendung einstellen. „The Sea of Trees“ wird als einzigartiger Tiefpunkt im Werk eines ehemaligen Cannes-Gewinners in Erinnerung bleiben. Und als Beispiel für die rätselhaften Kriterien der strengen Auswahlkommission.

Auch Nanni Moretti befasst sich erneut mit dem Sterben. Nach dem Cannes-Gewinner „Das Zimmer des Sohnes“ über den Umgang mit einem überraschenden Todesfall ist es nun das lange Abschiednehmen. Der Filmemacher spielt als liebevoller Sohn, der im Krankenhaus der Sterbenden nicht von der Seite weicht, nur eine Nebenrolle. Die Hauptfigur ist die Tochter, eine Regisseurin, die gerade ein Politdrama über einen Arbeitskampf inszeniert. Im Leben hätte das eine nichts mit dem anderen zu tun, doch Moretti muss bei der Gelegenheit noch der italienischen Filmindustrie einen Spiegel vorhalten: Das Politdrama ist reinste Kolportage und dient einem unvorbereiteten Hollywoodstar (John Turturro) als Vehikel. So eindringlich die Szenen über den langen Abschied von der Mutter sind, so banal ist die Film-im-Film Komödie.

Am ärgerlichsten ist wohl, dass Moretti erstmals in seinem Werk ein politisches Thema, die Zerschlagung einer Firma durch einen US-Investor, lediglich als Beiwerk anklingen lässt. Eine Enttäuschung, wenn auch kein Debakel wie Gus Van Sants Untergang im „See der Bäume“.

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