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Cannes mit David Cronenberg und den Brüdern Dardenne: Kein Bild zu viel

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Von: Daniel Kothenschulte

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David Cronenberg und ein schauriger Schönheitskult der Zukunft: „Crimes of the Future“. Foto: Nikos Nikolopoulos
David Cronenberg und ein schauriger Schönheitskult der Zukunft: „Crimes of the Future“. Foto: Nikos Nikolopoulos © Nikos Nikolopoulos

David Cronenberg und die Brüder Dardenne liefern Cannes, was iranische und koreanische Filmemacher vermissen ließen: wahre Meisterschaft.

Eine Zukunft, die den Schmerz überwunden hat, muss man sich nicht unbedingt paradiesisch vorstellen. David Cronenberg hat sie in seinem ersten Science-Fiction-Film seit „eXistenZ“ von 1999 entworfen, und es geht dort finster zu. Ein Schönheitskult hat sich auf innere Organe verlegt, wie sie manchen Menschen nun für noch unbekannte Funktionen wachsen. Viggo Mortensen und Léa Saydoux spielen in „Crimes of the Future“ einen gefeierten Performancekünstler und seine Mitarbeiterin. In öffentlichen Operationen schneidet sie die Fleisch-Skulpturen aus seinem Körper und veredelt sie dabei mit kunstvollen Tattoos.

Einen wunden Punkt traf der 79-jährige Kanadier dabei aber offenbar auch beim Premierenpublikum. Wie vom Regisseur bereits vorab in einem Interview vorhergesagt, reduzierte es sich nach der Mitte seines Films beträchtlich. Die Verbliebenen dankten es dem Altmeister dafür mit siebenminütiger Ovation: Im durchwachsenen Wettbewerb des 75. Jubiläumsjahrgangs hatte Cannes jedenfalls nichts Originelleres zu bieten.

Das surreale Drama übernimmt den Titel eines Cronenberg’schen Frühwerks, mit dem es ansonsten nicht viel gemeinsam hat. Umso mehr mit seinem vielleicht schönsten Film, dem „Body Horror“-Klassiker „Die Unzertrennlichen“. Der morbide Ästhetizismus und die verwegene Sinnlichkeit, mit der er damals das fatale Wirken zweier Gynäkologen in Szene setzte, kehren zurück. „Chirurgie ist der neue Sex“ raunt eine von Kristen Stewart gespielte Zuschauerin dem Künstler zu. Eigentlich führt sie für eine Behörde über die neuen Organe Buch, doch die Zärtlichkeit der Prozedur ist fraglos von eigener Erotik. Niemand hat sich in seinem Schaffen so ausdauernd mit Körperlichkeit und Geschlechteridentitäten auseinandergesetzt wie Cronenberg – und mit „Crash“ lieferte er das Vorbild zum letztjährigen Cannes-Gewinner „Titane“. Die Klaviatur seiner grenzüberschreitenden Phantastik spielt er allerdings noch selbst am besten.

Keine der Operationsszenen geht freilich so unter die Haut wie der leise Filmanfang: Vor einem Schiffswrack spielt ein Junge am Strand und verspeist gleich darauf wie selbstverständlich einen Plastikeimer aus der Toilette. Diese verquere Zukunft hat noch einige Geheimnisse zu offenbaren.

Manche Schrecken der Gegenwart fanden im Wettbewerb der letzten Tage dagegen weit weniger kunstvoll auf die Leinwand. Der aus Teheran stammende, aber in Skandinavien wirkende Regisseur Ali Abbasi verfilmte in „Holy Spider“ die Geschichte des iranischen Serienmörders Saaed Hanaei. Angeblich aus religiösem Eifer ermordete dieser in der Stadt Maschhad Anfang des Jahrtausends 16 Prostituierte. Abbasi, der mit iranischen Mitwirkenden in Jordanien drehte, erklärte dazu, er habe keinen Serienmörder-Film drehen wollen. „Ich wollte einen Film über eine Serienmörder-Gesellschaft drehen.“ Leider ist sein Film aber genau das geworden: Ein spekulativer und in den Morddarstellungen effektlüsterner Genrefilm. In der Absicht, eine misogyne Gesellschaft zu porträtieren, tappt er selbst in die Fallen, die formelhaftes Kino gerade in dieser Hinsicht gern bereithält: Die Opfer werden kaum individualisiert, die sozialen Hintergründe der Prostitution allenfalls gestreift. Die erfundene Figur einer Journalistin (Sahra Amir Ebrahimi) gleicht das nicht aus, und die Andeutung einer Verschwörung wirkt zu diffus für wirkungsvolle Gesellschaftskritik.

Weit kunstvoller, aber ebenfalls enttäuschend widmet sich der Koreaner Park Chan-Wook dem Alltag eines Mord-Ermittlers. „Decision To Leave“ ist freilich alles andere als ein Thriller, eher schon ein fast romantischer Film Noir. Ein junger Polizist vergisst seine beruflichen Ideale, als er sich in eine attraktive Verdächtige verliebt. Schwer zu glauben, dass sie nicht ihre Hand im Spiel hatte beim tödlichen Absturz ihres Ehemanns; erst recht, als wenig später auch ihr nächster Mann den Tod findet. Park Chan-Wook tauscht die Düsternis seiner früheren Darstellungen männlicher Obsessionen gegen einen geradezu schwelgerischen Filmstil ein – und streckt dabei auf 138 Minuten, was ein Wong Kar-wai weit besser in 45 Minuten erzählen könnte.

Kein Bild ist dagegen zu viel im neuen Sozialdrama der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Realismus und Gefühl sind bei ihnen niemals Widersprüche, das gilt für „Tori et Lokita“ so sehr wie für ihre früheren acht Wettbewerbsbeiträge. Für die Besetzung zweier aus Afrika emigrierter Kinder haben sie wieder einmal hochbegabte Laien engagiert: Joely Mbundu spielt die heranwachsende Lokita, die sich auf ihrer Flucht mit dem kleinen Tori (Pablo Schils) angefreundet hat, den sie bei der Einwanderung als ihren Bruder ausgibt. Als sie sich bei der Einwanderungsbehörde deshalb in Widersprüche verwickelt und die Abschiebung fürchten muss, gerät sie in die Fänge eines Menschenhändlers. Eingesperrt in eine illegale Cannabis-Plantage, liegt ihre einzige Hoffnung nun bei Tori, der sie aufspürt.

Den Geflüchteten muss nun noch einmal eine Flucht gelingen, und ähnlich wie beim früheren Jugenddrama der Dardennes, „Das Kind“, erwächst aus der Not eine filmisch meisterlich geschürte Spannung. Dass dabei kein falsches Bild entsteht, dass hier soziale Not nicht instrumentalisiert wird für Genrekonventionen, beweist noch einmal ihre Meisterschaft. „Wir investieren in Zeit“, erklären die Regisseure im Gespräch ihr Geheimnis, das so einfach ist, wie ihr vollendeter Stil. Wie Charlie Chaplin wiederholen sie jede Einstellung so lange, bis sie wirklich zufrieden sind.

Das kann man sich nur außerhalb eines industriellen Denkens leisten, wie es auch die in Cannes-Programmen weitgehend abwesende deutsche Filmwelt bestimmt. Gut möglich, dass es wieder eine Goldene Palme dafür gibt; es wäre ihre dritte.

„Tori et Lokita“. Foto: Christine Plenus
„Tori et Lokita“. Foto: Christine Plenus © Christine Plenus

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