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Spike Lees Cops in "BlacKkKlansman".

Cannes Film-Festival

Cannes lässt die Favoriten aus dem Sack

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Spike Lee, Alice Rohrwacher, Hirokazu Koreeda auf der großen Leinwand in Cannes. Und Lars von Trier darf noch einmal über Nazikunst sinnieren.

Spike Lee ist nicht gerade bekannt als ein Filmemacher, der um den heißen Brei herumredet. Weder auf der Leinwand des Festival-Palais’ in Cannes, wo am Montagabend seine Thriller-Komödie „BlacKkKlansman“ Premiere hatte, noch am Dienstag vor Journalisten im Pressezentrum. „Vergessen Sie die amerikanische Demokratie. Sie wurde auf dem Blut der Indianer und afrikanischer Sklaven errichtet.“ Lange wettert er über den Präsidenten, ohne seinen Namen in den Mund zu nehmen, als Ersatz dient ein in seinen Filmen oft gehörtes Schimpfwort, das mit „M“ anfängt und mit „r“ aufhört. Nur einmal fällt die entscheidende Silbe: „Lügen werden als Wahrheiten heraustrumpetet.“ Obwohl die Geschichte eines afroamerikanischen Undercover-Polizisten, der durch geschickte Telefonaktionen zum lokalen Ku-Klux-Klan-Führer aufsteigt, in den siebziger Jahren spielt, ist Trump im Film allgegenwärtig. 

Teile seiner „America First“-Antrittsrede hat Lee wortgleich in den Dialog des berüchtigten „Grand Wizard“ der Rassistenorganisation, David Duke, geschrieben. Mit einem Ausschnitt aus „Vom Winde verweht“ beginnt Lees rasante Mischung aus nostalgischem Blacksploitation-Kino und lautem Agitprop, zum Ende hat der Präsident dann selbst das Wort mit seinem verächtlich-relativierenden Statement zum mörderischen Neonazi-Aufmarsch von Charlottesville vom vergangenen Jahr. Dazwischen gelingt dem 61-jährigen Cannes-Veteranen Lee (1986 wurde er hier mit „She’s Gotta Have It“ schlagartig bekannt) eine meisterliche Balance aus Wut und Ironie, Unterhaltung und Belehrung.

Denzel Washingtons Sohn John David und der allseits gefragte Adam Driver teilen sich die Hauptrollen; letzterer agiert als weißes Double seines Polizistenkollegen bei den Treffen der Rassisten. Der Fall ist historisch, Detective Ron Stallworth gelang es tatsächlich, einen rassistischen Anschlag zu vereiteln. Zugleich feiert Lee die kriminalisierten schwarzen Studentenproteste der siebziger Jahre. Ohne den Handlungsfluss zu unterbrechen, prangert er darüber hinaus die Verstrickung des Mainstream-Kinos in den militanten Rassismus an, beginnend mit dem Stummfilmklassiker „Die Geburt einer Nation“.

Ironisch schlägt Lee dessen Regisseur D.W. Griffith mit jener filmischen Waffe, die dieser selbst kreierte, der suggestiven Parallelmontage: Während sich die „Klans-Ritter“ an den übelsten Szenen des frühen Blockbusters delektieren, spricht an anderem Ort ein Augenzeuge eines Lynchmords vor einer Gruppe schwarzer Studenten. Kein Geringerer als Harry Belafonte spielt diese Gastrolle mit leiser Eindringlichkeit. Selten hatte politisches Kino solche Chancen auf ein Millionenpublikum, und auch die Jury wird Lee kaum übergehen können. „Ich weiß nicht, was die Kritiker sagen werden“, meint er selbst, „aber wir sind auf der richtigen Seite der Geschichte.“

An starker Konkurrenz aber fehlt es nicht. Zur Halbzeit hat Cannes gleich zwei Wettbewerbsbeiträge ausgepackt, die Chancen auf die Goldene Palme haben, insbesondere die Italienerin Alice Rohrwacher. Bereits 2014 gewann die 36-Jährige hier den Jurypreis für „Zeit der Wunder“, nun hat sie ihre früh entwickelten Stil nochmals verfeinert. Ausgehend von einer wahren Begebenheit verbindet ihr märchenhaftes Sozialdrama „Lazzaro Felice“ („Happy as Lazzaro“) Kapitalismuskritik und Kinopoesie – und haucht damit dem italienischen Neorealismus neues Leben ein. 

Bis in die achtziger Jahre war es einer Gräfin gelungen, an ihrem abgelegenen Landsitz Arbeiter wie Leibeigene zu halten. Hier beginnt die Geschichte der ungleichen Freundschaft eines für seine positive Ausstrahlung allseits beliebten jungen Arbeiters mit dem verzogenen Sohn der Gräfin. In den leuchtend-erdigen Farben der frühen Taviani-Filme (Rohrwacher verwendet stets Zelluloidflm) erweckt schon der erste Filmteil eine Sehnsucht nach den vergangenen Schönheiten der großen italienischen Filmklassiker. Dann führt ein überraschender Zeitsprung in die Gegenwart, wo Lazzaro als in seiner Jugendlichkeit konservierter Obdachloser dem gealterten Adeligen wiederbegegnet. Vollends stürzt sich der Film ins Märchenhafte, ohne jedoch die sozialen Härten, die er thematisiert, zu glätten. Das Ähnlichste, was es zu dieser schillernden Perle von einem Film gibt, ist Luigi Comencinis traurig-schöne „Pinocchio“-Verfilmung für das Fernsehen.

Das wäre ein sicherer Gewinner, wenn sich nicht auch einer der großen Meister sozialer Dramen übertroffen hätte. Der Japaner Hirokazu Koreeda ist ein Spezialist für unorthodoxe Familienkonstellationen. Es dauert lange, bis man hinter dem liebevollen Umgang der Familie von Ladendieben in „Manbiki Kazoku“ („Shoplifters“) die kriminellen Umstände erkennt, die hier Alt und Jung zusammenführen. Einmal stiehlt der „Vater“ ein kleines Mädchen aus einer fremden Wohnung, wo es offensichtlich misshandelt wurde; es will nicht mehr zurück. Jenseits behördlicher Kontrolle oder schulischer Bildung erlebt es ein Paradies, das nicht sein darf. Natürlich ist Koreeda, der in seinem Meisterwerk „Nobody Knows“ vom Überleben von auf sich gestellten Kindern erzählte, kein Sozialromantiker. Doch wie er hier das Moralische gegen das Legalistische stellt, eröffnet nicht nur dem Familienfilm eine ganz neue Perspektive.

Was erwartet man dagegen Neues von Lars von Trier? Mit einem zweieinhalbstündigen Serienmörderfilm ist der Däne nach Cannes zurückgekehrt, sieben Jahre nachdem man ihm hier wegen des Selbstvergleichs mit Hitler Hausverbot erteilt hatte. „The House that Jack Built“ läuft außerhalb des Wettbewerbs, wo er wohl auch nicht viel gewonnen hätte. Im Jenseits erzählt der vom wie stets verlässlichen Matt Dillon gespielte Mörder einem mephistophelischen Psychologen (Bruno Ganz) von seinen Missetaten. Dass er seine 61 Morde wie Kunstaktionen preist, erlaubt es Lars von Trier klammheimlich, seinen Hitlervergleich indirekt noch einmal anzubringen, diese höchst ungeschickte Umschreibung des Allgemeinplatzes, dass Kunst und Vernichtung aus derselben Küche kämen. 

Einmal mehr vermischt von Trier das Erhabene und das Entsetzliche zur Unkenntlichkeit, schneidet klassische Kunstwerke und den jungen Glenn Gould mit Bachdarbietungen zwischen die Massaker. Das ist in seiner Pop-Artigkeit mitunter sogar bildkräftig, insbesondere in den finalen Höllenszenen. 

Einen üblen Moment jedoch, in dem der als Architekt gescheiterte Mörder über den Duft der Verwesung sinniert, nutzt von Trier zur äußersten Geschmacksverirrung. Dann schneidet er Bilder von Leichenbergen aus einem Konzentrationslager in das Kunstgefasel, und der Mörder zitiert sinngemäß, was von Trier in Cannes sagte: „Ich glaube, Himmel und Hölle sind das gleiche. Die Seele gehört in den Himmel und der Leib in die Hölle. Die Seele besitzt Vernunft und der Körper all das Gefährliche, wie zum Beispiel die Kunst und die Ikonen...“ Die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen förderte den Film nach Vorlage des Drehbuchs mit 340.000 Euro. 

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