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Cannes: Jugend ist keine Frage des Alters

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Von: Daniel Kothenschulte

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Coming-of-Age-Drama: James Greys „Armageddon Time“. Cannes Filmfestival
Coming-of-Age-Drama: James Greys „Armageddon Time“. © Cannes Filmfestival

Humanistisches Kino in Cannes: Neues von Jerzy Skolimowski, Marco Bellocchio, James Grey – und der Dokumentarfilm „Mariupolis 2“ des getöteten Filmemachers Mantas Kvedaravicius

Wirkliche Festivaltradition erkennt man auch daran, wie oft man in Cannes in den Wettbewerb eingeladen werden kann – entsprechende Qualität in der Arbeit vorausgesetzt. Der Pole Jerzy Skolimowski ist seit 1972 zum siebten Mal dabei, und das macht ihn noch nicht einmal zum König der diesjährigen Veteranen; die belgischen Dardenne-Brüder kommen zum zehnten Mal.

Besonders reiselustig stimmte Skolimowski seine Einladung freilich nicht. „Ich sehe das mit gemischten Gefühlen“, erklärte der 84-Jährige vor dem Festival der Presse. „Mir geht es besser in meinem Haus im Wald in der Mitte von Nirgendwo. Die Welt von heute inspiriert nicht viel Optimismus. Es gibt einen Krieg in Europa. Da scheint es surreal, eine Premiere zu feiern, während sich die Tragödie in der Ukraine jeden Tag weiter entfaltet.“ Schließlich sagte er, aus gesundheitlichen Gründen, die Reise ganz ab.

Ob es ein Trost ist, dass „EO“, sein erster Film seit acht Jahren, hier der bislang bei weitem originellste Beitrag ist? Es dauert sicher zehn Minuten, bis das erste Wort gesprochen wird in diesem aufregend modernen Bildgedicht über ein archaisches Thema: Die Menschenwelt betrachtet mit den Unschuldsaugen eines Esels. In der Eröffnungsszene fügen sich rotgetönte Stakkato-Aufnahmen zu einer Choreografie von unwirklicher Anmut: Eine junge Artistin und ihre Eselsdressur. Der Protest von Tierschützern trennt die beiden kurz darauf, was das Tier zu einer Odyssee verurteilt, die es bis nach Italien führt. Wie der verwandelte Pinocchio lernt es dabei nicht nur gute Menschen kennen.

Deutlich inspiriert ist diese Fabel ohne Moral von Robert Bressons Klassiker „Zum Beispiel Balthasar“, von dem Skolimowski behauptet, es sei der einzige Film, bei dem er weinen könne. Tatsächlich ist für diesen Film auch die charakteristische Kühle aus seinem Werk gewichen, nicht jedoch der modernistisch geprägte Blick für Licht und Schatten. Isabelle Huppert, die eine Nebenrolle als Gräfin in Italien spielt, ergeht es wie so vielen Stars in Tierfilmen: Sie gerät fast zur Statistin. Kamera (Micheal Symek) und Musik (Pawel Mykietyn) verbünden sich dagegen zu einem audiovisuellen Trip, mit dem der Filmemacher einem kaum Zeit zum Atemholen gönnt.

Jugend ist in Cannes wieder einmal keine Frage des Alters. Das beweist auch der 82-jährige Marco Bellocchio, dessen fünfteilige RAI-Serie über die Entführung des christdemokratischen Polikers Aldo Moro bruchlos fünf rasante Stunden füllte. Schon der Titel „Esterno Notte“, die in Drehbüchern übliche Bezeichnung „Außen, Nacht“, betont den verfremdenden Ansatz des Brecht-Liebhabers. Den Spannungsfluss halten freilich keine Widerhaken auf. Seit 1978 ranken sich Verschwörungstheorien um mögliche Komplizen der Roten Brigaden bei der Ermordung Moros. Bellocchio nähert sich ihnen betont uneindeutig: Immer wieder erzählt er ganze Handlungsstränge aus neuer Perspektive – und belässt vielen davon ihre eigene Surrealität: Etwa der tief emotionalen Reaktion von Papst Paul VI, der sich sogar vergeblich als Austauschgeisel anbot.

Ein deutscher Ausstrahlungstermin ist nicht in Sicht, aber ist gut, ausgerechnet von Cannes, dieser Bastion der Filmkultur, einen echten Serien-Tipp nach Haus zu bringen. Fast schelmisch schmuggelt der Filmemacher Verweise auf die Vorboten des heutigen Medienwandels ein: Nie zuvor hatte das italienische Fernsehen rund um die Uhr berichtet – und mit Filmen wie Francesco Rosis „Christus kam nur bis Eboli“ ein Hybridformat entdeckt, das man sowohl im Kino als auch als Fernsehserie zeigen konnte.

Auch der Amerikaner James Grey hätte seinen autobiographisch gefärbten Coming-of-Age-Film „Armageddon Time“ leicht als Serie ausweiten können. Zwei Sechstklässler, ein jüdischer Abkömmling ukrainischer Einwanderer und sein afroamerikanischer Freund, finden als Quälgeister ihres spießigen Lehrers zueinander. Dann aber lässt ein gemeinsamer Joint auf der Schultoilette den Geduldsfaden der vermeintlich toleranten Eltern des weißen Jungen platzen. Sie stecken ihn auf eine Privatschule, deren Fördergremium Donald Trumps Vater vorsitzt.

Mit der humanistischen Ironie eines Mark Twain führt Grey in die Anfänge der Reagan-Ära: Der Amerikanische Traum ist noch lebendig, aber sichtlich befallen vom Mottenfraß von Rassismus und Klassismus. Durch die Löcher leuchtet in aller Unheimlichkeit die Gegenwart, erzählt mit der vergleichenden Weisheit des Dabeigewesenen. Einzigartige Darstellerleistungen machen Greys Film zu einem Schaustück des klassischen amerikanischen Kinos – Anthony Hopkins als geliebter Großvater und Anne Hathaway als in der Schulpflegschaft engagierte Mutter krönen die Besetzungsliste.

Filmische Zeitzeugenschaft führt ein ukrainischer Beitrag auf das Tragischste vor Augen: Der litauische Filmemacher Mantas Kvedaravicius hinterließ seinen Dokumentarfilm „Mariupolis 2“ unvollendet. Montiert von seiner ukrainischen Lebensgefährtin Hanna Bilobrova, könnten sich seine Aufnahmen nicht deutlicher von dem unterscheiden, was man täglich in den „Tagesthemen“ sieht. Lange Einstellungen dokumentieren das Überleben einer Schar von Menschen, darunter etlichen Kindern, in der unmittelbaren Umgebung einer evangelikalen Backsteinkirche in einem Vorort von Mariupol. Es gibt keine Großaufnahmen sprechender Köpfe, und wenn jemand vom Erlittenen erzählt, dann nicht als Antwort auf eine Journalistenfrage.

Der promovierte Anthropologe Kvedaravicius arbeitete in einem ähnlichen Stil wie der Italiener Gianfranco Rosi. Ohne Musik oder erklärenden Text muss sich das Publikum selbst in den oft minutenlangen Einstellungen zurechtfinden. Es werden Suppen gekocht und Dinge repariert, die vielleicht am nächsten Tag schon von neuen Bomben zerstört werden. „Du hast ja wenigstens noch deine Tauben“, ruft jemand seinem Nachbarn zu, der über den Schuttberg seines Hauses klettert. „Aber ich hatte dreihundert, jetzt sind es nur noch zwanzig“, gibt er zu Antwort. Noch immer füttert er sie täglich. Bis er selbst von russischen Soldaten erschossen wurde, erzählten Kvedaravicius humanistische Kamerabilder vom Leben, wie es weitergeht.

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