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In der archaischen Pracht der Felder und Weiden: Valerie Pachner und August Diehl.

Cannes: „A Hidden Life“

Der Krieg in den Gräsern

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Terrence Malick triumphiert mit seinem NS-Drama „A Hidden Life“, Céline Sciamma besticht mit einem feministischen Liebesfilm.

Er gilt als der öffentlichkeits-scheueste Autorenfilmer des Weltkinos neben Jean-Luc Godard. Selbst die Paparazzi von Cannes haben Terrence Malick bislang nicht ausfindig machen können – obwohl er sehr gut hier sein könnte. So sind es die deutschen Stars seines Wettbewerbsbeitrags „A Hidden Life“, August Diehl und Valerie Pachner, die den Ruhm allein auf ihren Schultern tragen. Das ist gewiss nicht leicht, aber es macht die Bürde wohl erträglicher, dass sie selbst nicht wenig dazu beigetragen haben. Schon vor drei Jahren wurde Malicks dreistündiges Filmpoem über zivilen Widerstand im Dritten Reich gedreht, doch noch immer wirken die Darsteller wie elektrisiert, wenn sie über die Arbeit mit dem Amerikaner reden.

Ein ungewöhnlicher Kriegsfilm

Die Zeit mit dem 75-Jährigen habe beide verändert. „Jeder Schauspieler, der dazu kam, hat sich sofort eingefühlt in dieses reduzierte, inwendige Spiel“, sagt August Diehl. „Terrence sagte immer, die Welt sei voller Menschlichkeit, nur dass diese nun einmal weniger lautstark sei als alles Übel.“

Diese Aussage führt schon sehr weit hinein in diesen vielleicht ungewöhnlichsten Kriegsfilm seit Malicks eigenem „Der schmale Grat“, bei dem der Wind in den Gräsern das Ohr eher erreichte als alle Kampfgeräusche. Auch im oberösterreichischen Bergdorf St. Radegund, nur dreißig Kilometer von Hitlers Geburtsort Braunau, hört man den Krieg eher indirekt – in den erhitzten Stimmen der nationalsozialistisch gesinnten Bewohner. Der radikale Pazifist Franz Jägerstätter und seine Frau Fani, deren Geschichte Malick erzählt, hören schließlich nichts anderes mehr.

Aber Malick wäre nicht Malick, der Meister des Kontrapunkts, wenn er dem langsam lebensbedrohlichen Terror nicht die Schönheit eines unschuldigen Landlebens gegenüberstellen würde. In schwelgerischen Montagen zelebriert er die archaische Pracht der in Hand- und Tierarbeit bestellten Felder und Weiden, ähnlich seinem Meisterwerk „In der Glut des Südens“. Und wie in all seinen Filmen seit dem Palmengewinner „The Tree of Life“ unterwirft er seine Inszenierung den spontanen Launen von Natur und Zufall. Selbst als Jägerstätter im Gefängnis sitzt, findet zwischen aller Brutalität noch eine flauschige Raupe den Weg in seine Zelle und verdient sich eine Großaufnahme.

„Portrait Of a Lady On Fire“.

Wie Augst Diehl erzählt, wurden selbst zwanzigminütige Takes unterbrochen, wenn Malick am Drehort spontan noch etwas Interessanteres entdeckte, was den Tier- und Kinderszenen sichtlich zugute kommt. Man könnte fürchten, dass diese überwirklich zelebrierte Schönheit, unterlegt mit klassischer Musik, vom Ernst dieser Geschichte eines inneren ethischen Reifeprozesses ablenkte. Aber es geschieht genau das Gegenteil. Malicks Methode geht auf – das, was Jägerstätter schließlich zu opfern bereit ist, nämlich seiner liebenden Familie ein Vater zu sein, ja sein Leben selbst, stets sichtbar zu halten.

Den theologischen, politischen und juristischen Aspekten der radikalen Verweigerung gegenüber Hitler und seinem Krieg widmet sich Malick in gleicher Ausführlichkeit. Die Mittel dazu sind innere Monologe (sein Markenzeichen) und Gesprächsszenen mit Kirchenvertretern, die sich mit dem Regime arrangiert haben.

Das europäische Ensemble spricht dabei weitgehend Englisch, aber auch deutsche Elemente integrierten sich in die fließende Montage. Bruno Ganz spielt in seiner letzten Rolle den Vorsitzenden des Kriegsgerichts, der sich erst einfühlsam in die Geisteswelt Jägerstätters vertieft, um dann gleichwohl das Todesurteil zu verkünden.

Wenn diese Szene in Cannes unerwarteten Applaus erhielt, galt dies freilich einem überraschenden Statisten: Ex-Berlinalechef Dieter Kosslick spielt in Richterrobe einen Beisitzer. In Cannes hat man mit diesem formal wie inhaltlich kompromisslosen Plädoyer für die Glaubens- und Gewissensfreiheit fraglos einen Favoriten. Auch der Name des 2007 selig gesprochenen Jägerstätter dürfte nun endlich international etwas bekannter werden. Die Filmkunst würdigte ihn bereits zu einer Zeit, als er in der katholischen Kirche noch umstritten war; 1971 drehte Axel Corti den Fernsehfilm „Der Fall Jägerstätter“. Auch Corti verdient eine Wiederentdeckung.

Genrefilmen mit Kunstanspruch

Nachdem die erste Woche in Cannes von Genrefilmen mit Kunstanspruch bestimmt war, scheint nun die Stunde der Autorenfilme zu schlagen. Die Französin Céline Sciamma, die ihren größten Erfolg als Drehbuchautorin des Animationsfilms „Mein Leben als Zucchini“ feierte, beweist nun die Aktualität eines dezidiert feministischen Kinos. Angesiedelt im Jahr 1770, erzählt ihr Kammerspiel „Portrait Of a Lady On Fire“ von der Begegnung zweier junger Frauen mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Rollenzuweisungen. Die eine sieht widerstrebend ihrer arrangierten Ehe entgegen, die andere genießt als Malerin eine relative Selbstbestimmtheit. Ein Porträtauftrag soll ohne das Wissen der Braut ausgeführt werden, so wird die Malerin als Gesellschafterin angeheuert, die ihre Mission in Heimlichkeit ausführen soll.

Eines der Leitmotive feministischer Filmtheorie, das Besitzstreben des Kamerablicks und seine weitreichenden Implikationen, bestimmt dieses gleichwohl schwerelose Liebesdrama. Als die Malerin ihre Maske lüftet und die Abzubildende im Gegenzug bereit ist, zu posieren, ist noch lange nichts geklärt. Céline Sciammas Film unterscheidet sich wohltuend von den fetischisierenden Konventionen filmischer Künstler- und Modellgeschichten. Und findet gerade deshalb zu seltener Balance zwischen Intellektualität und Sentiment.

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