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Ken Loachs „Sorry We Missed You“ erzählt von der Familie eines Paketboten.

Filmfestival

Cannes: Denkmal für Elton John, Ken Loach verfehlt seine guten Absichten

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Briten in Cannes: Dexter Fletcher schwelgt in den schillernden Farben von Elton Johns Bühnengarderobe, Ken Loach verpasst etwas Entscheidendes.

Welche kleine Stadt auf der Welt sähe sich nicht gern selbst auf der Leinwand? Am Ende von „Rocketman“, Elton Johns selbst produziertem Biopic-Musical, füllte die Croisette die Festivalleinwand. Hier, wo 1983 das Musikvideo zum Hit „I’m Still Standing“ gedreht wurde, rundet sich die furiose Selbstfindungsgeschichte. Nachdem der Star, wie er im Film selbst bekennt, jede Droge auf der Welt genommen hat, nach schwerster Alkoholkrankheit und suizidalen Exzessen, steht er noch immer auf den Beinen.

Dexter Fletcher, der Regisseur des Freddie-Mercury-Films „Bohemian Rhapsody“, schwelgt zweieinviertel Stunden in den schillernden Farben von Elton Johns Bühnengarderobe, und wie im Vorgängerfilm ist der Kontrast dazu in Rückblenden sehr schnell gefunden – im Braun-Grau eines englischen Eigenheims der Fünfzigerjahre.

Tränenreiches Liebesleid

Ungeliebt vom Vater, einem strengen Jazzfan, unterschätzt von seiner Mutter, findet der als Reginald Dwight geborene Junge Trost allein in 88 Pianotasten. Doch auch als sich ihm mit Anfang 20 der Welterfolg ankündigt und er sich als Glamrockikone vollkommen neu erfunden zu haben scheint, ist der Musiker noch längst nicht bei sich angekommen. Durchaus kritisch mit seinem Helden zeichnet der Film nach, wie lieblos John mit seinem treuen Textdichter Bernie Taupin umgeht, etwas larmoyant wirkt dagegen die tränenreiche Zeichnung des Leids durch Johns einseitige Liebe, seinen egoistischen Manager. Und doch ist dies im Vergleich zu „Bohemian Rhapsody“ der bessere, dynamischere und fantasievollere Film.

Die Songs sind tragender Teil der Handlung und werden wie im klassischen Filmmusical nicht nur in Bühnensituationen, sondern auch in den Spielszenen interpretiert. In den besten Momenten verwandeln sie sich in ausladende Choreographien, die an das Werk des großen Ken Russell erinnern, insbesondere sein Rockmusical „Tommy“, wo Elton John den „Pinball Wizard“ spielte. Dass ihm Hauptdarsteller Taron Egerton kaum ähnlich sieht, fällt hinter den schrillen Brillen nicht besonders auf – und dessen exzellenter Gesang gleicht dieses Manko mehr als aus. „Seit 28 Jahren ist Elton John nun nüchtern“, verrät der Abspann zur Erleichterung, gefolgt vom Geständnis: „Aber er hat immer noch ein Shopping-Problem“. Zustimmendes Seufzen beim Publikum an der Croisette.

Ken Loach führt das Thema seines neuen Films ad absurdum

Dass auch die Wörter Cannes, Kunst und Kommerz sehr gut zusammen klingen, liegt nicht allein am Anlaut. Selbst ein so eigensinniger Geist wie der Filmemacher Werner Herzog lässt sich hier ganz selbstverständlich von einer großen Kreditkartenfirma zu einer Diskussionsrunde einladen. Aber nimmt wirklich niemand daran Anstoß, dass ausgerechnet der Brite Ken Loach, Großmeister des Sozialdramas, das Thema seines neuen Films durch offensives Product Placement ad absurdum führt?

Sein Sozialdrama „Sorry We Missed You“ handelt von der Ausbeutung in der privatwirtschaftlichen Paketzustellung und in der Altenpflege. In Newcastle arbeitet das Paar Ricky und Abby täglich vierzehn Stunden in diesen Berufen und kommt mit seinen beiden Kindern auf keinen grünen Zweig. Die Familie ist so arm, dass der in die Scheinselbstständigkeit gedrängte Familienvater sogar das Auto seiner Frau verkauft, um sich den für seinen Job verlangten Lieferwagen zu leasen. Der Teenagersohn verkauft seinen Wintermantel, um sich für seinen bescheidenen Zeitvertreib, die Graffitikunst, ein paar Farben zu leisten.

In der kargen Wohnung gibt es keinen Luxus, aber alle drei besitzen iPhones. Der vertraute Klingelton der nicht als preiswert bekannten Marke und das Logo mit dem Apfel sind im Film allgegenwärtig. Die Weltmarke war schon vor einem Jahrzehnt stolz darauf, in rund der Hälfte der US-amerikanischen Filme ihre Produkte zu platzieren. Hier aber führt es zu einem Ausstattungsfehler, der die Definition von Schleichwerbung erfüllt – und ein nachhaltiges Misstrauen weckt in die Glaubwürdigkeit des Dramas.

Wie in einem Stummfilmmelodram von D. W. Griffith spitzt sich das Leiden der Familie durch die Gnadenlosigkeit des Zufalls weiter zu. Der Junge wird beim Ladendiebstahl ertappt, der Vater bei der Arbeit ausgeraubt und schwer verprügelt (man hat es offenbar besonders auf die Mobiltelefone abgesehen). Natürlich rackert er sich auch im krankenhausreifen Zustand weiter ab, während die Ehefrau von ihrem Pflegedienst immer gnadenloser zu Überstunden genötigt wird. Ein Silberstreif ist nicht in Sicht, dabei ist das nordostenglische Newcastle eigentlich eine Stadt, in der es sich vergleichsweise günstig leben lässt.

So wichtig das Anliegen dieses Films ist, die Warnung vor der Ausbeutung durch Scheinselbstständigkeit – einen Teil der Anteilnahme verspielt Loach diesmal durch seine unglückliche Zuspitzung ins Melodramatische. Wie viele Farben besaß dagegen sein Cannes-Gewinnerfilm „I, Daniel Blake“. Die Botschaft des Filmtitels, „Sorry We Missed You“, kennt man von den Benachrichtigungen, die Paketboten bei abwesenden Empfängern hinterlassen. Hier scheint es, als habe Ken Loach selbst etwas Entscheidendes verpasst.

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