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Einschlafen mit der Abbildung eines Gemäldes von Watteau, träumen über der „Einschiffung nach Kythera“.

„Un café sans musique c’est rare à Paris“

„Un café sans musique c’est rare à Paris“: Pilgerfahrt zum Ich

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Die Rückkehr des surrealistischen Autorenfilms: Johanna Pauline Maiers Kleinod „Un café sans musique c’est rare à Paris“.

Das Glück des deutschen Films sind endlich wieder seine kleinen Filme. Dass sich die Branche schwer tut, das zu akzeptieren, hat einen ganz banalen Grund im hiesigen Fördersystem: Produzenten verdienen ihr Geld an den Budgets, jedoch kaum am Einspiel – und an den teureren Filmen folglich mehr. Das muss aber nicht so bleiben, nicht nur, weil gute kleine Filme glücklich machen. Sie laufen auch besser auf internationalen Festivals – und da spielen sie oft auch wieder etwas ein.

Erst vorletzte Woche konnten wir hier mit „Ein melancholisches Mädchen“ einen beglückenden Hochschulabschlussfilm vorstellen. Und nun schon wieder: Von der Münchner Filmhochschule kommt dieses frankophile Kleinod, das sich sogar einen Titel in einfachem Französisch leistet: „Un café sans musique c’est rare à Paris“. Gerechterweise nennen wir diesen ganz in Paris angesiedelten Film einen deutsch-französischen; auch in Frankreich wird er Erinnerungen an bessere Kinozeiten wecken. Dass der Film bereits vor zwei Jahren – damals unter dem Titel „Voyages“ – fertig gestellt wurde, weckt die Frage, wie er so lange übersehen werden konnte.

Wie der Film ist auch seine Hauptdarstellerin Jana Klein zweisprachig. Sie wirkt nicht wie eine professionelle Schauspielerin, hat aber eine Ausstrahlung, die ein wenig an Charlotte Gainsbourg erinnert. Als Anna lernen wir ihre Filmfigur in einem Pariser Hotel kennen. Das Ziel ihrer Reise trägt sie als Reproduktion in einem Buch bei sich: Es ist ein Gemälde im Louvre, Watteaus, „Die Einschiffung nach Kythera“. Doch bevor uns diese rätselhafte Darstellung einer Pilgerfahrt zur Insel der Liebe noch ein zweites Mal begegnet, verliert sich Annas eigene Pilgerreise auf merkwürdigen Bahnen.

Als ihre Habseligkeiten im Hotel verschwinden und sie Hilfe sucht, behandelt sie der Concierge nur wie Luft. Dafür wird sie von einem fremden deutschen Paar auf der Straße umso inniger ins Herz geschlossen. Auch wenn der Mann Anna als „Hanna“ anspricht und sie zu verwechseln scheint, kann er die Bekanntschaft durch Handyfotos belegen. Aber welche Beweiskraft haben Bilder überhaupt? Oder liegt ihre tiefere Funktion nicht vielmehr in ihrem Potenzial zur Mehrdeutigkeit?

Seit es das Kino gibt, hat es diese Frage gestellt und seine schönsten Kunstwerke daraus geschaffen. Auch der surrealistische Film wurde in Paris erfunden, von George Méliès, René Clair, Germaine Dulac, Jean Cocteau, Luis Buñuel, Salvador Dali und vielen anderen. Kein Wunder, dass es die Filmemacherin Jana Pauline Maier für ihren zweiten Spielfilm (bereits 2013 realisierte sie „Die Schwärmer“) in dieses Mekka des Kinos gezogen hat.

Als Hommage an die stummen Anfänge der filmischen Traumerzählungen flackern ein paar Experimentalfilmbilder in einer Bar, wo Anna die nächste merkwürdige Begegnung hat: Mit dem einsamen Gast Eric (Pierre Mignard) entspinnt sich ein melancholisch-alltagsphilosophischer Dialog, wie er im Kino gerne erotische Begegnungen einleitet. So auch hier, doch wieder gibt die Szene Rätsel auf. Zunächst irritiert ein Wiedersehen mit dem Watteau-Gemälde, von dem Eric auch in seiner Wohnung eine Reproduktion besitzt.

Nun haben wir Gelegenheit, es etwas näher zu betrachten: Unter dem faszinierenden Himmel die Gruppe junger Leute am Ufer, die sich untereinander nicht zu kennen scheinen. Der Philosoph Norbert Elias widmete „Watteaus Pilgerfahrt zur Insel der Liebe“ den gleichnamigen Essay, ohne das tragende Rätsel des Bildes darin zu lösen, die Ambivalenz von Ankunft und Abschied. Darüber und über die Suche nach Identität und Glück hat die Regisseurin diesen poetischen Liebesfilm gedreht.

Die nach den filmischen Konventionen unvermeidliche, aber verunglückte Liebesnacht inszeniert sie in einem hinreißenden Einfall dann ganz unter der Bettdecke. Am nächsten Morgen scheint sich das Paar bereits Jahre zu kennen. Doch die vermeintliche Tochter, die Anna in der nächsten Episode von der Schule abholt, hat wiederum eine andere Mutter, was Anna in einer weiteren Rolle vorstellt, die sie in paralleler Zeitlichkeit offenbar ausfüllt, als Kinderfrau. Bis zu dieser Erklärung beschenkt uns die Filmemacherin mit einem weiteren surrealen Kleinod, einer verrückten Teeparty im Park wie aus „Alice im Wunderland“.

Natürlich ist diese Geschichte wechselnder Rollen und Identitäten damit noch lange nicht zu Ende. Sie passt zur Biographie der Regisseurin, die während imponierender 16 Jahre an der Münchner Filmhochschule aktiv war, aber auch in Peking studierte und bereits eine Vielzahl bedeutender Dokumentarfilme gedreht hat. Zwei davon handeln von visionären Filmemachern, die auch das Universum dieses Kunstfilms abstecken – Vlado Kristl und Agnès Varda.

Es ist ein Wunder, was sie mit bescheidenen Mitteln erreicht hat: Wie das teils sichtbar laienhafte Spiel den Eindruck der Traumrealität noch mehr vertieft, wie die dunkle Fotografie die Parkszene noch kafkaesker wirken lässt. Auch wenn der Begriff des Experimentalfilms lange aus der Mode ist, erinnert Johanna Pauline Maier daran, dass jedes Kunstwerk auch ein Experiment ist. Was für ein Glücksfall, dass ein kleiner Verleih ihren Film, an dem sie seit 2015 gearbeitet hat, nun aufgespürt hat.

Der Film

Un café sans musique c’est rare à Paris. D/F 2019. Regie: Johanna Pauline Maier. 105 Min.

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