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„Bushido Reset – Zurück ins Leben“: Es geht um Leben und Tod

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Von: Moritz Post

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Bushido, Ehefrau und die Drillinge: Es geht um Leben und Tod.
Bushido, Ehefrau und die Drillinge. © picture alliance/dpa/Bushido

„Bushido Reset – Zurück ins Leben“ will das Leben des Rappers dokumentieren. Unser Kritiker sagt: Darauf hätte die Welt verzichten können.

Köln – Bushido ist wieder zurück auf den Bildschirmen der Republik: RTL zeigt die zuerst als sechsteilige Serie auf dem sendereigenen Streamingangebot RTL+ erschienene Dokumentation „Bushido Reset – Zurück ins Leben“ zur Primetime im Hauptprogramm. Mit markigen Worten bewirbt der Kölner den Inhalt des donnerstäglichen Fernsehabends: „Anna-Maria und Bushido haben schwerwiegende Entscheidungen zu treffen. Es geht um Leben und Tod.“

Inhaltlich dreht sich in „Bushido Reset“ alles um das Familienleben des Promi-Ehepaars und den Prozess gegen die vier Köpfe des Abou-Chaker-Clans, in dem Anis Ferchichi, wie Rapper Bushido mit bürgerlichem Namen heißt, als Zeuge auftritt. Inhaltlich erfahren die Zuschauer:innen nicht wirklich Neues. Vielmehr haben sich die Macher:innen von „Bushido Reset“ darauf verlegt, den Berliner Rapper und Produzent breitbeinig im Sessel sitzend und ungefiltert mit Qualitätsstatements zu Wort kommen zu lassen.

„Bushido Reset – Zurück ins Leben“: Rapper als geläuterter und fürsorglicher Familienvater

Ein Beispiel: „Ich bin der am längsten aussagefähige Zeuge der Berliner Kriminalgeschichte, Alter!“ – Das kann ein Sender natürlich in eine Dokumentation reinschneiden. Der Mehrwert erschließt jedoch nicht ansatzweise. Neben Statements zum Abou-Chaker-Prozess inszeniert sich Rapper Bushido als geläuterter und fürsorglicher Familienvater von acht Kindern mit geregeltem Leben. Anna-Maria Ferchichi tritt in diesem Rahmen als die Ehefrau auf, die ihren Mann bedingungslos unterstützt.

Und so darf Bushido seine Lossagung von der organisierten Kriminalität damit begründen, dass der Abou-Chaker-Clan ihn und seine Familie bedroht habe. Das ist an und für sich ein nachvollziehbarer Sachverhalt. Wieso sich Bushido jedoch beinahe zehn Jahre im Milieu der organisierten Kriminalität bewegt hat, wird nur in Ansätzen und unzureichend beleuchtet. Aus journalistischer Sicht kann und darf die Aussage des Rappers, dass die Zugehörigkeit zum Umfeld der Abou Chakers eine Lücke gefüllt habe, die durch die Abwesenheit von Ferchichis Vater in dessen Kindheit und Jugend entstanden sei, nicht zufriedenstellend sein.

Bushido bei den Abou Chakers - Rapper hat finanziell in hohem Maß profitiert

Zumal der Rapper sein eigenes Narrativ relativiert, wenn er davon spricht, dass er sich bei den Abou Chakers nie wirklich zugehörig gefühlt habe. Anstatt an diesem Punkt jedoch kritisch nachzuhaken – schließlich ist verbucht, dass Bushido von der Zusammenarbeit mit dem Abou-Chaker-Clan geschäftlich in hohem Maße profitiert hat –, präsentiert RTL lieber Interviewszenen mit Anna-Maria Ferchichi, die schlicht das fragwürdige Narrativ ihres Ehemanns reproduziert.

Zur Sendung

Sechsteilige Serie auf RTL+, Dokumentation „Bushido Reset – Zurück ins Leben“, ab 16 Jahren

Das Auseinanderklaffen von Anspruch und Realität des Rappers Bushido findet sich entsprechend auf seinem aktuellsten Album, in dem er sich weiterhin als der Pate des deutschen Gangster-Raps darstellt: „Lass mal deinen Comicrap / Es gibt nur einen deutschen Rapper, der keinem Schutzgeld zahlt, und das ist Sonny Black“ – Aber auch nur, weil Anis Ferchichi seit rund vier Jahren von Personenschützern des LKA bewacht werden muss, wenn er sich aus seiner neuen Wahlheimat Dubai nach Berlin in sein altes Zuhause begibt.

Vorwürfe gegen Bushido wegen sexueller Nötigung

Seinen Tiefpunkt erreicht die Doku-Serie, als während der Dreharbeiten im Jahr 2021 Vorwürfe wegen sexueller Nötigung einer mutmaßlich minderjährigen Frau gegen den Rapper publik werden. Konkret dreht es sich um ein Video aus dem Jahr 2004, in dem der Rapper eine augenscheinlich alkoholisierte Frau in einem Hotelzimmer verbal unter Druck setzt. Und auch hier wird das Produktionsteam seiner journalistischen Sorgfaltspflicht nicht gerecht.

Bushido sagt, dass er sich für sein Verhalten schäme und gibt sich geläutert: „Ich weiß, war nicht cool. Macht man nicht“, gibt der Rapper vor der Kamera zu Protokoll. Jedoch ergänzt er sein Statement um die relativierende Aussage: „Es war keine sexuelle Nötigung, ich hatte keinen Sex mit dem Mädchen.“ Eine kritische Nachfrage oder Einordnung durch RTL bleibt aus. Stattdessen wird dem Publikum Bushido beim Dreh des Videos zu seinem Song „King Sonny Black“ präsentiert, in dem der Rapper sich in gewohnter Art und Weise eines explizit misogynen Vokabulars bedient.

Doku-Reihe zum Rapper Bushido hat niemand gebraucht

Dem Ganzen setzt darauf hin Anna-Maria Ferchichi die Krone auf, indem sie Bushidos Verhalten im Video dahingehend relativiert, dass nicht das Verhalten ihres Ehemanns, sondern die Veröffentlichung des Video-Materials nach so vielen Jahren doch das eigentlich Verwerfliche sei. Denn so würde die mutmaßlich genötigte Frau gegen ihren Willen in die Öffentlichkeit gezerrt, was für diese doch eine große Belastung darstellen müsse. Dabei geschieht doch genau das mit der unzulänglichen Thematisierung in „Bushido Reset“.

RTL präsentiert seinem Publikum mit der neuen Doku-Reihe über den Rapper Bushido eine Dokumentar-Serie, die wirklich niemand gebraucht hat. Anis und Anna-Maria Ferchichi instrumentalisieren das Produktionsteam gezielt, um sich ganz in ihrem Sinne in der Öffentlichkeit zu inszenieren. „Bushido Reset“ ist der Untergang des dokumentarischen Journalismus. In diesem Licht erscheinen sogar 22 Staffeln Reality-TV über die Kardashians-Familie wie seriöse Dokumentarfilme. (Moritz Post)

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