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Trapezartistin, aus bösen Fängen befreit, und kleiner flugfähiger Elefant.

Realverfilmung

Tim Burton lässt Dumbo wieder fliegen

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Tim Burton hat Disneys „Dumbo“ neu verfilmt – und ist ihm auf faszinierende Art treu und untreu zugleich.

Wie sein kleiner Held ist der Film „Dumbo“ ein Außenseiterfilm unter Disneys prächtigen Zeichentrick-Klassikern geblieben. Und so wie sein Spielort, der Zirkus, geradezu symbolhaft für Freiheiten außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft steht, ging es in diesem Film etwas freier zu als sonst im Disneystudio. Ohne teure Effekte vertraute „Dumbo“ ganz auf die Bleistifte der damals noch jungen Meisterzeichner, was ihn bei Fans beliebter gemacht hat als die meisten anderen Diskeyklassiker. Und die Hintergründe leuchten in strahlenden Aquarellfarben, einer damals in Kalifornien blühenden Kunsttechnik. Noch dazu rettete der kleine Elefant bei seinem Erscheinen im Jahr 1941 das Disney-Studio durch eine schwere wirtschaftliche Krise – seine teuren Vorgänger „Pinocchio“ und „Fantasia“ hatten dagegen herbe Verluste eingefahren.

Es kann nicht überraschen, dass sich Tim Burton diesen besonderen Film für Disneys Reihe von Realfilm-Remakes ausgesucht hat. Nicht nur der Film, auch sein Held ist ein archetypischer Außenseiter, der an Absonderlichkeit Burtons eigenen Figuren in nichts nachsteht. Wie „Edward mit den Scherenhänden“ oder „Ed Wood“ verwandelt Dumbo das, was ihn ausgrenzt, in eine bewundernswerte Gabe. Und was passte besser ins Burton-Universum als die schillernde amerikanische Zirkuswelt der Vorkriegszeit mit ihrer heute oft befremdlichen Sensationslust, den Freak Shows und dem überschminkten Elend? Man ahnt schnell, Tim Burton muss sich hier zurückhalten, um nicht in ein Terrain zu geraten, das mit dem Wohlfühl-Disneyland nicht mehr kompatibel ist.

So ist das erste, das man wiedererkennt – und das dem Film einen Gutteil seiner Schönheit verleiht – die Aquarellpalette. Burton muss die originalen Entwürfe sehr genau studiert haben, Man hat im digitalen Zeitalter noch keinen Film gesehen, der derart malerisch mit Licht und Schatten spielte. Doch was ließ sich sonst noch retten aus Disneys Klassiker?

Da ist zunächst die Geschichte des kleinen Elefanten mit den großen Ohren, den man von seiner Mutter trennt. Das geschieht auch diesmal, wenn auch etwas weniger melodramatisch. Diesmal ist nicht der Direktor des kleinen Zirkusses dafür verantwortlich – Danny DeVito spielt ihn als liebenswerten, aber etwas überforderten Lebenskünstler – sondern die Konkurrenz: Kaum dass sich Dumbos große Ohren als im wahrsten Sinne tragfähig erwiesen haben, buhlt ein millionenschwerer Schausteller um das Unternehmen.

Michael Keaton, ebenso wie DeVito schon seit „Batman“-Tagen ein Burton-Veteran, spielt diesen rücksichtslosen Unternehmer als einen Anti-Disney, wenn man so will. Wie im Originalfilm bleibt das Elefantenbaby stumm, und um den Realismus bei aller Märchenhaftigkeit doch noch weiter zu treiben, bleiben die anderen tierischen Helden ebenfalls sprachlos. Das bedingt eine radikale Abkehr vom Original und einigen seiner beliebtesten Figuren.

Maus Timotheus – oder ein Artgenosse – hat nur einen Kurzauftritt, ganz verschwunden sind die Krähen, die ursprünglichen Fluglehrer des Dickhäuters. Im Disney-Konzern ist diese Truppe in Ungnade gefallen; als Karikaturen eines afroamerikanischen Gesangsquintetts sind sie bereits seit den siebziger Jahren Gegenstand einer Rassismus-Debatte. Tatsächlich zählen sie zu den wenigen positiven afroamerikanischen Rollenbildern überhaupt im Kino der frühen vierziger Jahre, aber Disney vermeidet jede Diskussion darüber. Fans können darüber lange lamentieren – zeichnerisch sind die Krähen ein Meisterstück des legendären Künstlers Ward Kimball, der in ihnen auch seine Liebe zum Jazz ausdrückte.

Dass sie in Tim Burtons Film nicht nur nicht fehlen, sondern dass auch die Spielzeit auf 130 Minuten verdoppelt wurde, zeigt, wie sehr man sich vom Original entfernte. Statt Maus und Krähen kümmern sich nun zwei Kinder und ihr Vater, ein einarmiger Artist, um den Elefanten. Das schafft Raum für eine zärtliche Familiengeschichte, die nach romantischer Steigerung verlangt.

Dafür findet sich in einer von Eva Green gespielten Trapez-Artistin die passende Ergänzung, doch die muss erst aus den Fängen von Micheal Keatons Schausteller-Millionär befreit werden. Mit Green, dem Star aus seinem letzten Film „Die Insel der besonderen Kinder“, hat Burton also seine Stammbesetzung komplett. Es ist ein bisschen so, als würde man nach Disneyland kommen, um dort eine Tim-Burton-Ausstellung vorzufinden. Wie eine Matroschka-Puppe verbirgt dieser vermeintliche „Dumbo“ in seinem Innern ganz andere Geschichten. Doch immer wieder kommt auch noch ein Stückchen Disney zum Vorschein – und das sind kleine Höhepunkte. Burton kennt Disney aus dem Eff-Eff; wenn Eva Green den Elefanten einmal auf die Stirn küsst, ist das zum Beispiel eine exakte Nachinszenierung eines klassischen Disneyaugenblicks von Schneewittchen und Zwerg Dopey.

Oder die berühmte Rosa-Elefanten-Parade: Im Originalfilm ist diese surreale Sequenz ein Champagner-Traum des kleinen Elefanten, doch da in Disneys Familienfilmen strenges Alkoholverbot herrscht, macht Burton kurzerhand eine Luftblasen-Nummer nach Roncalli-Manier daraus.

Tim Burton begann seine Karriere selbst als Zeichner im Disneystudio und sah sich gleich in der Rolle des schillernden Außenseiters mit der dunkleren Phantasie. Dass er heute frei wie ein artist in residence bei Disney wirken kann, zeigt seine einzigartige Stellung als einer der wenigen geachteten Künstler in Hollywood. Man sieht seinem „Dumbo“ die langen Debatten an, die Burton mit Disney geführt haben muss. Das Ergebnis aber ist eine Zirkuskarte wert.

Dumbo. USA 2019. Regie: Tim Burton. 130 Min.

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