Michael Bully Herbig als ehrgeiziger Klatschreporter Max Zettl.
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Michael Bully Herbig als ehrgeiziger Klatschreporter Max Zettl.

Kino

"Bully" Herbig in "Zettl": Bunga Bunga Berlin

  • Harald Jähner
    vonHarald Jähner
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Helmut Dietls Politikkommödie „Zettl“ folgt Bully Herbig als Klatschreporter auf die Odyssee durch das politische Berlin. Eine Stadt ohne Niemands, eine Stadt voller Selbstdarsteller, getrieben von Gier nach Sex und Anerkennung.

Ein Film über die Verlogenheit der Republik. Besser hätte das Timing nicht sein können, heißt es. Das stimmt nicht. Statt einer Gesellschaftssatire über die High Society der Berliner Republik würde man lieber eine über die von Niedersachsen sehen. Vom Landtag in Hannover, den Betriebsratsausflügen von Volkswagen, den Partys mit Veronica Ferres, den Freunden des Ministerpräsidenten. Auf dieser Entscheidungsebene mag der Stoff üppig fließen, mit dem Helmut Dietl seine grotesken Klatschfantasien betreibt: die kleine Vorteilsnahme, ein paar Zinsen weniger, eine relativ geschlossene Gesellschaft, durch die es sich noch lohnt, mit dem Porsche zu fahren.

So wie damals die Münchner Schickeria, in der Dietls Fernsehserie „Kir Royal“ spielte. In ihr recherchierte der Klatschreporter Baby Schimmerlos, halb nach oben strebend, halb schon wieder angewidert – ein idealer Aufklärer einer geschlossenen und doch extrovertierten Oberschicht.

Eine Stadt ohne Niemands

Den Ruhm, den Helmut Dietl mit „Kir Royal“ 1986 erzielte, hat er, vielleicht mit Ausnahme des für den Oscar nominierten Films „Schtonk!“ über die gefälschten Hitler-Tagebücher, nicht wieder erreicht. So lag der Wunsch nach einer Neuauflage nahe: Mit Schimmerlos nach Berlin!

Sein Film „Zettl“ folgt einem Klatschreporter auf die Odyssee durch das politische Berlin. Den Leuten hinterher, die nun nicht mehr im Münchner Rossini sitzen oder im Schumann’s, sondern im Berliner Borchardt und im Grill Royal. „Wenn Sie in München ausgehen, begegnen Sie allmählich niemandem mehr. Die sind alle in Berlin“, hat Dietl beklagt.

München, ein Stadt voller Niemands? Merkwürdige Sicht eines Menschen, dem es nicht um eine Stadtgesellschaft geht, sondern um die Gesellschaft. Das sind nicht die oberen Zehntausend, sondern die, die sich als solche in Szene setzen.

Eine Transexuelle als Bürgermeisterin

Auch Berlin ist in Dietls Film eine Stadt ohne Niemands. Das normale Berlin kommt nicht vor. Seine Berliner Oberschicht besteht aus einem Haufen durchgeknallter Selbstdarsteller, getrieben von Gier nach Sex und Anerkennung, psychisch verwirrt, ebenso liebesbedürftig wie durchtrieben. Und das, wo uns doch gerade die erbarmungswürdige Normalität unseres Präsidenten so frappiert. Der Film ist nicht politikverdrossen, er ist politikverächtlich.

Dass der Regierende Bürgermeister schwul ist, nehmen in Berlin wohl nur noch Blödmänner zum Anlass für Witze, Helmut Dietl aber sieht darin tatsächlich noch eine Steilvorlage. Seine Regierende Bürgermeisterin Veronique von Gutzow ist irgendwie transsexuell, ein berlinerndes Mannweib mit martialischem Seitenscheitel, beim Volke beliebt wegen ihres aus ostdeutscher Sozialisation mitgeschleppten Kommandotons. Ein bisschen Volkskommissarin in schwarzem Ledermantel steckt in der grotesken Fantasiegeburt und eine Prise adliger Zwanziger-Jahre-Perversität. Ein preussischer Alptraum Münchner Herkunft.

Dagmar Manzel, das Rollenchamäleon vom Deutschen Theater, gibt das psychologisch unplausible Mischwesen dennoch überzeugend. Selbst dass sie sich vom Klatschreporter Max Zettl in einer Sensationsstory zu seiner wiederentdeckten Mutter machen lässt („Ihre Mutter ist eigentlich Ihr Vater“, sagt jemand höhnisch zu Zettl) und später behauptet, eine Fehlgeburt zu haben, bringt sie anständig auf die Leinwand.

Max Zettl ist der traurige Wiedergänger des genialen Klatschreporters Baby Schimmerlos. Der wurde herausgeschrieben aus einem einfachen Grund: Franz Xaver Kroetz wollte die Figur so, wie sie nun angelegt ist, nicht mehr spielen. Mit dem Schriftsteller und Stückeschreiber Kroetz als Reporter geht dem Film ein entscheidendes Element verloren: die Traurigkeit.

"Bully" als Gesellschaftsreporter

Kroetz verkörperte in schöner Übereinstimmung mit dem Namen Schimmerlos die Perspektive von unten. Es war nicht die des Aufsteigers, der sein ganzes Wesen zu übertünchen versucht, sondern er trug, bei aller Anpassung und Skrupellosigkeit, die stille Verwunderung seiner Herkunft von unten in seinem Gesicht und seinen Gesten, während er durch die seltsame Welt der Schickeria spazierte.

Statt Franz Xaver Kroetz hat nun Bully Herbig die Aufgabe, den Zuschauer durchs Dickicht der Intrigen zu führen. Er ist in allem die gröbere, scheinbar modernere Variante des Gesellschaftsreporters. Er trägt nur noch den Ehrgeiz, kaum noch Melancholie in seinem Gesicht, und wenn, ist sie unglaubwürdig. Keine Redaktion lenkt ihn mehr, sondern der Schweizer Investor Urs Doucier, der ihn wüst hin- und herdirigiert mit seinem Plan, ein Berliner Pendant des berühmten Magazins „The New Yorker“ als Online-Variante herauszugeben. Aber mindestens genauso wie von seinem Internetprojekt, ist Doucier an Berlin gefesselt wegen seiner Liebe zur androgynen Bürgermeisterin. Als sich Veronique den Penis wegmachen lässt, ist sein Wehklagen gegenüber Dr. Skirkidis grenzenlos, diesem Scharlatan, der aus einer faszinierenden Frau ein Durchschnittsweib gemacht habe.

Und so geht es immer weiter. Der Arzt Skirkidis, bei dem sich tout Berlin versorgen lässt, hat auch den qualvoll verendenden Kanzler Olli Ebert (Götz George) in seiner Klinik versteckt. Angeblich weilt Ebert auf Capri. Um Gerüchte über seine Erkrankung zu unterdrücken, wird ein Interview aus dem Krankenzimmer gedreht und Eberts Kopf in ein stimmiges Capri-Panorama montiert.

Was sagt diese Szene über das politische Berlin? Gar nichts. Für diesen ohnehin überdrehten, schwachen Film ist es geradezu verhängnisvoll, mit welcher Macht sich die mausgraue politische Wirklichkeit in den letzten Wochen ins Bild geschoben hat und genau das Gegenteil besagt. An den zum Megathema gewordenen Unwahrheiten des Bundespräsidenten Wulff ist der völlige Mangel an Strategie und Inszenierung erstaunlich, und eben nicht die schlaue Perfidie und große Geste, die der Dietlschen Sicht entspräche. Wulffs Herumlavieren quälte die Republik, nicht die dreiste Lüge, nicht die furiose Schauspielerei.

Weil die politische Wirklichkeit Dietls Zerrbild derzeit so wuchtig Paroli bietet, schlägt der Regisseur zurück und mokiert sich über ihre Banalität. Im Spiegel bezeichnete er Wulfs Haus als „Häusl“, das eben auch nichts anderes sei als ein bloßes „Häusl“. Was das heiße, will der Interviewer wissen. „Na, wie das ausschaut“, antwortet Dietl. „Wie denn?“ - „Ja armselig. Kein Palast. Große Gangster haben Paläste. Berlusconi hat Paläste.“

Ähnlichkeit zur Realität?

Eben, Berlusconi. Dabei soll Dietl tatsächlich nach Berlin, nicht nach Rom geguckt haben. Ganze drei Jahre hat er für den Film in Berlin gelebt, ganze sechs Jahre soll er daran gearbeitet haben. Und mit Benjamin von Stuckrad-Barre hatte er einen Drehbuchschreiber engagiert, der seine notorische Liebe für Glamour durchaus im Zaum zu halten weiß. In diesem Fall ging jedoch alles mit ihm durch, Richtung Bunga-bunga.

Eine Talkmasterin, die ihren Gästen gerne an die Wäsche geht. Ein liebes Flittchen, das erst mit dem Kanzler eine Romanze hat, dann mit dem Klatschreporter des „New Berliner“. Sicher, hier und da erkennt man was wieder. War Doris Schröder-Köpf nicht bei Bild? Hatte die Tageszeitung Welt nicht einen Schweizer Chef, hat der Cicero nicht einen Schweizer Verleger? Sieht der Stippenzieher Gaishofer im Film nicht so düster und geheimnisvoll aus wie der reale Berliner Strippenzieher Gaißmaier, einst in wichtigen Ost-West-Diensten unterwegs? Harald Schmidt ist im Film ein schwäbelnder Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern und sieht aus wie Hans-Jochen Vogel. Dabei war es doch dessen Bruder Bernhard, den es von Rheinland-Pfalz an die Spitze des Landtags von Thüringen verschlagen hatte.

„Keiner lügt so schön“

So setzt sich jede Figur aus Versatzstücken gleich mehrerer Gestalten zusammen. Zettl ist ein Schlüsselfilm deshalb nur in kaleidoskopischem Sinn, insofern jede Figur multipel ist und, wie Kanzler Ebert, sogar aus mehreren Epochen zusammenmontiert. Das zu entschlüsseln ist durchaus reizvoll, führt aber auch nicht tiefer in die Berliner Wirklichkeit.

Dietl benutzt den einfachen rhetorischen Trick, zwischen Wahrheit und Wirklichkeit zu unterscheiden. Mag sein, dass die Affäre Wulff in ihrer Banalität die Wirklichkeit sei, sagt er abschließend in dem Interview, die Wahrheit aber sei sie niemals. Dagegen kann sich die Wahrheit nicht wehren. Sicher wird es Leute geben, die behaupten, Berlusconi sei das wahre Gesicht des Kapitalismus, nicht die bienenfleißig und affärenlos sich aufreibende Angela Merkel. Und es mag sein, dass in einer radikalen Ideologiekritik auch die betonte Biederkeit und oft beklagte Glanzlosigkeit unserer Regierung als ideologische Maskierung gedeutet werden kann. Aber gerade das hat Dietl nicht im Sinn.

Am Ende landet er bei einer ganz und gar abgenutzten Klage über „die da oben“, Marke Stammtisch, siebte Runde. Da wird Veronique von Gutzow Bundeskanzlerin und Max Zettl, gerade noch von Verbannung bedroht, zum Regierungssprecher ernannt. „Du bist der ideale Regierungssprecher“, sagt man ihm, „keiner lügt so schön, wie Du: Dir glaubt man alles, sogar die Wahrheit“. Einen weniger laxen Umgang mit ihr hätten wir gerade jetzt verdient.

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