Der bayerische CSU-Politiker Franz Josef Strauß mit seiner Ehefrau Marianne (verdeckt) auf dem Münchner Oktoberfest.
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Der bayerische CSU-Politiker Franz Josef Strauß mit seiner Ehefrau Marianne (verdeckt) auf dem Münchner Oktoberfest.

„Der Primus – Franz Josef Strauß“, ARD

Der Buhmann der Bonner Politik

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Allein die Vielzahl der Karikaturen ist ein Beleg: Der 1988 verstorbene Franz Josef Strauß war als Politiker umstritten und sogar regelrecht verhasst. Ein Doku-Drama des Bayerischen Rundfunk versucht, die Persönlichkeit des früheren Kanzlerkandidaten zu ergründen.

Wenn in den 1960er- und 1970er-Jahren im Bundestag wichtige Debatten geführt wurden – und deren gab es damals viele –, übertrug Das Erste regelmäßig live. Zum größten Verdruss von Kindern und Jugendlichen, deren nachmittägliche Programmangebote an diesen Tagen ersatzlos ausfielen. Bei drei Programmen insgesamt und ohne Internet gab es keine Alternative. Manch einer aber entdeckte bei einer dieser Gelegenheiten den Unterhaltungswert von Politik, wenn nämlich der Großrhetoriker Herbert Wehner von der Kanzel wetterte und bissig die Namen von Unions-Politikern verballhornte, Helmut Schmidt mokant den Gegner zurechtwies, Franz Josef Strauß zu seiner barocken Sprachakrobatik anhob. Nicht selten wurden diese oder andere Redner und Zwischenrufer vom Parlamentspräsidenten getadelt wie unartige Schuljungs. Ein Hauptspaß.

Seine Redekunst hatte den bayerischen CSU-Chef Franz Josef Strauß zu einer Art politischen Popstar werden lassen. Als er 1980 für die Unions-Parteien Helmut Schmidt herausforderte und Kanzler werden wollte, bespielte er die großen Hallen, Plätze und sogar Fußballstadien. Wo sich nicht zuletzt seine Gegner versammelt hatten und lautstark „Stoppt Strauß“ skandierten.

Ein Mann will nach oben

Mit dieser Phase in der Karriere des gebürtigen Münchners Franz Josef Strauß beginnt das Filmporträt von Werner Biermann. Und zwar mit einer Spielszene. Man schreibt den 23. Mai 1979. Strauß (Bernhard Ulrich) ruft seine Frau Marianne (Edith Konrath) an und fragt artig: „Soll ich's machen?“. Man habe ihm die Kanzlerkandidatur angetragen. Biermann blendet über zu einem Interview mit Edmund Stoiber, ebenfalls CSU. Gemeinsam mit Friedrich Zimmermann sei er der Meinung gewesen, so Stoiber: „Diesmal muss er für die Union zur Verfügung stehen.“ Es klingt, als habe man Strauß drängen müssen. Wenig später variiert Stoiber seine Aussage. „Eine der imposantesten Persönlichkeiten in Deutschland“ sei Strauß gewesen, so Stoiber. „Dann ist es klar, dass man hier die Nummer eins werden will.“

Dieser Ehrgeiz, der sich nicht nur auf die Politik erstreckte, zieht sich als roter Faden durch das Porträt. Biermann schlägt den Bogen zurück bis in die Kindheit des späteren Bundespolitikers. Dessen Vater war Metzger, der Sohn sollte in seine Fußstapfen treten, erwies sich aber als außerordentlich begabt. Widerwillig erlaubte der Vater den Besuch des Gymnasiums, ein Stipendium half bei der Finanzierung. Strauß wurde ein Musterschüler, der Klassenprimus, trotz seiner Herkunft aus einem „ungeistigen“ Milieu, wie einer seiner Lehrer urteilte. Ein altes Zeugnis findet sich: in allen Hauptfächern eine Eins, in Sport reichte es nur zu einer Zwei.

Aus katholischer Tradition heraus war die Familie Strauß gegen die Nationalsozialisten eingestellt. Der Filmautor konstruiert einen Gegensatz: In diesem München der 1920er-Jahre gab es demnach einerseits politische Abenteurer, „Verrückte und Radikale, die vom Sturz der Demokratie träumen“, andererseits „grundsolide“ Handwerkerfamilien, „fleißig und katholisch“. Aber auch der Fotograf Heinrich Hoffmann, der direkt gegenüber der Metzgerei Strauß Hitler-Bücher und -Fotografien ausstellte und bei dem NS-Parteiführer ihre Tagungen abhielten, war Handwerker, fleißig und geschäftstüchtig. Und Nationalsozialist der ersten Stunde.

Werner Biermann verknüpft immer wieder illustrierendes dokumentarisches Material sowie Spielszenen aus Strauß‘ Jugendjahren mit dem Wahlkampf von 1980. Der häufige Wechsel zwischen den Zeitebenen macht Strauß‘ Antrieb deutlich und verständlich: Den bestenfalls kleinbürgerlichen Verhältnissen wollte er entfliehen beziehungsweise tunlichst nie dorthin zurück. Der sprachbegabte Strauß strebte eine Studienratskarriere an, der Beginn des Krieges machte eine konventionelle Laufbahn unmöglich.

Steile Karriere, sanfter Fall

Diese biografische Note also wird deutlich, an anderen Stellen bleibt der Filmautor vorsichtig. Als Soldat muss Strauß an die Ostfront, kämpft 1942 in Russland, nahe Stalingrad. Er überlebt, der Kommentator spricht von glücklichen Umständen, die nicht weiter erläutert werden. Kurz vor Kriegsende findet sich Strauß als Flakausbilder in Schongau / Weilheim wieder. Die Einnahme durch die US-Armee steht unmittelbar bevor. Laut Film – szenisch dargestellt – wird der Oberleutnant Strauß zum Widerständler und sabotiert die sinnlos gewordenen Verteidigungsbemühungen. Der genaue Ablauf bleibt in der Andeutung stecken.

Strauß, nach dem Krieg zum stellvertretenden Landrat bestellt, später demokratisch ins Amt gewählt, macht rasch politische Karriere, die ihn in die damalige Bundeshauptstadt Bonn und ins Kabinett Adenauer führen. Nicht lange, und er leistet sich einen ersten Skandal, indem er als Verteidigungsminister für die neu geschaffene Bundeswehr den unausgereiften Abfangjäger Lockheed F-104, genannt Starfighter, einkauft. Im Film wird die Stückzahl von 700 genannt, 55 stürzten ab. Es gibt Fachbücher, die enthalten höhere Zahlen. Wobei allerdings auch Pilotenfehler Eingang gefunden haben.

Der Verdacht, das US-Unternehmen Lockheed habe Schmiergeldzahlungen geleistet, war, angesichts bekannter Praktiken des Herstellers, schnell in der Welt. Strauß musste sich einem Untersuchungsausschuss stellen, konnte aber nicht belangt werden.

Nicht die einzige Affäre, in die Strauß verwickelt war. „Strauß agiert tatsächlich oft in einer Grauzone“, heißt es beschönigend im Kommentar des Films. Werner Biermann erweckt dennoch den Eindruck, als verdanke sich das Image des korrupten Politikers vorrangig einer Kampagne des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, dessen Herausgeber Rudolf Augstein in der Tat eindeutig gegen Strauß eingestellt war und daraus kein Hehl machte. In einem kurzen Auszug aus einem zeitgenössischen Filminterview räumt Augstein offen ein, gegenüber einem derart potenten Gegner wie Strauß könne man nicht objektiv sein.

Opfer publizistischer Medien?

Dennoch: Hier wird der Bote zum Schuldigen gemacht. Denn Strauß verstieß nachweislich wiederholt gegen geltende Gesetze. Auch im Zuge der „Spiegel“-Affäre, die ihn sein Ministeramt kostete. Im Film wird er zum Bauernopfer der politischen Ranküne des Kanzlers Konrad Adenauer. Vorläufig, denn vier Jahre später wird er unter einem neuen Kabinettschef erneut als Minister berufen. Wie er die Zwischenzeit verbrachte, bleibt unerwähnt.

Die publizistische Kampagne gegen Strauß, für die namentlich der Sachbuchautor Bernt Engelmann und als Drahtzieher der Staatssicherheitsdienst der damaligen DDR verantwortlich gemacht werden, habe, so die These des Filmautors, bewirkt, dass Strauß als Schreckgespenst wahrgenommen wurde und deshalb die Wahl 1980 verlor. Nicht völlig falsch, aber nur ein Teil der Wahrheit. Denn zu Strauß‘ Agenda gehörte seit den 1950ern eine aktive Atompolitik. Er setzte sich für die Energiegewinnung durch Atomkraft ein und bemühte sich um Zugriff auf nukleare Waffen der Amerikaner. Später, als bayerischer Ministerpräsident, engagierte er sich für die höchst umstrittene, nie fertiggestellte Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. In einer Zeit, in der die Bevölkerung nach dramatischen Reaktorunglücken und -pannen für dieses Thema sensibilisiert war, musste ein Kanzlerkandidat mit Affinität zur Atomindustrie mit Ablehnung rechnen.

Weitere Punkte traten hinzu, privates Fehlverhalten, nicht zuletzt Strauß‘ grobe Attacken gegen politische Gegner. Er mag kein Nationalsozialist gewesen sein, aber wer mit Begriffen wie „rote Ratten“, „Parasiten“ und „Schmeißfliegen“ um sich wirft, Rechtsradikale verharmlost, gute Kontakte zu Diktatoren in aller Welt unterhält, ist zu jeder Zeit ungeeignet als Regierungschef, damals wie heute.

Es ist ein berechtigtes Anliegen, das vordergründige Image des politischen Wüterichs in Frage zu stellen und Strauß in der Gesamtheit seines Wesens zu porträtieren. Aber Werner Biermann verfällt beinahe ins Gegenteil und lässt einen differenzierten, kontextualisierenden Blick auf Strauß‘ politisches Wirken vermissen. Vieles bleibt unbelegt, manches vage, anderes lückenhaft. Für ein Fernsehspiel – die nachgestellten Szenen wurden von Erica von Moeller und Stefan Schneider inszeniert – reicht ein solcher Zugriff aufs Material bei entsprechender Kennzeichnung aus, für eine historische Darstellung liefert der siebzigminütige Film, vom auftraggebenden Bayerischen Rundfunk als Doku-Drama annonciert, eindeutig zu wenig.

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