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Die Liebe, die Dinge in Ordnung zu halten, ist von starken Gestaltungsimpulsen geprägt. André Wilms spielt aber auch einen Psychologen.
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Die Liebe, die Dinge in Ordnung zu halten, ist von starken Gestaltungsimpulsen geprägt. André Wilms spielt aber auch einen Psychologen.

Kino Über-Ich und du

Der Bücherdieb

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Mehr als eine Schraube locker: Benjamin Heisenbergs sympathische Intellektuellen-Komödie „Über-Ich und du“.

Kunst und Unterhaltung, im deutschen Kino gibt es beides reichlich – aber selten auf einmal. Der Filmemacher Benjamin Heisenberg, dessen Berlinale-Beitrag „Der Räuber“ seinerzeit in Deutschland ganze zehntausend Zuschauer fand, während er in Österreich zu Recht den nationalen Filmpreis gewann, hat sich einer noch selteneren Spezies angenommen: Der intelligenten Filmkomödie.

Ab und an zeigt sich seit Loriots Tod noch einmal ein Exemplar. Erst richtig rar ist in unseren Breiten aber die in Frankreich, früher auch in den USA verbreitete Spielart der Intellektuellen-Komödie. Ein deutscher Woody Allen wird jedenfalls noch immer gesucht. Heisenberg, der hiermit als Bewerber gelten kann, überlässt erst einmal nichts dem Zufall. Schon in den ersten Minuten führt er zwei skurrile Typen zusammen, die durchaus neugierig auf eine lustige Geschichte machen: Nick, einen nicht mehr ganz jungen Lebenskünstler, der sich als Bücherdieb durchschlägt (Georg Friedrich) und den betagten Psychologen Curt (André Wilms), eine Legende seiner Zunft.

Als sich dieser der Obhut seiner Tochter zu entziehen sucht, die wegen beginnender Demenz ein Auge auf ihn werfen möchte, wittert der Zufallsbekannte Nick seine große Chance. In der Villa des freundlichen Herren macht er es sich mit dessen Wohlwollen gemütlich. Beide Seiten schätzen die Verbindung. Für den Psychologen gibt es an diesem „nicht uninteressanten Mann“ gleich einiges zu analysieren. Und wenn er sich schon einen Betreuer leistet, warum nicht einen, der selbst etwas psychologische Beobachtung verträgt? Da kann man doch gleich ein paar lockere Schrauben festziehen. Vielleicht würde Curt sogar zustimmen, seinen überfüllten Bücherregalen etwas Entlastung zu gönnen. Als Preis für das unverhoffte Abenteuer durchaus angemessen.

Mit dem Eifer eines Seniorendetektivs klassischer Kriminalromane erkundet der Greis die Hehlerbande hinter den Bücherdiebstählen. Welch ein Vergnügen für den Freud-Experten, dass die ominöse Patin hinter all der Gaunerei von allen nur „Mutter“ genannt wird. In ihrem Namen wird geprügelt, niemand wagt zu widersprechen. Aber der schwächliche Nick ist ohnehin kein Mann der Widerworte. Als der Seelenklempner ungebeten in seinem Innersten aufräumt, lässt er es willenlos geschehen.

Nein, eine typische deutschsprachige Komödie wollte Heisenberg bestimmt nicht drehen, das garantiert schon die Besetzung der Hauptrollen mit dem für sein Hans-Moser-Granteln bekannten Österreicher Friedrich und dem Franzosen Wilms, zuletzt in Aki Kaurismäkis „Le Havre“ eine würdige Erscheinung. Und wäre nicht das launige 70er-Jahre-Flair der Filmmusik, die weder sanfte Streicher scheut noch humorige Saxophone, vergäße man vielleicht sogar, dass es überhaupt eine Komödie ist. Denn richtig lustig will es aus irgendeinem Grund nicht werden, so gerne man dem Ganzen gleichwohl zusieht.

Leichthändiges Name-Dropping

Eine Komödie zu loben, über die man lediglich immer wieder gerne schmunzelt, klingt vielleicht wie jene Weisheit, dass Sex auch dann schön sein kann, wenn niemand dabei einen Orgasmus hat. Und ja, gerne hätte man das alles noch einmal ein wenig nachgewürzt, bevor es aus der Küche kam. Man hätte im Drehbuch ein wenig am allzu leichthändigen Name-Dropping feilen können (wenn der Alte etwa selbstkritisch klagt: „Sartre hatte Recht: Ich bin ein Ekel“). Oder, wenn schon die Musik nach Slapstick klingt, auch etwas echte Situationskomik beisteuern können. Doch bereits die Abwechslung, überhaupt einmal eine deutsche Komödie mit solchem Bildungshintergrund zu sehen, ist die Sache wert. Verbunden mit einer geradezu dadaistischen Verachtung für alle Regeln komödiantischer Plausibilität.

Wenn der alte Analytiker schließlich mit der Beichte aufwartet, seine Karriere habe er ausgerechnet einer frühen Förderung durch Joseph Goebbels zu verdanken, wirkt das wie weiterer Sand im Komödiengetriebe, von dem wir stets erwarten, dass es gut geölt am besten läuft. Aber warum eigentlich? Vielleicht sind es ja gerade die Haken und Holprigkeiten, die deutschen Filmkomödien immer besonders gut getan haben – von Karl Valentin bis Ulrich Schamoni, von Klaus Lemke bis zu Helge Schneider. Hier und da war immer eine Schraube locker.

In der Quantenphysik besagt die „heisenbergsche Unschärferelation“, dass zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens nicht gleichzeitig beliebig genau messbar sind. Auch wenn der Nobelpreisträger Werner Heisenberg seinen Enkel Benjamin nur um zwei Jahre überlebte, scheint er ihm einen gewissen Zweifel an der Objektivierbarkeit vererbt zu haben. So genau dieser nachdenkliche Realist in seinen ersten beiden Spielfilmen Filmen „Schläfer“ und „Der Räuber“ die moderne Wirklichkeit auslotete, so nahe er dabei den Charakteren kam, desto stärker wirkte die Verunsicherung beim Zuschauer.

Doch auch die Verunsicherung hat gewissermaßen eine Tagseite, die Überraschung. Diese wiederum ist essentiell für die Komödie. Die irritierende Schönheit von „Über-Ich und Du“ liegt darin, dass dieser Film seine Überraschungen in genug Irritationen kleidet, um auch eine gewisse produktive Verunsicherung beim Zuschauer zu produzieren. Immer wieder greifen dabei zwei eigentlich gegenläufige Gestaltungsmittel ineinander: Einerseits die Freude an der Anarchie, die das Drehbuch zu seiner oft absurden Logik führt. Oder den hinreißenden Einfall motiviert, immer wieder farbige Heißluftballons über den Hintergrundhimmel zu schicken. Und andererseits eine gestalterische Liebe zur Ordnung, die sich in der feinen Darstellerführung und Bildgestaltung niederschlägt. Immerhin kam Benjamin Heisenberg als bildender Künstler zum Kino.

Ein französische Kritiker verglich Fritz Langs Klassiker „Metropolis“ einmal mit dem Salat, den der Idiot der Familie zusammengerührt hat. Genau besehen, war das ein schönes Kompliment. Diesen Salat hier hat zweifellos der Doktorand der Familie zusammengerührt. Es passt nicht immer alles zusammen, aber die Zutaten sind garantiert aus allerbestem Anbau. Über-Ich und du. Regie: Benjamin Heisenberg. D/A/CH 2014. 94 Minuten.

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