Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Ex-Terrorist Jens (Sebastian Koch, l.) im Kreise alter Freunde, die sich geändert haben.
+
Der Ex-Terrorist Jens (Sebastian Koch, l.) im Kreise alter Freunde, die sich geändert haben.

Katja Riemann in "Das Wochenende"

Brummig ist der Terrorist

Nina Grosse hat Bernhard Schlinks Roman „Das Wochenende“ als Familiendrama verfilmt. Katja Riemann spielt darin die Hauptrolle.

Von Peter Uehling

Ein Film über die RAF hat sein mediales Vorab-Echo sicher. Selten war es eigenartiger als bei der Kinoadaption von Bernhard Schlinks Roman „Das Wochenende“: Katja Riemann gab als eine der Hauptdarstellerinnen dem NDR ein mittlerweile berühmt gewordenes Interview, in dem man erfuhr, dass ihre Frisur nicht das Resultat von Färbung und Brennschere war, sondern eine schlichte Perücke. Weil der Moderator auch weiterhin vermied, zum Kern des Films vorzudringen, verlor Riemann die Lust an dem Gespräch, und dabei erfuhr man, dass die Aufkündigung eines Verhaltenskodex’ noch immer die Mechanismen des „Systems“ entlarvt. Riemanns Weigerung zu antworten, offenbarte, wie beschränkt die Fragen des Moderators waren. Da stand das Fernsehen mit einem Mal so nackt da, wie man es nicht sehen will.

So gesehen war Katja Riemanns Verhalten eine Form von Terrorismus im besten, nämlich aufklärerischen Sinn und damit eine tauglichere Einführung in den Film, als es ein Interview über ihre geglätteten Haare je hätte sein können. „Das Wochenende“ selbst handelt nicht vom Terrorismus, sondern von der Erinnerung an ihn, und die ist entstellt von Euphorie, Schuldgefühl oder Verdrängung.

Nach 18 Jahren Haft kommt Jens aus dem Gefängnis, und seine Schwester will es feiern. Am Wochenende lädt sie alte Bekannte ein auf ihren Bauernhof in Brandenburg. Feierstimmung kommt jedoch nicht auf. Befremdet sind die Freunde, brummig ist der Terrorist. Jens sitzt nicht nur unrasiert und schlampig gekleidet zwischen den Bürgern der Berliner Republik. Das Gefängnis hat in seinem Gesicht auch die alte Radikalität konserviert und im Kopf das Ideal eines anderen Staats, den er und seine RAF-Kollegen herbeibomben wollten. Die alten Freunde jedoch haben unterdes Geschmack gefunden an Wohlstand und Lifestyle und sind bestenfalls noch für salonkommunistische Standpunkte zu haben.

Sebastian Koch als Ex-Terroristen zu sehen, ist eindrucksvoll. Mit seiner ehemaligen Geliebten besucht er einen Supermarkt, ein von der Zeit überholter Stadt-Guerillero, in der modernen Konsumgesellschaft vollständig fehl am Platz. Wer wollte ihm jedoch altlinke Miesmacherei vorwerfen, wenn ihm die Exgeliebte an der Fleischtheke ein Stück Schinken zum Probieren hinhält und er brüsk ablehnt: „Probier mal, probier mal … Immer müsst ihr euch was in den Mund stecken!“ Wo er recht hat, hat er recht!

Der Film „Das Wochenende“ mag sich indes auf keine Seite schlagen. Die Regie überlässt es den Schauspielern, die Sympathien der Zuschauer zu bearbeiten. Und das ergibt eigenartige Unwuchtmomente. Die Schroffheit Kochs, seine unkonziliante Art erwecken zunächst Sympathie gegenüber den Klischeefiguren der neuen oberen Mittelschicht, die den Film bevölkert: Die Exgeliebte (Katja Riemann) ist eine Modepuppe, ihr Mann (Tobias Moretti) ein eitler Pralinenerfinder, die Tochter der beiden (Elisa Schlott) ein flaches Girlie. Die Schwester (Barbara Auer) als Migränefall bleibt unscharf. Ein Streitgespräch über die Vorstellung eines anderen Staats einerseits und die kriminellen Mittel zu dessen Herstellung andererseits akzeptiert man, obwohl die Argumente alle bekannt sind, als Ausgangspunkt für differenziertere Deutungen, die man im weiteren Verlauf erwartet.

Dann aber wirft sich das Drehbuch auf das familiäre Versagen des Terroristen, der sich aus der Gefängniszelle heraus nicht sonderlich für den Sohn interessierte, den er mit der Exgeliebten hat. Sehr stark in seiner psychotischen Zuspitzung ist der Auftritt von Robert Gwisdek in der Rolle des Sohns: Unerkannt nähert er sich seinem Vater als Kommunist, der Jens wieder für den Kampf gewinnen will, um ihm dann sein starres Weltbild und sein Desinteresse an seinem Kind über den Kopf zu kübeln.

Aber damit wird nichts über die RAF gesagt und ihr Widergängertum in der nun gänzlich anderen Bundesrepublik. Gesagt wird lediglich, dass Menschen mit dem Drang zur Veränderung der Welt zuweilen ihre Familie vernachlässigen. Wenn deren individuelle Neurosen ein Argument gegen gesellschaftliches Engagement sein sollen, dann gute Nacht!

„Das Wochenende“ gilt aufgrund seiner thesenhaften Dialoge als schwacher Schlink-Roman. Die Maßnahmen der Regisseurin und Drehbuchautorin Nina Grosse, das Personal des Buchs für den Film zu lichten und anders zu akzentuieren, sind durchaus vernünftig. Nur wird auch das verknappte Personal nicht erzählerisch funktionalisiert – es defiliert vielmehr vorbei als Beispielsammlung für den Umgang mit der Erinnerung. Ein Konflikt über Meinungsverschiedenheiten hinaus entwickelt sich nicht.

Wie der Film von deutscher Geschichte zum Familiendrama schwingt und dabei stets die Hauptfigur wechselt, wirkt er nicht nur politisch, sondern auch dramaturgisch unentschlossen. Er ist ebenso dialoglastig wie das Buch, und öfter fragt man sich, warum ein Gespräch an ausgerechnet diesem Ort stattfindet. Wenn am Ende die Frage, wer Jens bei der Polizei verraten hatte, beantwortet wird, interessiert das eigentlich niemanden mehr. Was den Film zusammenhalten sollte, ist von keinerlei Interesse – und damit auch nicht spannend.

Das Wochenende Dtl. 2012. Buch & Regie: Nina Grosse, Kamera: Benedict Neuenfels; 98 Min., Farbe, FSK ab 12.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare