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Auch er bekennt sich zu Jesus: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, dessen Sohn Eduardo zu den scharfen Kritikern der Netflix-Satire gehört.

„Die erste Versuchung Christi“

Brasilianisches Gericht untersagt Jesus-Satire auf Netflix: J. und sein Geliebter

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Eine ziemlich gute brasilianische Jesus-Satire führt zu großer Aufregung und nun zu einem Verbot.

Ha! Gerade noch geschafft! Sofort, nachdem ich am Donnerstagmorgen die dpa-Meldung gelesen hatte, dass Netflix auf Geheiß eines brasilianischen Gerichtes die seit 3. Dezember zur Verfügung gestellte Jesus-Satire „A Primeira Tentação de Cristo“ (Die erste Versuchung Christi) bis auf Weiteres aus dem Netz nehmen muss, habe ich mich dort sofort eingeloggt, um zu prüfen, ob der Film vielleicht doch noch zu sehen ist – und ich hatte Glück! Und eine wirklich nette Dreiviertelstunde.

Danke, liebes Verbot, das stets das Böse will und oft das Gute schafft. Anders hätte ich (und mit mir sicher ein guter Teil der nicht-brasilianischen Welt) kaum von diesem Spaß der Komikertruppe Porta dos Fundos (Hintertür) erfahren, die auf YouTube seit einigen Jahren einen eigenen Kanal unterhält. Was das in Rio de Janeiro ansässige christliche Dom-Bosco-Zentrum an diesem Monty-Python-artigen Kostümfilm über eine Party zu Jesus’ 30. Geburtstag so erzürnte, dass es Klage einreichte, ist offenbar nicht, dass Gott – der zum Ärger von Josef auch eingeladen wurde – ein Angeber ist. Auch nicht, dass Jesus nach den 40 Tagen in der Wüste mit der Erkenntnis zurückkehrt, sich ganz aufs Jonglieren konzentrieren zu wollen. Sondern dass er Orlando mitbringt, seinen schwulen Geliebten.

Der Umstand, dass sich Orlando im Verlauf des Films als Luzifer entpuppt, der von Jesus in einem Kampf mit viel Laserstrahlen und Kunstblut eben doch besiegt wird, spielte bei der Bewertung offenbar keine Rolle. Der Skandal, dass Jesus seinen Job als Gottes Sohn am Ende nur unter der Bedingung annimmt, dass er sich die zwölf Aposteljungs selbst auswählen darf, hat wohl schwerer gewogen. Das Gericht, legt die Meldung nahe, folgte der Klage in zweiter Instanz, um weitere Unruhen zu verhindern. Am 24. Dezember waren schon Molotowcocktails auf den Firmensitz von Portas dos Fundos in Rio de Janeiro geworfen worden. Dem Verbot geholfen hat möglicherweise auch, dass Präsidentensohn Eduardo Bolsonaro am 11. Dezember getwittert hatte: „Wir sind für Meinungsfreiheit, aber ist sie einen Angriff auf den Glauben von 86 Prozent der Bevölkerung wert?“ Und tatsächlich: eine am Donnerstagmittag auf change.org noch immer geöffnete Petition für das Verbot hat mehr als 2,3 Millionen Unterschriften.

Orlando wird vernichtet

Der Vorsitzende der brasilianischen Anwaltskammer, Felipe Cruz, hat die Entscheidung mit Hinweis auf die in Brasiliens Verfassung verankerte Freiheit der Kunst kritisiert. Und es gibt noch einen Rechtsweg, die Entscheidung ist nicht unrevidierbar. Es sind keine sexuellen Handlungen zu sehen, Jesus trägt ordnungsgemäß ein härenes Gewand und dunkle Locken mit Bart und Orlando, die Tunte, wird als Luzifer sogar vernichtet. Es ist nicht anzunehmen, dass sich alle Unterzeichner den Film angesehen haben.

Aber um jetzt nicht kulturpessimistisch zu werden: All jene, die sich tatsächlich gekränkt fühlen, haben hier Gelegenheit, den Jesus in sich zu zeigen. Denn wie sagte „J“ (wie er im Film heißt) auf dem Berg zu seinen Jüngern: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. (...) Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Will sagen: Verbot ist immer moralischer Bankrott.

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