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Harvey Weinstein, einst einer der mächtigsten Männer der US-amerikanischen Filmbranche.

"Harvey Weinstein - Chronik eines Skandals"

Auf Boulevardniveau verhandelt

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Der mächtige Hollywood-Mogul Harvey Weinstein stürzte über seine jahrelang begangenen Sexverbrechen. Eine Affäre mit vielfältigen Auswirkungen. Der WDR zeigt zum Thema einen anfechtbaren Billig-Dokumentarfilm.

Fast auf den Tag genau ist ein Jahr vergangen, seit der Filmproduzent Harvey Weinstein von seinen Aufgaben als Vorstandsvorsitzender des Unternehmens The Weinstein Company entbunden wurde. Vorausgegangen waren Enthüllungen der „New York Times“ über eine Fülle sexueller Vergehen Weinsteins, die von unangemessenen Berührungen bis zur Vergewaltigung reichen.

Die Vorwürfe waren nicht neu. Sie reichen mindestens zurück bis zu Weinsteins erster Filmproduktion „Brennende Rache“ aus dem Jahr 1981. All die Jahre kursierten in der Unterhaltungsbranche Gerüchte, Hinweise, Anspielungen. Polizeiliche Befragungen gab es schon 2015. All das blieb ohne Konsequenzen. Weinsteins Position als einer der mächtigsten Männer der US-amerikanischen Filmbranche verhinderte dies, ebenso ein Geflecht aus Öffentlichkeitsarbeitern, Beratern, Anwälten und auch Privatdetektiven, die mit Druck, Drohungen oder Geld das Schweigen der betroffenen Frauen erzwangen.

Erst die Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey erlangten forensische Rechercheergebnisse. Kantor und Twohey wurden gemeinsam mit dem Anwalt und Journalistenkollegen Ronan Farrow, Sohn von Mia Farrow und Woody Allen, mit einem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Die Veröffentlichungen aus dem Oktober 2017 hatten zur Folge, dass Harvey Weinstein seine berufliche Stellung verlor, aus diversen Branchenverbänden ausgeschlossen wurde und Staatsanwaltschaften in den USA und Großbritannien Ermittlungen gegen ihn aufnahmen.

In einer neunzigminütigen Dokumentation lässt der für Buch und Regie verantwortliche Jordan Hill die Vorgänge Revue passieren. Der ausstrahlende WDR kündigt einen „investigativen Dokumentarfilm“ an, der „Dramatisches und Überraschendes zutage“ fördere. Man mag es so ausdrücken im Hinblick auf ein Publikum, dem die beschriebenen Vorgänge bislang gänzlich unbekannt waren. Alle anderen können den Film getrost übergehen. Nicht nur bietet Jordan Hill keine neue Informationen, der Film ist auch durchgängig schlecht gemacht.

Der Filmautor hat offenbar mit keiner der unmittelbar beteiligten Personen gesprochen, sondern Fernsehinterviews und Filmausschnitte kompiliert und mit dürftig nachgestellten, verschwommenen Szenen illustriert. Eigenständige Interviews gibt es auch, aber nur mit Journalisten oder Branchenmitarbeitern, die das Geschehen aus zweiter Hand referieren. So zählt eine Journalistin vor laufender Kamera auf, aus welchen Verbänden Weinstein aufgrund seiner Verfehlungen ausgeschlossen wurde. In einer sauberen Dokumentation oder Reportage wären Vertreter der Verbände selbst zu Wort gekommen. Und, das gebietet die Sorgfaltspflicht, auch der beschuldigte, aber bislang nicht verurteilte Harvey Weinstein selbst oder zumindest einer seiner Repräsentanten. Aus deutscher Warte wäre Heidi Klum eine interessante Gesprächspartnerin gewesen – Weinstein fungierte als Produzent ihrer US-Fernsehshow „Project Runway“.

Die Berichterstattung über die Beschuldigungen und die vorhandenen Beweise ist eine Sache. Der Film enthält aber zudem ein Trommelfeuer an Beleidigungen. Weinstein sei „ein Monster“, „Ekel“, „Widerling“. Auch unter den gegebenen Umständen ein unpassendes Vokabular.

An anderer Stelle lässt der Filmemacher eine fragwürdige Aussage zu. Demnach habe der Regisseur Woody Allen eine Affäre mit seiner „minderjährigen“ Stieftochter gehabt. Tatsächlich war die angesprochene Soon-Yi Previn nach der US-amerikanischen Bundesgesetzgebung volljährig, als sie ihre Beziehung zu Allen begann, die in eine bis heute bestehende Ehe mündete. Wertneutral betrachtet, ist diese Liaison mit Weinsteins jahrelangen systematischen Übergriffen, den zugehörigen Einschüchterungen und Boykottdrohungen nicht zu vergleichen.

Der Film „Harvey Weinstein – Chronologie eines Skandals“, im Original „Beyond Boundaries: The Harvey Weinstein Scandal“ betitelt, erscheint wie ein Schnellschuss, um von der weiterhin kuranten MeToo-Debatte zu profitieren. Da blieb für eine eingehendere Untersuchung und Analyse der Branchenstrukturen, die den Fall Weinstein erst ermöglicht haben, wenig Zeit.

Augenscheinlich fehlte es dem Regisseur an genügend Schnittmaterial; der Film wurde künstlich auf abendfüllende Länge gestreckt. Einige Szenen werden mehrfach eingesetzt, die Aussagen der Interviewpartner wiederholen sich. Eine dramaturgische Gestaltung ist nicht erkennbar, die Inszenierung eintönig und ermüdend. Auffällig auch: Die Inhalte folgen in Teilen der seriösen BBC-Reportage „Weinstein: The Inside Story“ vom März 2018, die unter dem Titel „Macho, Macht, Missbrauch – Der Fall des Harvey Weinstein“ bei ZDFinfo zu sehen war. Nur werden deren handwerklich einwandfreie, aufwändige Originalrecherchen von Jordan Hill durch reine Nacherzählungen ersetzt. So spart man Zeit und Geld.

Unterm Strich erweist sich „Harvey Weinstein – Chronologie eines Skandals“ als sehr verzichtbare Produktion, die ein ums andere Mal an die Machart klatschversessener Boulevardmagazine erinnert.

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