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Matt Damon muss sich als Astronaut Mark Watney alleine auf dem Mars durchschlagen.

FR-Filmkritik "The Martian"

Botaniker allein auf dem Mars

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Weder kann Matt Damon hoffen, einen „Freitag“ kennenzulernen, noch wird er mit einem Feuerchen ein Schiff zur Rettung herbeilocken. Ridley Scott findet mit der Weltraum-Robinsonade "Der Marsianer - Rettet Mark Watney" zu alter Form zurück.

Ridley Scott verdanken wir „Alien“ und „Blade Runner“, zwei zeitlose Science-Fiction-Thriller. Hätte er nur diese beiden Filme gedreht, wäre ihm bereits ein Platz in der Kinogeschichte sicher gewesen. Mit „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ kehrt Scott nun zurück in die Zukunft – und zugleich zu alter Form. Seit langem ist dem 77-Jährigen kein vergleichbar stringent erzählter und visuell so einheitlicher Film gelungen.

Dabei ist es eine ganz andere Spielart des Genres, weit entfernt von den phantastischen Visionen der früheren Filme. Es ist die einfache Geschichte einer fast aussichtslosen Rettung, wie man sie zu anderen Zeiten über Schiffbrüchige in irgendeinem Ozean erzählt hätte. Dass wir das Schicksal des Astronauten Mark Watney (gespielt von Matt Damon), den man bei einer abgebrochenen Mars-Mission auf dem Roten Planeten vergessen hat, für genauso realistisch halten, liegt vor allem an Scotts Stilsicherheit. Selten wurde so wenig über Technik geredet in einem Science-Fiction-Film, selten wirkte das Design von Raumfahrzeugen auf eine so unaufdringliche Art stimmig.

Wie selbstverständlich arbeitet sich die Geschichte dabei an etlichen lieb gewonnenen, aber lange nicht gesehenen Genre-Vorbildern ab. Wie einst Bruce Derns Raumschiff-Eremit in Douglas Trumbulls „Lautlos im Weltraum“ ist Matt Damon auf sich allein gestellt. Ein Sandsturm hatte zum Abbruch der Mars-Besiedlung geführt, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Im Glauben, ihr Kollege sei dabei zu Tode gekommen, hatte Commander Lewis (Jessica Chastain) ihr Team zurückbeordert. Immerhin ist das technische Equipment, das zur Versorgung des Teams hatte dienen sollen, dort geblieben, wenn auch ramponiert.

Nun ist Mark Watney kein Astrophysiker oder Ingenieur, sondern Botaniker, was ihn mit dem Öko-Astronauten aus „Lautlos im Weltraum“ verbindet. Doch wo sich Trumbulls billig produzierter Klassiker mit spärlichen Mitteln behelfen musste, schwelgt Ridley Scott leichthändig in den Möglichkeiten animierter, wenn auch photorealistischer Bildräume. Seine Mars-Landschaften erinnern an die zerklüfteten Weiten Arizonas und machen uns Hoffnung auf ein zukünftiges Film-Genre, den Mars-Western.

Eine Parallelhandlung in der irdischen Nasa-Zentrale verzichtet gänzlich auf futuristische Details. Jeff Daniels spielt mit der ihm eigenen Schnörkellosigkeit einen aalglatten Nasa-Direktor, der eigentlich nur ein PR-Stratege ist. Der geborene populistische Politiker. Erst als er erkennt, welches Medienspektakel in einer möglichen Rettungsaktion steckt, gibt es Hoffnung für den Gestrandeten, der sich den bescheidenen Proviant vom Mund abspart.

Was für eine großartige Idee für eine verschärfte Robinsonade: Weder kann er hier hoffen, einen „Freitag“ kennenzulernen, noch wird er mit einem Feuerchen ein Schiff zur Rettung herbeilocken. Erst als es ihm gelingt, eine betagte Mars-Sonde aus den 90er Jahren zu reaktivieren, kann er mit ein paar gefunkten Bildern überhaupt Kontakt zur Heimat aufnehmen.

„The Martian“ ist ein vollendet komponierter Film, im Einzelbild ebenso wie in der Zeit. Scott hat die Geduld, auch langsame Szenen auszuspielen, er verzichtet auf jeden äußeren Aktionismus.

Matt Damon, der schon einmal im gänzlich anderen Ambiente von Gus van Sants Kunstfilm „Gerry“ einen Verirrten in der Wildnis spielte, trägt diese fast semi-dokumentarischen Mars-Szenen mit seiner immer wieder erstaunlichen Präsenz. Umso spektakulärer ist schließlich das Finale, das ebenso kunstvoll wie zuletzt der thematisch ähnliche Blockbuster „Gravity“ mit der 3D-Ästhetik arbeitet. Und doch ist dieser Film wie so viele andere große Science-Fiction-Filme weit weniger durch seine technischen Spezialeffekte definiert als durch eine kluge, geradezu unspektakuläre Erzählkunst. Beinahe kriegt man dabei sogar Lust auf diesen rauen Planeten. Für eine Robinsonade ist es jedenfalls ein herrlicher Tapetenwechsel.

Der Marsianer – Rettet Mark Watney. USA 2015.Regie: Ridley Scott. 141 Min.

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