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„Bones and All“ im Kino: Mit Haut und Haaren

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Von: Daniel Kothenschulte

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Timothee Chalamet als Lee und Taylor Russell als Maren in dem Film „Bones and All“.
Timothee Chalamet als Lee und Taylor Russell als Maren in dem Film „Bones and All“. © epd

Luca Guadagninos radikaler und blutig-romantischer Genrefilm „Bones and All“.

Auch wenn Leonard Cohens „Hallelujah“ bei Castingshows in aller Munde ist, dieser gebrochene Akkord aus Religiosität und sexueller Sehnsucht, sein eigentliches Testament ist weitaus schwärzer. Gut möglich, dass Cohens letzte Single, „You Want It Darker“, nun ebenfalls ein Teenagerpublikum findet. Wer vorab etwas über „Bones and All“ erfahren will und sich dazu den rätselhaften, dialoglosen Trailer ansieht, muss mit Cohens fast schon ins Jenseitige verflüchtigter Bassstimme vorliebnehmen: „A million candles burning / for the help that never came / You want it darker / Hineni, hineni / I’m ready my Lord …“. Es ist nicht zu viel versprochen, auch in diesem jugendlichen Outsider-Drama wird es während seiner 130 Filmminuten stetig schwärzer.

Erwartungsvoll hatten sich vor der Weltpremiere beim Filmfestival Venedig Dutzende kreischender Teenagerinnen eingefunden, um Timothée Chalamet zu begrüßen, ein Weltstar seit Guadagninos „Call Me By Your Name“. Wer es von ihnen auch in die Vorstellung schaffte, bekam noch weitere Gründe, nicht unbedingt still zu bleiben.

An der Seite von Taylor Russell, der außergewöhnlichen Nachwuchsschauspielerin aus dem Liebesdrama „Waves“, gibt Chalamet das vielleicht verstörendste Kino-Liebespaar seit „Wild at Heart“ von David Lynch. Eine merkwürdige Veranlagung führt sie zusammen, die sie zu einem Leben im Untergrund verdammt – sie sind Kannibalen. Anders als der längst auch im Teenagerfilm angekommene Vampirismus ist das zwar nicht ansteckend, aber dafür lassen sie auch nichts von ihren Opfern übrig, das weiteren Schaden anrichten könnte.

„Mit Haut und Haaren“ könnte man den Titel übersetzen, doch das ist eine Variante des Verzehrs für Komplettisten, die sie lieber einem wirklich gruseligen Artgenossen überlassen, der zu einem lästigen Weggefährten wird, der von Mark Rylance gespielte Sully.

Die Geschichte spielt in den Achtzigerjahren, und in einer einfühlsamen Hommage an diese prägende Zeit des US-amerikanischen Independent-Films streift Guadagnino leichthändig zwei damals blühende Genres, den Coming-of-Age-Film und das Road Movie. In ihrer Kombination verkehren sich die typischen Freiheitsträume und Ausbruchsutopien freilich zur Einsamkeit des Untergrunds. Freiheit ist hier nicht einmal mehr ein anderes Wort für „Nichts mehr zu verlieren“.

Das Drama beginnt wie ein Highschool-Film. Die von Russell gespielte Maren verweigert sich dem obligatorischen Foto für das Jahrbuch, aber sie ist es gewohnt, rasch Freundschaften zu schließen. Mit ihrem fürsorglichen Vater bricht sie immer wieder ihre Zelte ab. Noch ahnen wir nicht, warum er sie nachts in ihrem Wohnwagenheim einschließt. Dann aber kommt sie – von einer Party, die mit leiser Duran-Duran-Musik beginnt – blutverschmiert nach Hause.

Und wieder geht es mit Sack und Pack davon, von Virginia in Richtung Maryland – gerade noch rechtzeitig, bevor die Polizei eintrifft. Dort wird sie ihr Vater dann ihrem eigenen Schicksal überlassen, mit etwas Geld und ihrer Geburtsurkunde. Die gibt ihrer Odyssee die weitere Richtung vor – als einzige Spur der Mutter, die aus denselben Gründen untertauchte.

Das übernatürliche Thema trifft auf einen fast dokumentarischen Realismus in der Darstellung der amerikanischen Provinz. Über Ohio, wo Maren dem unheimlichen Sully das erste Mal begegnet, führt der Weg nach Indiana, wo sie schließlich mit dem von Chalamet gespielten Lee auf einen Leidensgefährten trifft, der auch ein Seelenverwandter ist. Es ist das unsichtbare, vom Wirtschaftsboom der Ronald-Reagan-Jahre vergessene Amerika, das hier in entsättigten Farben aufersteht. Eine passend ausgezehrte Kulisse für einen Kannibalenfilm.

So sinnlich wie in „Call Me By Your Name“ und so genreverliebt wie in seinem „Suspiria“-Remake findet Guadagnino zu einer tiefschwarzen Romanze. Oder vielleicht sollte man lieber sagen: tiefrot: Die blutigen Exzesse berühren fraglos auch die Grenzen zu Splatterfilm und Body Horror – nur dass es dabei nie um Schock-effekte geht.

Was hier fortgeschrieben wird, ist eine andere Linie im fantastischen Kino: Von Todd Browning und Jacques Tourneur führt sie zu Dario Argento und David Cronenberg. Wie diese Meister einer bis weit unter die Haut zielenden Unheimlichkeit nimmt auch Guadagnino das Abseitige derart ernst, dass man es beim Zuschauen fast in der Wirklichkeit verortet. In seinem poetischen Realismus und der sozialen Verortung ist der Film auch eine Antwort auf „Nomadland“, diesen semidokumentarischen Oscar-Gewinner über die Heimatlosigkeit moderner Wanderarbeiter. Sehr zum betörend-melancholischen Stimmungsgehalt trägt auch die akustische Filmmusik bei, die Trent Reznor and Atticus Ross komponierten.

Kein Film war beim vergangenen Venedig-Festival derartig umstritten. Große Filmkunstfestivals öffnen sich dem Genrekino meist nur nach Mitternacht. Gewonnen haben schließlich sowohl Hauptdarstellerin Taylor Russell als auch Regisseur Luca Guadagnino. Es ist wohl unmöglich, diesen außergewöhnlichen Film unbeteiligt zu verlassen. Er geht unter die Haut bis in die Knochen.

Bones and All. USA 2022. Regie: Luca Guadagnino. 130 Min.

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