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„Bombay Rose“.
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„Bombay Rose“.

Animationsfilm

Eine Frauensache

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Heldinnen bestimmen den Animationsfilm – in Disneys „Raya und der letzte Drache“ und der außergewöhnlichen Netflix-Veröffentlichung „Bombay Rose“.

Wer sich früher bei Hayao Miyazaki, dem großen japanischen Trickfilmschöpfer, wirklich unbeliebt machen wollte, musste ihn nur mit Walt Disney vergleichen. Westlichen Besuchern seines Studio Ghibli soll bei entsprechenden Fragen schon mal die Tür gewiesen worden sein. Heute würde man dort wohl nur noch schmunzeln, denn jetzt wird umgekehrt ein Schuh daraus: Der Miyazaki-Einfluss bei Disney und der US-amerikanischen Animationsindustrie ist unübersehbar.

Raya, die jüngste Prinzessin in der Disney-Dynastie, hat wenig mit Schneewittchen, Cinderella oder Dornröschen gemein, dafür umso mehr mit Miyakis Teenager-Actionheldinnen Nausicaä und Mononoke. Auch das dystopische Ambiente im zerstrittenen, südostasiatischen Vielvölkerreich Kumandra erinnert an einen Studio-Ghibli-Film, ebenso das gesichtslose Monster, das es verwüstet: Druun heißt dieser böse Wirbelwind, der alles, was sich ihm in den Weg stellt, in Stein verwandelt.

So auch Rayas königlichen Vater, der sich gerade vergeblich um Frieden zwischen den Provinzen bemüht, als ihn dieser Fluch ereilt. Nun liegt es an Raya, zusammenzubringen, was zusammengehört: Ein zerstrittenes Reich, zunächst aber einen zerbrochenen Kristall, dessen wundertätige Teile seit dem Ausbruch des Bösen in alle Winde verstreut sind. Bei diesem Einfall mögen sich die Disneyfans George Lucas und Steven Spielberg als Schöpfer von „Indiana Jones“ auf die Schulter klopfen, doch schon bei Rayas imposantem Transportmittel sind wir wieder ganz bei Miyazaki: Was sie da wie „Mad Max“ durch die Wüste rollen lässt, entpuppt sich als gigantisches Gürteltier, das uns auch bereits in „Nausicaä“ hätte begegnen können. Was hingegen so gar nichts mit der Schönheit eines Studio-Ghibli-Films gemeinsam hat, ist leider die Computeranimation.

Es ist bestürzend, wie wenig Fortschritte man bei Disney bei der Darstellung menschlicher Charaktere gemacht hat. Während man sich bei der Heldin und ihren Gegenspielerinnen, Stammesfürstin Virana und ihrer Teenager-Tochter Namaari, noch um lebensnahe Mimik bemühte, wirkt Rayas Vater wie eine Gummipuppe.

„Raya und der letzte Drache“.

Immer wieder kann man bedauern, welche Tradition bei Disney begraben wurde, als man die Handanimation zugunsten einer Digitalkunst begrub, die man beim Zukauf Pixar soviel besser beherrscht. Je unwichtiger eine Figur in der Handlung ist, desto weniger liebevoll ist sie gestaltet. Das gilt vor allem für männliche Charaktere, die wie schon im zweiten Teil der „Eiskönigin“ kaum eine Rolle spielen.

Das sollte man sich allerdings nicht als Neuerung verkaufen lassen. Schon in Disneys erstem abendfüllendem Trickfilm, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, interessierte der Prinz am wenigsten. Dafür sorgten allerdings die Zwerge für einen Überschuss in der Repräsentanz männlicher Rollenbilder. Sollte es ein Zufall sein, dass das Streamingportal „Disney+“ diesen Film in der Woche des Weltfrauentags veröffentlicht? Sogar der totgeglaubte Drache des Filmtitels, den Raya aufspürt, ist eine Drächin und hört auf Sisu. Der verspielte Wasserdrache ist die originellste Figur des Films und zur Abwechslung ein typisches Disneywesen.

Wie viele Jahrhunderte Sisu schon erlebt hat, sie ist ein Teenager geblieben, was sie mit den beiden Hauptfiguren verbindet. Natürlich wartet man nur darauf, bis auch zwischen den jungen, Kung-Fu geschulten Kriegerinnen die verbindende Kraft der Gemeinsamkeiten alle Feindseligkeit überwinden wird. Dass sich Namaari dabei gegen ihre dominante Mutter stellen muss, eröffnet eine psychologische Ebene, die auch in der Andeutung noch interessiert. Denn auch die böse Virana ist eine typische Disneyfigur in der langen Ahnenreihe übermächtiger und bei aller Finsternis stets stilvoller Frauenfiguren, die schon in „Schneewittchen“ ihren Anfang nahm.

Mit erfolgreichen Zutaten

Das alles ist ereignisreich genug für das, was es sein möchte – eine Neuauflage der „Eiskönigin“, angereichert mit den Zutaten erfolgreicher Animes. Dass der so sichtbar um Diversität bemühte Disneykonzern ausgerechnet dafür kritisiert wurde, dass der Film unspezifisch in einem Fantasie-Asien lokalisiert ist, ist ungerecht: Liebte es nicht auch Hayao Miyazaki, viele seiner Filme in einem Fantasie-Europa anzusiedeln?

Der überwiegende Teil der US-Presse feiert Disney derzeit für etwas, das man anderen Studios und Filmemachern als kühles Kalkül ankreiden würde – die punktgenaue Ansprache globaler Märkte und genau austarierter Zielgruppen. Und da die Hauptkundschaft für Disney-Animationsfilme inzwischen Mädchen sind, wundert es nicht, dass männliche Figuren höchstens Nebenrollen spielen. Das unterscheidet Disneys Filme letztlich auch von Miyazakis Werken, die eben nicht nach Marketing-Regeln gestrickt sind. Die Regie ist dabei in männlicher Hand: Paul Briggs und Dean Wellnis, die das Projekt ursprünglich leiteten, wurden später zu Co-Regisseuren degradiert und Don Hall und Carlos López Estrada übernahmen die Regie. Gleichzeitig bekam die Hauptfigur einen neuen Schliff – aus einer stoischen Einzelgängerin wurde eine dynamische Actionheldin nach dem Vorbild eines Marvel-Superhelden.

Während „Raya und der letzte Drache“ in den USA derzeit parallel zum nur gegen Aufpreis abrufbaren Streamingangebot bei Disney+ auch in den Kinos läuft, mag auch die Konkurrenz nicht schlafen. Netflix bietet in dieser Woche eine bemerkenswerte Alternative. Mit „Bombay Rose“ hat man einen reizvollen Film ins Programm genommen, der 2019 beim Filmfestival in Venedig Premiere hatte.

Die Liebesgeschichte einer Blumenverkäuferin und eines muslimischen Kriegswaisen in Bombay ist das Werk der Regisseurin Gitanjali Rao, der es gelang, sich in einer männlich dominierten Industrie durchzusetzen. Schon die Form ist ungewöhnlich: Zwar entstand auch dieser Film am Computer, doch in der arbeitsintensiven Methode von Einzelbild-Malerei. Dabei werden Stilistiken indischer Malereitradition naturalistischeren Darstellungen gegenübergestellt.

Gleichermaßen phantastisch wie realistisch spielt der Film in einem sehr reellen Mumbai, das in breiten Pinselstrichen atmosphärisch eingefangen ist. Beschworen, aber nicht naiv gefeiert wird der Bollywoodfilm: Dessen märchenhafte Romantik erscheint wie eine träumerische Parallelwelt, ohne die soziale Realität mit ihrem Pomp übertünchen zu können. Auch die Songs in „Bombay Rose“ unterstreichen die Distanz in eindrucksvoller Schlichtheit. Es ist ein Film, in dem sich Traum und soziale Wirklichkeit fast verstörend die Hand reichen.

In Disneys animiertem Königreich wird derzeit übrigens nicht mehr gesungen. Auch das könnte sich natürlich jederzeit ändern – mit den wechselnden Präferenzen eines globalisierten Markts.

Raya und der letzte Drache. USA 2020, Regie: Don Hall, Caros, López Estrada, 107 Min. Auf Disney+.

Bombay Rose. Indien/GB/F/Katar 2019. Regie: Gitanjali Rao. 97 Min. Auf Netflix.

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