Die junge Iya in einem Melodram aus Schuld.
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Die junge Iya in einem Melodram aus Schuld.

„Bohnenstange“

Trauma im Rembrandtlicht

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Kantemir Balagovs Nachkriegsdrama „Bohnenstange“ führt in stilisierten Bildern ins Leningrad von 1945.

Die „Leningrader Blockade“ gehört zu den schlimmsten Kriegsverbrechen der Geschichte. Die gnadenlose Belagerung der Stadt durch deutsche und spanische Truppen forderte zwischen 1941 und 1944 schätzungsweise 1,1 Millionen zivile Opfer, die meisten davon verhungerten. Dieser kaum vorstellbaren Tragödie haben sich Filmemacher nur selten gewidmet. Auch in Kantemir Balagovs an Swetlana Alexijewitschs Dokumentarroman „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ angelehntem Filmdrama „Bohnenstange“ ist sie nur indirekt präsent. Aber gerade im Nachhall doch mit Eindringlichkeit.

Kurz nach Kriegsende führt der Film in bernsteinfarbenen Bildern in ein Leningrad, das sich hinter der geringen Schärfentiefe verbirgt. Im Vordergrund: Die traumatisierte Kriegsheimkehrerin Iya, die im Krankenhaus arbeitet, seit sie krank aus der Armee entlassen wurde. Geschlagen mit dem Spitznamen „Bohnenstange“, ersehnt sie die Heimkehr ihrer besten Freundin, der Soldatin Masha, um deren Baby sie sich kümmert. Mit einem grauenhaften Unfall endet die Exposition des Dramas: Als Iya in eine Schockstarre verfällt, erdrückt sie versehentlich das unter ihr liegende Kind. Ihrer bald darauf heimkehrenden Freundin erzählt sie nur, das Kind sei im Schlaf gestorben. Aus dieser offenbar historisch dokumentierten Anlage entwickelt der 1991 geborene Filmemacher ein Melodram um Schuld, emotionale Erpressung und die ungleichen Machtverhältnisse in der Beziehung zweier Frauen – geeint und doch entzweit im Trauma.

Von Mascha gedrängt, schläft Iya mit einem depressiven Arzt, doch aus der erhofften Schwangerschaft wird nichts. Stattdessen beginnt eine Suche nach emotionalen Bindungen, von denen man bald ahnen kann, dass sie der tiefen Verbindung der beiden Frauen nichts entgegensetzen können.

Schon mit seinem ersten, ebenfalls von einer wahren Begebenheit inspirierten Film „Closeness“ schaffte es der junge Filmemacher Balagov in den Cannes-Nebenwettbewerb „Un Certain Regard“, wo er 2019 für „Bohnenstange“ den Regiepreis erhielt. Tatsächlich imponiert, welche Intimität er aus dem Spiel der jungen Schauspielerinnen Viktoria Miroshnichenko (Iya) und Vasilisa Perelygina (Masha) destilliert. Doch etwas Missbräuchliches schwingt in manchen Augenblicken mit.

Eine der aufwendigsten Massenszenen spielt in einem Waschraum des Krankenhauses, wo die beiden jungen Hauptdarstellerinnen eine wichtige Dialogszene nackt vor der Kulisse dutzender anderer nackter Frauen spielen. Der Voyeurismus dieser Szene weckt ein nachhaltiges Misstrauen gegenüber der Behandlung der unterschwelligen lesbischen Liebesbeziehung. Und natürlich liegt auch in der Fiktionalisierung und Dramatisierung von Opfergeschichten oft die Gefahr einer Instrumentalisierung: Wieviel Drama muss man dem ausgesparten, in die Vorgeschichte verlegten Kriegsgeschehen noch hinzufügen? Kommt seine Verlegung in den Bereich der unscharfen Kulissen nicht gleichfalls einer Verdrängung gleich?

Auch die filmische Form, die in Cannes gefeiert wurde, stammt aus zweiter Hand. Der Umgang mit kurzer Schärfentiefe wurde ungleich radikaler und wirkungsvoller vom Ungarn Lászlò Nemes und seinem Kameramann Mátyás Erdély vorgemacht in „Son of Saul“ und „Sunset“. Was dort zu einer hypnotischen Konzentration auf die Handelnden führte, addiert sich hier zur öligen Patina der Sepia-Farben. Auch die besseren Maler des sozialistischen Realismus in der Sowjetunion kleideten ihre pathetischen Szenerien gerne in Rembrandtlicht.

Historische Stoffe sind derzeit beliebt im russischen Kino. Festivalfilme wie dieser zeugen von einem starken Formwillen, doch nur selten spricht aus ihnen wirkliche Radikalität. Im eigenen Land feiern dagegen Blockbuster Triumphe wie der Kriegsfilm „Flucht aus Leningrad“. Auch in diesem Actionfilm von 2019 ist für das historische Leiden in dieser Stadt wenig Raum.

Bohnenstange. Russland 2019. Regie: Kantemir Balagov. 134 Min.

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