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Zwei Blondinen unter sich: Johannes B. Kerner und Andrea Kiewel moderierten im ZDF die Jahresabschluss-Revue „Willkommen 2017“.
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Zwei Blondinen unter sich: Johannes B. Kerner und Andrea Kiewel moderierten im ZDF die Jahresabschluss-Revue „Willkommen 2017“.

TV-Kritik: Der Silvester-Überblick

Böller, Bono und Blondinen

  • Harald Keller
    VonHarald Keller
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Zwar hat an Silvester die Creme der musikalischen B-Stars Konjunktur. Doch es gibt geschmackvolle und sehenswerte Alternativen. Wer den Jahreswechsel vor dem Fernseher verbringt, muss nicht zwingend leiden.

Man kann sich den Silvesterabend zur Qual machen. Sofern man ihn daheim verbringt. Missratene Partys – die Gäste gehen lange vor Mitternacht oder, ganz schlimm, sie kommen erst gar nicht – sind das eine. Fürchterliche Fernsehprogramme das andere. Es geht, das muss der Fairness halber erwähnt werden, jedoch auch anders. ARD Alpha war, wie übers Jahr an so manchen Samstagabenden, ein Born des Trostes und verwöhnte die Zuschauerschaft am Silvesterabend mit dem Mitschnitt eines Auftritts von Patti Austin im Rahmen der Jazzwoche Burghausen. Danach erhob Carolyn Wonderland ihre kraftvolle Stimme, und es fiel wirklich schwer, sich von ihrem eindringlichen Blues- und Countryrock zu trennen. Aber die Chronistenpflicht befahl den Wechsel zu ARD und ZDF, RTL und anderen Übeltätern.

Ausnahmezustand

Johannes B. Kerner bezeichnete in seiner Anmoderation der ZDF-Jahresabschluss-Revue „Willkommen 2017“ das ablaufende 2016 ein „besonderes Jahr“. Was er meinte, hatte sich zuvor in der letzten „Tagesschau“ und in der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin niedergeschlagen. Erneut waren die verstärkten Sicherheitsvorkehrungen in Berlin und Köln ein großes Thema. Nicht anders übrigens in der BBC. Bemerkenswerterweise wurden auch Angela Merkels Worte zur Herausforderung durch den Terrorismus aus ihrer Neujahrsansprache in der britischen Nachrichtensendung ausgiebig zitiert.

Das Bewusstsein war da, aber wenn es Befürchtungen gab, so wurde ihnen tapfer getrotzt. Der Laune vor den Fernsehkameras jedenfalls, das ist auch nicht verwerflich, tat all das keinen Abbruch. Im traditionsreichen „Silvesterstadl“, einst die Mammutausgabe der Volksmusiksendung „Musikantenstadl“, kocht die Stimmung schon hoch, wenn die ersten Töne erklingen. Erstmals moderierte in diesem Jahr Jörg Pilawa an der Seite Francine Jordis, mühte sich redlich, gab sogar im Duett mit Jordi eine Musikeinlage – den alten Klamaukhit „Die Wanne ist voll“ – zu besten, aber diese Art von Show ist seine Sache nicht. Das zeigt sich schon, wenn er meint, das Publikum mit erhobener Stimme anheizen zu müssen. Das hatte der stets gravitätisch in sich ruhende Karl Moik selig besser gekonnt.

Mut zur Vielfalt

Wie immer zeigten die Produzenten dieser Sendung Mut zur Vielfalt. Es gab natürlich eine Fülle an Schunkelliedern, die sofort den Wegschaltreflex auslösten. Aber dann tauchte plötzlich per Einspieler Arnold Schwarzenegger auf und gratulierte den Edlseern gut gelaunt wie immer zu deren Jubiläum. Da gab es musikalische Randsportarten wie den marschierenden Spielmannzug, der, vertreten durch die siebzigköpfige Bezirksauswahl der Musikkapellen Graz, heute nicht mehr nur aus Männern besteht, sondern sogar von einer Tambourmajorin angeführt wird. Eine adrette Blondine, die natürlich den aufs Aussehen gepolten Kameraleuten Freude bereitete. Wirklich originell war die Formation Drums2Streets aus der Schweiz mit ihren selbstgebauten Perkussionsinstrumenten. Und dann brachten die Zwillinge Alice und Ellen Kessler Schwung, Klasse und echten Stil in den „Stadl“.

Fachlich gesehen verdient die logistische Leistung beim live gesendeten „Silvesterstadl“, bei dem Interpreten und Moderatoren – und mit ihnen die Kameras – häufig die Standorte wechseln und sich auch inmitten des Publikums bewegen, höchste Anerkennung.

Die Creme der Oldie-Feten

Da machte es sich das ZDF deutlich einfacher. Für Johannes B. Kerner und Andrea Kiewel, die von sich und dem Kollegen als den „beiden Blondinen“ plapperte, war hoch über der Party vor dem Brandenburger Tor in Berlin ein Pult aufgebaut worden, wo die gewohnt aufgekratzte Kiewel und der wie immer etwas steif wirkende Kerner musikalische Auftritte ankündigten, schlechte Scherze rissen und Gäste interviewten. Frage Kerners an den als Weltstar annoncierten Jermaine Jackson: „Haben Sie Berlin schon ein bisschen anschauen können?“

Später am Abend gab Jermaine Jackson „When the Rain Begins to Fall“ zum Besten, einst im Duett mit Pia Zadora eingespielt und hauptsächlich in Deutschland erfolgreich. Mit diesem Larifari-Pop wurde Jackson, als Teenager wie sein Bruder Michael Mitglied der Jackson 5, auf das Trash-Niveau heruntergezogen, das weite Teile des ZDF-Jahresausklangs bestimmte, hatte man doch das Top-Personal der Oldie-Feten, Nostalgie-Partys, Baumarkt-Jubiläen versammelt. Bei RTL schätzte man die Zuschauererwartungen ähnlich ein. Dort präsentierte Oliver Geissen in seiner etwas stoffeligen, aber nicht unsympathischen Manier die Parade der „One Hit Wonders“ in der „Ultimativen Chart Show“.

Um einige dieser Eintagsfliegen kam man auch in der Sonderausgabe von „Formel Eins“ beim kleinen Bruder RTL Nitro nicht herum. Aber die Präsentation machte einen Unterschied ums Ganze, denn zwischen den Einspielungen diskutierten die ehemaligen „Formel Eins“-Moderatoren Kai Böcking, Peter Illmann, Ingolf Lück, Stefanie Tücking mit Gästen wie Dieter Meier von Yello teils sehr ernsthaft und auch mal kontrovers. Beispielsweise stellte Illmann provokant den Rang von Peter Fox‘ „Haus am See“ in Frage – und erntete heftigen Widerspruch.

Steil reimt sich auf geil

Wenn man sich den ZDF-Silvestershows ausgesetzt sieht, wünscht man sich die „Helene Fischer Show“ zurück. Allerdings ging es beim MDR noch ärger zu. Dort moderierten Mareille Höppner und Ross Anthony „Die große Silvester-Schlagerparty“ mit Interpreten wie Tim Toupet und ähnlichen Konsorten. Musikalisch eine Zumutung, die sich zum puren Grauen steigert, wenn man die Sendung mit eingeblendeten Untertiteln verfolgt und die schamlosen Texte Wort für Wort vor Augen geführt bekommt. Sollte nicht jedem die Hand abfallen, der Zeilen zu Papier bringt wie „Du hast die Hütte schön“? Oder: „Wenn es klingt nach Barbados, werde ich immer atemlos“. „Schlager ist geil, er macht jede Party steil.“ „Drei Promille, doch da geht noch was, wenn wir feiern, ja dann sind wir krass“.

Gottlob gibt es die Spartenkanäle. Den erwähnten Bildungssender ARD Alpha. Und den Kulturkanal 3sat, der nun schon seit einigen Jahren am Silvestertag rund um die Uhr Rock-Konzerte ausstrahlt. Die Hauptsendezeit eröffneten, und das war angemessen, die Rolling Stones mit „Havana Moon“, dem Film von ihrem diesjährigen Auftritt in Kuba, der zwar tags zuvor bei Arte, dort aber in einer stark gekürzten Fassung zu sehen gewesen war.

Tröstliches Fazit also: Als Freund von Rock- und Popmusik konnte man den Silvesterabend vor dem heimischen Fernseher leidlich überstehen. Volkstheater- und Kabarettfans kamen bei den Regionalsendern und Phoenix auf ihre Kosten. ProSieben verzichtet inzwischen auf die Produktion einer Silvestershow – früher wurde auch das von Stefan Raab erledigt – und zeigte wie der Partnersender Sat.1 Spielfilme. Arte, Kabel 1 und Tele 5, ZDF Neo und One kamen ebenfalls ohne das S-Wort aus.

Pünktlich zur ersten Minute des neuen Jahres betraten bei 3sat U2 die Bühne. Das konnte man genießen, wenngleich das Geböller draußen vor den Fenstern Bonos A-Capella-Gesang zu Beginn lautstark übertönte. Letzter Gedanke vor Betätigen des Aus-Knopfs: Wer an Silvester ganze Salven an Feuerwerk verschießt, darf sich nicht beklagen, wenn auch das Fernsehen zu schweren Kalibern greift.

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