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Jan Böhmermann „brutzelt“ jetzt auf ZDF neo. Der erste Nachgeschmack bleibt fade.
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Jan Böhmermann „brutzelt“ jetzt auf ZDF neo. Der erste Nachgeschmack bleibt fade.

ZDFneo

„Böhmi brutzelt“ auf ZDFneo mit Xatar: Jan Böhmermann winkt ignorant aus dem Elfenbeinturm

  • VonMirko Schmid
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Jan Böhmermann brutzelt auf ZDFneo, zu Gast ist Rapper Xatar. Am Ende bleibt nach Köftespieß und Rindsroulade ein fader Nachgeschmack. Eine TV-Kritik. 

Es gibt Tage im Leben, die sich einen makaberen Spaß herausnehmen. Die uns vor Augen führen, wie gut wir es einmal hatten und wie trist der Alltag sein kann. Zu diesen Tagen kann getrost ein Freitag gezählt werden, der dem deutschen Fernsehpublikum eine wahrhaftige Legende aus der Küche nimmt, um uns dafür einen Satiriker vorzusetzen, der die Satire vergisst. Ein Freitag, der in die Geschichte des Generationen verbindenden Kochens im TV eingehen sollte. Und zwar nicht, weil da jetzt ein „Böhmi brutzelt“, sondern weil es Alfred Biolek, also eine, nein, die Legende des Formats, nie wieder tun wird.

Man mag es dem „blassen dünnen Jungen“ anrechnen, dass er das zur Aufzeichnung seiner ZDFneo-Show nicht wissen konnte, entsprechend kein Wort über die Koryphäe des Filetierens im Fernsehen verlor und stattdessen daran erinnerte, dass er einmal „einen kleinen Vorfall mit dem türkischen Staatspräsidenten“ hatte. Die Figur, die er in seiner Premierkochsendung abgibt, bleibt aber dermaßen, nun ja, blass eben, dass sich die geneigte Zuschauerschaft per Schocktherapie an das erinnert fühlen muss, was sie an „Bio“ einmal hatte.

Xatar liefert bei „Böhmi brutzelt“ mit Jan Böhmermann launige Gefängnis-Anekdoten

Doch der Reihe nach. Zu Gast ist der Rapper Xatar, den mir ein geschätzter Kollege als den „einzig wahre Gangster des deutschen Hiphop“ erklärte, wo ich Studentenrapper doch mit Blumentopf, Creme de la Creme und Fischmob groß geworden bin. Schließlich soll dieser Giwar Hajabi, wie Xatar mit bürgerlichem Namen heißt, einmal per Bazooka-Überfall auf einen Geldtransporter eine Dauerkarte für ein Plätzchen hinter schwedischen Gardinen gebucht haben. Oha.

Und Xatar liefert. Er erzählt Jan Böhmermann, dass der Knast In Süddeutschland zwar „richtig scheiße“ sei, wohingegen es in NRW „echt entspannt so“ zuginge, dafür sei das Essen in bayerischen und baden-württembergischen Justizvollzugsanstalten „unfassbar gut“. Der Geheimtipp für kriminelle Gourmets: Lass dich im Süden einbuchten, da schmeckt’s. Xatar muss es wissen, er war nach eigenem Bekunden schon „überall“ hinter Gittern. Diese nette Geschichte bringt beide zu einem verbindenden Gesprächsthema: der Polizei.

Jan Böhmermann und Xatar fachsimpeln über Polizeieinsätze

Böhmermann erzählt von seinem Vater, einem „ernst zu nehmenden“ Polizisten, der die ganz große Karriere gemacht hat. MEK, SEK, Mordkommission, all inclusive. Xatar regt das zu eigenen Anekdoten an. Er kommt zu dem Schluss, dass es diese hoch spezialisierten Elitetruppen (die zuletzt gerade in Hessen das ein oder andere Problemchen mit einer ungesunden Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut offenbarten) „einfach immer Oceans-Eleven-mäßig übertreiben“ müssten. Und mit Seilen und so durch Fenster in Wohnungen eindringen würden, von denen sie nach vorheriger Observierung wüssten, dass dort alte Menschen und Kinder schliefen.

Bei Xatar kamen, erinnert er sich, die starken Jungs so oft durchs Fenster, dass seine Mutter irgendwann bereits Tee zur Begrüßung aufbrühte. Netterweise hätten die Beamten dann irgendwann gewusst, dass sie „nicht mehr alles kaputtmachen müssen“. Nicht ohne die Wohnungstür bei einem vorherigen Teebesuch so dermaßen mit Schmackes aus den Angeln gehoben zu haben, dass diese jahrelang unrepariert offenstand. Xatar achselzuckend: „Das hat aber keinen gejuckt im Block.“

Xatar wendet sich bei „Böhmi brutzelt“ an Ghettokids, Jan Böhmermann kümmert sich um Roulade

Es folgt der interessanteste Teil des als Kochduell verkleideten Kamingesprächs: Der gebürtige Iraner erzählt von Kindern im Block, die zu Vorbildern aufschauen, die „kriminelle Sachen machen“. Eine traurige Milieustudie, ein dahingeplaudertes Abbild der Realität von Parallelgesellschaften mitten in Deutschland. „Von Drogen bis I don‘t know. Du wächst halt so auf“, erklärt Xatar.

„Man denkt sich, wenn ich dann drei Jahre reingehe, dann habe ich bis dahin schon so und so viel gemacht. Dann hat sich das gelohnt“, erklärt der Rapper mit Knasterfahrung die Motivation und warnt: „Das ist eine sehr dumme Denke.“ Sein Appell: „An alle, die das sehen: Denkt nicht so! Ich habe das alles durch, von dem alle rappen. Am Ende lohnt es sich nicht. Und darum geht‘s“. Starke Worte. Böhmermann: „Ich hab übrigens Rinderhack hier in der Mitte, Gurken klein geschnitten und jetzt wird das einfach aufgerollt“.

Gut, eigentlich soll hier ja in erster Linie gebrutzelt werden. Aber: Dein Ernst, Böhmermann? Da spricht ein Vorbild der Ghettokids weise Worte und du kommst ihm achselzuckend mit Gürkchen und Rouladenringen? Könnte man jetzt ein wenig unsensibel nennen, vielleicht sogar desinteressiert. Es wirkt einfach daneben, Xatar an dieser Stelle derart ignorant auflaufen zu lassen. Man stelle sich das in der privaten Küche vor: Der vom Leben gegerbte und geläuterte gute Kerl wagt den Schritt und schüttet sein Herz aus. Sein Kollege aus wohlsituierten Verhältnissen antwortet mit dem aktuellen Stand seiner kulinarischen Belanglosigkeit. Danke, Bro. Schön, dass du ein Ohr für mich hast.

„Böhmi brutzelt“

Zu Gast: Rapper Xatar. Erstausstrahlung auf ZDFneo: Samstag, 24. Juli, 19.45 Uhr. Verfügbar auf Abruf in der ZDF Mediathek.

Xatar erzählt von Schießereien in Köln, Jan Böhmermann winkt aus Elfenbeinturm

Ein weiteres Beispiel für den über Generationen kultivierten Abstand von mindestens vier Blocks zwischen weißdeutschen Polizistensöhnchen und den Jungs von der Bordsteinkante liefern die beiden gleich hinterher. Xatar erzählt, dass es in Köln „mindestens drei, vier Schießereien die Woche“ gebe, „die letzte vorgestern in Porz“. Böhmermann, sichtlich überrascht vom Elfenbeiturm aus: „Woher weißt du das?“ Xatar trocken wie Grauburgunder: „Aus den Nachrichten, Habibi.“

In seiner Rolle als bissiger Magazin Royale-Satiriker hätte Jan Böhmermann dem guten, alten Alfred Biolek so etwas wohl eher nicht einfach durchgehen lassen. Das aber bleibt natürlich schon deswegen ein theoretischer Versuchsaufbau, weil „Bio“ dann doch eben ein bisschen mehr Klasse hatte beim Kochen (und vor allem beim Zuhören).

NameGiwar Hajabi
KünstlernameXatar
BerufUnternehmer, Verleger, Gastronom, Rapper und Produzent
Alter39 Jahre (24. Dezember 1981)
GeburtsortSanandadsch, Iran

Der Legende Alfred Biolek hätte „Böhmi brutzelt“ nicht unbedingt gemundet

Egal, die Roulade wird langsam warm. Also weiter im Text. Mit Jens Spahn, dem ein Xatar-Bekannter dem Erinnerungsprotokoll des Rappers zufolge Masken andrehen wollte, sollte man sich lieber nicht einlassen, erklärt Böhmermann. Sonst komme die Polizei, witzelt er. Tut sie das? Man möchte den einen oder anderen (ehemaligen) Unionsabgeordneten glatt fragen, ob seine Mutter auch schon Tee für Gäste kochen durfte, die durchs Fenster kommen. Und wie lange die Haustür der heimischen Vorortvilla anschließend unrepariert offenstand. Man lässt es aber, ein Teil der Antworten könnte Sie verunsichern.

Am Ende gibt es alkoholfreie Getränke vom Sommelier zu Böhmermanns Roulade mit Kartoffeln und Xatars Köftespieß. Orient trifft Okzident, nennt „Böhmi“ das. Soso. Seine Kochshow soll die zur Weißglut treiben, die Kochshows lieben, ließ der Entertainer zum Einstieg in die Sendung wissen. Und die, die sie hassen. Ob das gelungen ist? Belassen wir es bei einem küchengerechten Klassiker: Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Sicher ist nur: Alfred Biolek hat nichts verpasst, wo auch immer er jetzt isst, kocht und seinen unvergleichlichen Charme spielen lässt. (Mirko Schmid)

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