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Selbst die blitzgescheite Mai Thi Nguyen-Kim rettet „Böhmi brutzelt“ nicht.
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Selbst die blitzgescheite Mai Thi Nguyen-Kim rettet „Böhmi brutzelt“ nicht. (Screenshot)

TV-Kritik

„Böhmi brutzelt“ mit „maiLab“: Böhmermann kocht nicht, sondern erhitzt nur

  • VonMirko Schmid
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Selten hat man sich so gewünscht, dass jemand endlich wieder das macht, was er am besten kann. Denn eine Kochshow ist es im Fall von Jan Böhmermann nicht. Die TV-Kritik.

Die wichtigste Frage vorab: Warum sollte jemand ein Interesse daran haben, ein Sommerloch zu füllen, das in diesem Jahr bereits so prall vollgestopft ist, wie selten? Jan Böhmermann beantwortet diese Frage, auch wenn sie als „warum eigentlich eine Kochshow?“ daherkommt, im ZDF salopp mit: „Why not?“ Und so brutzelt der Böhmi nun also.

Aber greift das nicht ein wenig kurz? Da blamieren sich Kanzlerkandidaten und Kanzlerkandidatinnen am laufenden Band, da lacht der Laschet im Katastrophengebiet, da schickt die Baerbock ihre Leute ins Saarland, um sich mit der dort angelegten nur-bloß-kein-Mann-Brechstange vor dem Bundeswahlausschuss monumental (und vielleicht sogar wahlentscheidend) zu blamieren. Und der Olaf scholzt sich derweil durchs Land und gewinnt, so paradox das klingen mag, mit seiner farblosen Nüchternheit Tag für Tag an Zustimmung.

Rings in Europa brennen Wälder, werden Menschen aus ihren Dörfern evakuiert, verlieren genau wie die Hochwasseropfer hierzulande ihr Hab und Gut an die Klimakatastrophe. Und da sind dann noch die aufjaulenden Coronaleugner, die es für ihre Privatsache halten, ob sie sich impfen lassen und dann die große Verschwörung wittern, weil man sie so gänzlich ungeimpft als tickende Zeitbombe für die Gesundheit anderer nicht überall hereinlassen mag.

Jan Böhmermann kocht in „Böhmi brutzelt“ an den relevanten Themen der Geselslchaft vorbei

Derweil legt ein gewisser Schnauzbart aus Dresden das halbe Land lahm und zwingt Menschen während einer weiter grassierenden Pandemie in überfüllte Züge, weil seine Klientel doch gerne aus dem schmalen Geldbeutel derjenigen, die sich eben kein eigenes Auto leisten können (oder aus guten Gründen wollen), einen Corona-Bonus hätte. In Geiselhaft nimmt er damit so ganz nebenbei vor allem jene, die von einem Zugführergehalt nur träumen können und auf Mobilität angewiesen sind, um zur oft viel zu schlecht bezahlten Arbeit zu kommen.

Und Jan Böhmermann? Der kocht. Und schwätzt dabei ein wenig. Es grenzt an hedonistische Verschwendungssucht, dass er die drängenden Themen des eben-nicht-Sommerlochs in seiner Sommerloch-Füllsendung einfach außer Acht lässt. Gerade einen wie ihn, der in solchen Zeiten mit scharfem Verstand und spitzer Zunge einordnet, bräuchte es doch jetzt. Stattdessen: Hackfrikadellen mit Möhren und Erbsen aus der Dose. „Soulfood“ nennt er das. Zur Weißglut will er jene bringen, die Kochshows lieben und auch jene, die sie hassen.

Aber was ist mit denen, denen diese belanglose Köchelei schnurzpiepegal ist? Die sich für gesellschaftlich relevante Themen mehr interessieren, als für die Kreationen eines Fruchtsaft-Sommeliers? Nicht mal die angestaubte heute Show gibt es als Ersatz und man erwischt sich dabei, in der Mediathek nach alten Folgen des meist hervorragenden ZDF Magazin Royale zu stöbern und sich die angestaubte Ware reinzuziehen – zur Not frisst der Teufel Konserve.

„Böhmi brutzelt“: Mai Thi Nguyen-Kim, Jan Böhmermann und der „Hass gegen Deutsche“

Wäre es da nicht die Chance für einen Jan Böhmermann, in einem Gespräch mit der blitzgescheiten Mai Thi Nguyen-Kim, bekannt für ihr Format maiLab und ihre fantastisch auf den Punkt gebrachte Einordnung der Falschbehauptungen und des Gewinsels der „Querdenkenden“, zumindest die Themen anzuschneiden, die schon vor der Aufzeichnungen auf dem Präsentierteller lagen? Ich habe darauf zwei Antworten: Ja, wäre es. Und: Chance vertan.

In der gesamten, rund halbstündigen Folge vom „Böhmi brutzelt“ geht es um ganz netten Kram, der niemandem weh tut. Wir lernen, dass es in asiatischen Restaurants Karten „für Deutsche“ und für Insider gibt. Ob das dieser „Rassismus gegen Deutsche“ sei, von dem alle faseln, spöttelt Böhmermann und fasst damit satirisch ein heißes Eisen an, das er in Sekunden wieder fallen lässt. Über vermeintliche Impfzwänge (weniger marktschreierisch auch bekannt als das Zurückerlangen von Grundrechten mittels sozialem Verhalten qua Impfung), Impfmythen und die Auswirkung von Mutationen auf einen drohenden Lockdown im Herbst hätte man ja wenigstens mal kurz reden können mit – einer ausgemachten Expertin.

Stattdessen: Nur eine Hand ins Hack! Denn die andere muss ja fürs Telefon frei bleiben, sagt Böhmermann. Und ein bisschen Ekel bis hin zu einem verärgerten Stirnrunzeln kommt auf, wenn er sich die Griffel zuvor für handgestoppte zweikommasieben Sekunden wäscht – nachdem er sie Mai Thi Nguyen-Kim zuvor noch zum Gruße aufdrängen wollte. Ihre zumindest verwunderte Reaktion: „Neee, ich bin noch nicht bereit. Gibst du schon Hand?“ Böhmermann: „Ich hab‘ schon Hand gegeben, ich hab‘ auch in dieser Sendung schon Hand gegeben, weil ich gedacht habe: Wenn diese Sendung ausgestrahlt wird, ist Corona vielleicht schon so weit vorbei, dass man sich wieder die Hand gibt.“

Jan Böhmermann bietet Mai Thi Nguyen-Kim während der Pandemie die Hand an – und wäscht sie nicht richtig

Uff. Böhmermann schafft es also per Voraufzeichnung die Zukunft vorauszuleben. Muss man ihm erst einmal nachmachen. Und selbst, wenn wir diesen „guten Sommer, von dem man immer hört“ (Mai Thi), schon hätten: Der auf Hygienemaßnahmen trainierte Beobachter mag das dann doch ein wenig befremdlich finden. Vorbildfunktion und so.

„Böhmi brutzelt“

Zu Gast: Wissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim. Erstausstrahlung auf ZDFneo: Samstag, 14. August, 19.45 Uhr. Verfügbar auf Abruf in der ZDF Mediathek.

Und so plätschert eine erneut äußerst seichte Folge von „Böhme brutzelt“ weiter vor sich hin und Jan Böhmermann schafft es doch tatsächlich, dieses Treiben unfreiwillig in Worte zu fassen, auch wenn er (zumindest bewusst) von Erbsen und Möhrchen aus der Dose spricht: „Nicht kochen, nur erhitzen.“

Ganz kurz scheint es mit Beginn des letzten Drittels dieser hypnotischen Wellness-Veranstaltung dann fast interessant zu werden. Mai Thi Nguyen-Kim fragt den gerade röhrenden Gastgeber, ob sie kurz erklären soll, was mit der Stärke in seiner Soße passiert, über deren zu große Portion er sich echauffiert. Doch dann packt die Wissenschaftlerin einfach die nächste ziemlich passende Umschreibung dessen aus, was sich auf der Mattscheibe gerade zuträgt: „Stärke enthält so ganz langkettige Moleküle“, fängt sie an und fängt sich ein mäßig interessiertes „aha“ vom „blassen dünnen Jungen ein“.

„Böhmi brutzelt“ mit Jan Böhmermann und Mai Thi Nguyen-Kim: Wie ein Knäuel Stärke

Unbeirrt davon fährt sie fort: „Und wenn du die erhitzt, die liegen dann erstmal jedes von ihnen so knäuelartig vor und wenn du es erhitzt, dann entknäult es sich zunächst, aber dann hast du ja ganz viele lange Fäden und die verknäulen sich dann wieder und binden dann so eine Art Netzwerk und deswegen wird‘s dick“. Böhmermann: „Während du mir von der Seitenlinie in die Pfanne redest, kann ich mir vorstellen, warum Fußballer nach einer Niederlage sauer auf die Sportreporter sind“. Okay.

Ein paar kleine Seitenhiebe haut Mai Thi Nguyen-Kim dann gegen das „querdenkende“ Volk und dessen behauptete Nähe zu stereotypen Gedankengängen raus: „Die sagen dann, die Chinesin will Meinungsdiktatur“ und: „Die sagen dann nicht, dass das eine Gefährdung für die Meinungsfreiheit ist, so tief gehen die nicht, aber die sagen dann: Findest du es nicht schade für die Meinungsvielfalt, dass zwei plus zwei immer vier ist“.

Darauf Jan Böhmermann, auf einmal interessiert: „Und bei solchen Argumenten kommt man, glaube ich, der Frage näher, warum so große Zivilisationen wie die Griechen, die Ägypter, die Römer, warum es die auf einmal einfach nicht mehr gab und warum dann da so jahrhundertelang so ein Mittelalter über Europa kam.“ Er antwortet sich selbst: „Weil ich glaube, dass dann irgendwann diese Leute die Oberhand gewonnen haben und angefangen haben, das...“ Mai Thi Nguyen-Kim: „Und das ganz ohne Internet.“

„Böhmi brutzelt“: Jan Böhmermann gehört nicht in die Küche, da hilft auch Mai Thi Nguyen-Kim nicht

Viel spannender wird es nicht. Denn Jan Böhmermann kocht das sich abzeichnend interessante Gespräch ab wie seine in Soße schwimmenden Frikadellen: „Ganz kurz mal zu deinem Rezept....“ In diesem Moment darf man sich durchaus fragen, ob „Böhmi“ einfach keinen Bock auf relevante Themen hat, so in seiner Chillout-Zone der verkochten Sommerpause. Und man sehnt ihn sich händeringend zurück an seinen Schreibtisch am Set des Magazin Royale.

NameMai Thi Nguyen-Kim
BerufWissenschaftsjournalistin, Chemikerin, Autorin, YouTuberin
YouTube-FormatmaiLab
Alter34 Jahre (7. August 1987)
GeburtsortHeppenheim (Bergstraße)

„Why not“, hat Böhmermann gefragt. Warum er keine Kochsendung machen soll. Diese Frage hat er nun in bisher vier Folgen von Rinderroulade über Grünkohl mit Pinkel und Spaghetti Bolognese bis zu seinen Mettfrikadellen selbst beantwortet. „If you cant stand the heat stay out of the kitchen“, zitiert er selbst ein geläufiges Sprichwort. Wenn es dir zu heiß wird, dann hast du in der Küche nichts verloren.

Dafür, dass es in seiner Küche nicht zu heißen Themen kommt, hat er ausführlich gesorgt. In der Küche, zumindest der Fernsehküche, hat er gerade deswegen trotzdem nichts verloren. „Böhmi brutzelt“, das ist verklumpte Stärke, das ist nur erhitzen, nicht kochen. Und es ist reine Verschwendung seines Talents und dessen, was seine Gäste zu sagen haben – oder besser: zu sagen gehabt hätten. Und so sorgt Jan Böhmermann nicht etwa dafür, das Sommerloch zu stopfen. Sondern dafür, dass es sich überhaupt erst nach einem Loch anfühlt. Zum Glück ist die Sommerpause seines ZDF Magazin Royale bald vorbei. (Mirko Schmid)

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