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Bochum- und Detroit-Doku „We Are All Detroit“ im Kino: Das Leben nach Opel

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Von: Daniel Kothenschulte

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Aufeinandertreffen der Zeiten, der Fülle und der Armut. Foto: Filmproduktion Loekenfranke
Aufeinandertreffen der Zeiten, der Fülle und der Armut. © Filmproduktion Loekenfranke

Der Dokumentarfilm „We Are All Detroit – Vom Bleiben und Verschwinden“ beobachtet den Strukturwandel im Brachland einst stolzer Automobilfabriken.

Für eine dokumentarische Parallelerzählung über den Strukturwandel sind die Städte Bochum und Detroit eine naheliegende Wahl: Hier das seit 2014 geschlossene und inzwischen abgetragene Opelwerk und dort der Sitz seiner ungnädigen Mutter General Motors. Dass diese Mutter einmal durchaus fürsorglich war, dass sie Menschen auch ohne höhere Schulbildung eine Teilhabe an der Mittelschicht ermöglichte, klingt wie ein Märchen aus vergangener Zeit. Doch die näheren Umstände der Insolvenz von General Motors und der Rettung von über einer Million Arbeitsplätzen durch Verstaatlichung sind hier nicht das Thema. Ulrike Franke und Michael Loekens Dokumentarfilm „We Are All Detroit“ ist eine Reise zu den untergegangenen Produktionsorten und den Menschen, die sie aus ihren Leben nicht wegdenken konnten.

Wenn der Ex-Chrysler-Ingenieur Greg das Filmteam durch die ehemaligen Industriegebiete Detroits kutschiert, erscheint ihm die große Leere noch immer surreal. Nicht nur die meisten der Werkshallen sind verschwunden; auch von den großzügigen Häusern der Arbeiterfamilien sind nur noch wenige übrig geblieben wie Wegmarken im Nirgendwo.

So ist das wohl mit dem grenzenlosen Kapitalismus: Hat er einmal abgefrühstückt, bleiben nicht mal dekorative Reste zurück. Da, wo doch noch eine Fabrikruine groß wie ein Stadtviertel stehen geblieben ist, die ehemalige Fertigungshalle der Luxuslimousine Packard, konnte sie ein Investor für ein Butterbrot kaufen. Vielleicht zeigt uns in zwei Jahrzehnten ja ein Folgefilm an dieser Stelle ein gentrifiziertes Paradies mit begrünten Lofts.

„Jetzt gibt es ja hier diese Hipster“, erklärt der Eisenwarenhändler Rich, der nach einem Jahrhundert den Eisenwarenladen seiner Familie auflöst. Da hat seine Stadt ihr großes Sterben schon hinter sich gebracht: Von zwei Millionen Menschen, die hier lebten, sind noch 600 000 übrig.

Das Filmemacherpaar Ulrike Franke und Michael Loeken ist auf Themen zum Strukturwandel spezialisiert; die Abschiednahme von Bochums wichtigstem Arbeitgeber haben sie bereits in „Arbeit Heimat Opel“ dokumentiert. Wenn sie in diesem Film einen ehemaligen Arbeiter durch die gewaltige Leere der dem Abbruch geweihten Bochumer Werkshalle begleiten, kommen ihm beinahe die Tränen. Kein Wunder, dass die ikonische Leuchtschrift bei Nacht und Nebel abmontiert wurde, um kein Aufsehen zu erregen. Nur stand da am Morgen immer noch „Opel“, deutlich zu lesen aus dem Staub der Jahrzehnte. Das Bild, das dieser Film davon bewahrt, hat die Schönheit eines Gemäldes von Ed Ruscha. „Ruinenporno“ nennt man in Detroit den ästhetischen Reiz des Kaputten.

Nur prekäre Arbeitsplätze

Wer das Ruhrgebiet wegen seiner Industriedenkmäler schätzt, hat vielleicht Verständnis dafür, dass man in Bochum keine weitere Jahrhunderthalle wollte. Nun erlebt man, wie Armin Laschet am gleichen Ort ein DHL-Logistikzentrum eröffnet. Man ist stolz auf die 600 prekären Arbeitsplätze, wo einmal 20 000 Menschen vernünftige Anstellungen hatten. Im großen Bild der Konzernrettung durch den US-amerikanischen Steuerzahler, spielt die deutsche Tochter keine Rolle. In den USA sollen für zwölf Milliarden, die unter dem Strich dafür ausgegeben wurden, 1,2 Millionen Arbeitsplätze gerettet worden sein. In Deutschland konnten 3,3 Milliarden staatlicher Garantien die Schließung nicht verhindern.

Man ist überrascht, wie selbstverständlich diese beiden so unterschiedlichen Städte und ihre Menschen im bedächtigen Rhythmus des zweistündigen Films zusammenfinden. Wie es der Zufall will, vergleicht sich gerade auch eine andere nordrhein-westfälische Metropole mit der Stadt in Michigan. In der „Techno“-Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast verweist man auf eine gemeinsame Musikgeschichte.

In diesem Film kommt überhaupt keine schwarze Musik vor, nicht einmal die Soul-Schmiede von Motown Records, die Detroit schon in den 60er Jahren zu einem Mekka afroamerikanischer Musiker machte. Lediglich Bruce Springsteen ist einmal mit einem Arbeitersong zu hören. So still hat man Detroit wohl noch nie erlebt. Vielleicht sollte hier einfach ein audio-visuelles Klischee vermieden werden; man muss ja auch nicht in jedem Film über Salzburg Mozart spielen (die eigentliche Filmmusik komponierte Maciej Sledziecki, ein Spezialist für elektronisch gesteuerte akustische Instrumente im Sound eines Solo-Akkordeons).

Doch mit dem Fehlen der zweiten wichtigen Industrie dieser Stadt – und zwar jener, die überlebt hat und Weltruhm genießt – entsteht auch der falsche Eindruck einer kulturellen Leerstelle. Aber gerade wenn es um kulturellen Wandel in Metropolen geht, wünscht man sich auch Bruchstücke der kulturellen Identitäten ihrer Bewohnerinnen und Bewohner.

Umso stärker ist der Eindruck, den ein afroamerikanisches Paar hinterlässt. Donney und Roxanne Jones bewirtschaften brachliegende Flächen als „urban farmers“. Die Industrie hat ihnen die nötigen Freiräume überlassen, um zur Subsistenzwirtschaft zurückzukehren. Auch im Ruhrpott kann man sich noch gut erinnern, was selbst in der staubigsten Luft einmal in Arbeitergärtchen geerntet wurde. Aber das ist schon wieder ein Thema für einen anderen Film.

We Are All Detroit – Vom Bleiben und Verschwinden. Dokumentarfilm, Deutschland 2022. Regie: Ulrike Franke und Michael Loeken. 118 Min.

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