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Zeiler und Oberländer sind sich ihrer Sache sicher, doch Komlatschek zweifelt noch.

"Die Toten vom Bodensee: Die vierte Frau", ZDF

Mit Blut gebraut

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Am Anfang von "Die Toten vom Bodensee: Die vierte Frau" steht ein effekthascherisch aufgemachter Leichenfund. Aber dann findet der deutsch-österreichische Krimi schnell zu seinen Stärken.

Die Kriminalisten der ARD-Reihe „Tatort“ haben sich vom Bodensee zurückgezogen. Aber es wird weiter gemordet an Europas drittgrößtem Binnensee. Für Drehbuchautoren ein attraktives Terrain. Drei Länder grenzen an den See, deren Vollzugsbehörden müssen häufig zusammenarbeiten.

In der Reihe „Die Toten vom Bodensee“ gibt es ein gemeinsames Kommissariat der österreichischen und der deutschen Polizei. Seit 2014 ermitteln dort die Bregenzerin Hannah Zeiler (Nora von Waldstätten) und ihr deutscher Kollege Micha Oberländer (Matthias Koeberlin) Seite an Seite. Thorsten Wettcke, der die ersten beiden Episoden schrieb, hatte sich offenbar vom Noir-Touch skandinavischer, vielleicht auch britischer Krimis inspirieren lassen. Jede Folge eröffnete in der Tradition der längst aus- und überreizten Mankell-Masche mit einer hochgradig bizarren Mordszenerie. Ein Fischer verbrennt bei lebendigem Leib, die Wände eines Forsthauses sind mit Blut getränkt.

Abgeschmackte, unnötige, oft auch unlogische Übertreibungen. Ihre Stärken verdankt diese Reihe einer anderen Traditionslinie. Jede Episode liefert, was der Krimiautor Robert Traver (Pseudonym des Staatsanwalts und Richters John D. Voelker) einst sehr passend mit „Anatomie eines Mordes“ überschrieb. Die Entschlüsselung der Verbrechen fördert tragische Verstrickungen zutage, Irrtümer und Fehlentscheidungen mit fatalen Folgen, seelische Verletzungen.

Betroffen sind auch die Kommissare selbst. Hannah Zeiler wirkt im Umgang unterkühlt und spröde, erst nach und nach und über mehrere Folgen hinweg wurde enthüllt, dass sie an einem Kindheitstrauma leidet. Dieser Faden wird in der aktuellen Episode „Die vierte Frau“ am Rande noch einmal aufgenommen. Früher schon angelegt war auch die sich nun verschärfende Ehekrise im Hause Oberländer.

Micha Oberländer ist im Stillen dankbar, dass er den – in doppeltem Sinne – notwendigen Reparaturarbeiten daheim entfliehen kann. Denn die deutsch-österreichische Dienststelle hat seit langem mit einem unbekannten Serienmörder zu tun. Immer zur Hopfenzeit wird eine weibliche Leiche gefunden. Oberländer und Zeiler legen sich auf die Lauer, aber vergebens. Der Mörder war schlauer. Und hat sein diesjähriges Opfer weithin sichtbar in den Kletterdrähten einer Hopfenplantage aufgeknüpft. Nicht aber „drapiert“, also in Falten gelegt, wie das ZDF in seiner Ankündigung fälschlich schreibt.

Einige Details indes passen nicht zur Handschrift des Wiederholungstäters. Zudem wird eine Frau vermisst, die ebenfalls ins Opferschema passt. Dann ereignet sich ein zweiter Mord. Gibt es womöglich einen Trittbrettfahrer? Der österreichische Kollege Komlatschek (Hary Prinz) verwirft diese Vermutung, aber Oberländer und Zeiler bleiben dran. Eine Spur führt in eine lokale Brauerei …

Timo Berndt, der bei dieser ORF-ZDF-Koproduktion Thorsten Wettcke als Autor abgelöst hat, und Regisseur Hanno Salonen wahren die sinistre Färbung der Reihe, erzählen von menschlichen, wirtschaftlichen, familiären Problemen und Konflikten. Diese Grundierung verleiht der Reihe eine besondere Intensität, passend interpretiert von der Riege der Hauptdarsteller, eingeschlossen Inez Bjørg David in der Rolle der Kim Oberländer.

Problematisch nur, wie bei so vielen Reihenkrimis mit durchlaufenden Handlungsfäden, ist auch hier der unregelmäßige Ausstrahlungsturnus, der dem Publikum jeweils den Anschluss erschwert. Wünschenswert wäre eine größere Flexibilität bei der Programmplanung und engere, beispielsweise wöchentliche Ausstrahlung. Eine alte Klage, aber sie wird wohl noch häufiger angestimmt werden müssen.

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