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Zwischenstopp beim Falafel-Mann: Tou (re.) ist dabei, seinen eigenen Weg einzuschlagen.
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Zwischenstopp beim Falafel-Mann: Tou (re.) ist dabei, seinen eigenen Weg einzuschlagen.

"Falafel"

Bloß nicht im eigenen Öl sieden

Zwischen Willkür und Agonie: Michel Kammouns außergewöhnlich sensibler Debütfilm "Falafel".

Von HEIKE KÜHN

Wie viele seiner Altersgenossen wohnt der zweiundzwanzigjährige Toufic noch immer bei seinen Eltern. Doch Toufic, von Freunden Tou genannt, ist keine Nacht zuhause. Seine Haare locken sich wild, sein Bart ist verwegen, sein Moped ein Heuler. Tou ist nicht reich, aber immerhin hat er einen Job. Keine Selbstverständlichkeit im Libanon dieser Tage. Zu Beginn von Michel Kammouns Filmdebüt "Falafel" lässt sich Tou von einer Jeansjacke magisch anziehen, er dreht und wendet sich begehrlich vorm Spiegel. Zuhause angekommen, lässt er seinen siebenjährigen Bruder auspacken. "Die Jacke ist geschrumpft", scherzt Tou. Seinem Bruder passt sie perfekt. Kleine Dinge bringen bei Michel Kammoun eine große Seele zum Vorschein. Wie alle jungen Leute sehnt sich Tou nach den Inkunabeln des westlichen Lebensstils. Doch seine Augen sind nicht nur melancholisch, sie sehen auch die Zeichen einer allgegenwärtigen Vernachlässigung. Tous Vater ist nie da, seine Mutter wartet nächtelang auf den Mann, der sich in einer Striptease-Bar herumtreibt.

Gleichgültig gegen Verrohung

Als Ersatzvater verspricht Tou dem kleinen Bruder, mit ihm ins Kino zu gehen. "Falafel", vielfach preisgekrönt, erzählt von einer Nacht, die Tous Versprechen gefährdet. Bevor Tou in diese Nacht aufbricht, zu einer Party unter Freunden, stärkt er sich in einer Falafel-Bude. Er möge sich eines der Teigbällchen aussuchen, sagt der Falafel-Mann und serviert zu Tous Wahl eine köstliche Philosophie: Entgegen der Gesetze der Schwerkraft und der Kochkunst gäbe es unter Hunderten von Falafelbällchen immer eines, das nicht auf dem siedenden Öl schwimme, sondern absinke. Einmal gesättigt, schnelle der Ausreißer nach oben und spränge als "Runaway-Falafel" aus dem Topf. Tou, sagt der Falafel-Mann, habe instinktiv nach der "Runaway-Falafel" gegriffen, und diese Wahl verpflichte: Bloß nicht mit den anderen obenauf im Fett schwimmen, sondern einen eigenen Weg gehen, lautet die Botschaft des Nahrungs-Gleichnisses.

Diese originelle Lebensweisheit bekommt im Verlauf der Nacht, in der Tou wegen einer Nichtigkeit von einem BMW-Fahrer mit einer Pistole bedroht und in seiner Ehre gekränkt wird, einen scharfen Nachgeschmack. Obwohl die Mädchen schön sind wie Blumen und die Party so alkoholschwanger und neurotisch wie in einer amerikanischen Teenie-Komödie, macht die Demütigung Tou rastlos. Auf seinem Moped durchkämmt er Beirut nach einer Pistole. Auf der Suche nach Rache wird er Opfer von Betrug und Zeuge von Gewalt. Dass ein Mann auf offener Straße aus seinem Auto gezerrt wird, kümmert niemanden.

In Abbas Kiarostamis Film "Ten" gibt es so eine Szene mitten in Teheran; in "Divine Intervention", einem Film des israelischen Palästinensers Elia Suleiman, herrscht ähnliche Gleichgültigkeit gegenüber der Verrohung, mit der Zivilisten einem latenten Kriegszustand begegnen. Zwischen der Willkür der iranischen Diktatur und der tödlichen Agonie der palästinensischen Gesellschaft, verortet Michel Kammouns außergewöhnlich sensibler Film den Libanon. 16 Jahre nach dem libanesischen Bürgerkrieg wird Kammouns ebenso wachsamer wie mitleidiger Held vom schleichenden Prozess psychischer und physischer Aufrüstung aufgesogen.

Die Kränkung, die Tou beinahe zum Mörder werden lässt, ist der Ursprung, und sie ist allerorten. Das Land siedet im eigenen Öl, es kocht über vor Erinnerung an ungesühnte Verbrechen, hilflose Politiker, korrupte Polizisten. Der Waffenhändler bei dem Tou landet, bricht in Tränen aus, als er an das Warenhaus denkt, das er einst führte. Zwar hat der Händler des Todes eine gurrende Gespielin, aber wer wird ihn im Alter pflegen?

"Falafel" wurde 2006 vor dem Ausbruch des Krieges zwischen Libanon und Israel gedreht. Die Auflösung des familiären Zusammenhalts, das wechselseitige Misstrauen von Bürgern und Staat, Lynchjustiz und Kriegsgewinnlertum, das alles spürt der Film am Rande der Nacht mit der Beiläufigkeit des sicheren Verderbens auf. Am Ende gibt es auch in Beirut eine göttliche Intervention. Das libanesische Kino rüstet auf zum Widerstand gegen die ewig gleichen Feindbilder und seine Waffe heißt Phantasie.

Falafel, Regie: Michael Kammoun,

Libanon 2006, 83 Minuten.

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