Blood and the City

  • Daniel Kothenschulte
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Dennis Gansels enttäuschender Film „Wir sind die Nacht“: Kaum ein Genre ist auf ein so strenges Regularium vereidigt wie der Vampirfilm, aber hier scheinen die Regeln außer Kraft. Wenn schon nicht als Vampirfilm, so überzeugt Gansels Werk immerhin als Berlin-Film

Als Cineasten noch eine verschworene Gemeinschaft bildeten, die sich wie die Vampire in dunklen Filmclubs traf, war man sich in einem einig: Irgend etwas Schönes gibt es an jedem Film. Dieser hier hat zumindest einen schönen Titel: „Wir sind die Nacht“. Über einer Luftaufnahme des nächtlichen Berlin liest sich das Motto der Großstadtvampire ausgesprochen lustvoll. Sollte das deutsche Kino, dem die Welt den ersten und schönsten aller Dracula-Filme verdankt, Murnaus „Nosferatu“, wieder Anschluss gefunden haben an ein Genre, das manchem erscheinen mochte wie seine Protagonisten: etwas ausgelutscht, aber nicht tot zu kriegen?

Nina Hoss alias Louise, die Anführerin der alterslosen Frauengang, bekommt schon in den ersten Bildern Gelegenheit zu zeigen, was sie mit ihrer Nacht anzufangen weiß. Blut- und Kaufrausch sind für die stilvoll gekleidete Freibeuterin ein und dasselbe. Noch vor dem Vorspann saugt sie sich an den Insassen eines Privatflugzeugs satt, deren Barschaft sie erbeutet. Mit ausgebreiteten Armen stürzt sie sich ohne flatternden Umhang aus der Maschine, die sie ihrem Schicksal überlässt, und segelt hinab ins nächtlich funkelnde Berlin.

Ein Film, der nicht stattfindet

Man bekommt Lust auf einen Film, der dann leider doch nicht stattfindet. Nicht nur, dass Louise und ihre Freundinnen Charlotte (Jennifer Ulrich) und Nora (Anna Fischer) im Laufe der 100 Minuten zu vergessen scheinen, dass sie fliegen können. Ausgerechnet der Diebstahl eines Maserati bringt die Polizei auf ihre Fersen. So emphatisch Regisseur Dennis Gansel („Die Welle“) seine hedonistischen Blutsaugerinnen im Umfeld von „Sex and the City“ verorten möchte, so inkonsequent vermittelt er ihr Lebenskonzept.

Die zweihundertjährige Louise zum Beispiel hat vor Urzeiten ihren Geliebten verloren. Inzwischen ist sie lesbisch, aber merkwürdig asexuell. Unzählige Sterbliche hat sie dahingemetzelt, die sich hier nicht automatisch nach einem Biss in Vampire verwandeln. Auch ihre männlichen Kollegen hat sie über die Jahrhunderte ausgerottet und das Blutsaugertum zur exklusiven Girl Power erkoren. Empathie besitzt sie so wenig wie der Soziopath von nebenan. Besetzt mit Nina Hoss, könnte eine interessante Figur daraus werden, doch Gansels Regie begnügt sich mit der Oberfläche ihrer glamourösen Erscheinung.

Ihre Gefährtinnen sind Schönheiten vergangener Epochen. Charlotte war eine Stummflmdiva – wie ein Ausschnitt aus Langs „Dr. Mabuse – der Spieler“ belegen will, Nora ein Techno-Girl aus den besseren Tagen der Love Parade. Doch Gansel gelingt es nicht, daraus Kapital zu schlagen. So viel die Frauen erlebt haben müssen, so wenig Charisma haben sie daraus bezogen.

Gemeinsam betreiben die Ladies einen Technoclub, in den sich eine Schönheit von heute verirrt: Karoline Herfurth spielt die Straßenräuberin Lena, die sich durch Louises Biss und ein paar Designer-Klamotten vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan mausern wird. Wenigstens will es der Film so aussehen lassen, doch der Effekt misslingt: Nie sieht Herfurth besser aus als in den ersten Szenen, wenn sie sich im Kapuzenpulli eine Schlacht mit einem jungen Polizisten (Max Riemelt) liefert.

Kaum ein Genre ist auf ein so strenges Regularium vereidigt wie der Vampirfilm, aber hier scheinen die Regeln außer Kraft. Man versteht nicht, warum diese Frauen allabendlich Morde begehen, doch erst auffallen, als eine von ihnen mit einem Polizisten befreundet ist. Ebenso wenig begreift man die plötzlichen Selbstzweifel. Obwohl „Wir sind die Nacht“ wie ein B-Film aussieht, fehlt ihm über weite Strecken der nötige Sinn für Ironie.

Wenn schon nicht als Vampirfilm, so überzeugt Gansels Werk immerhin als Berlin-Film: Tatsächlich scheint Berlin das ideale Pflaster für Vampire zu sein. In welcher anderen Metropole können gutgelaunte junge Frauen mit blutverschmierten Abendkleidern in die S-Bahn steigen, ohne damit aufzufallen?

Wir sind die Nacht, Regie: Dennis Gansel. USA 2010, 100 Minuten.

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