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Die Stadtverwaltung in Zug setzt auf Unterstützung der Blockchain-Technologie.

„Die Blockchain-Revolution“, 3sat

Netz aus Glas

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Ein Dokumentarfilm über das relativ neue Internet-Phänomen Blockchain lässt eine kritische Betrachtung zu sehr vermissen

Vor Monaten noch war Bitcoin das nächste heiße Ding. Die virtuelle Währung basiert ja auf der Voraussetzung der „Blockchain“-Technologie. Aber während Bitcoin einen Kurssturz nach dem anderen durchmachen musste – vor Jahresfrist war ein Bitcoin noch 10000 Euro wert, aktuell nur noch 3150 – zeichnet sich nun immer stärker der Nutzen der Blockchain ab. Der Name bezeichnet das Verfahren: Datenblöcke werden durch das Netz geschleust, sie sind wie auch die diversen Absender und Empfänger stets miteinander verbunden. Alle Beteiligten haben jederzeit Einblick in das Geschehen: der Traum von der totalen Transparenz. 

Dem sind auch die Autoren dieses Films verfallen. Denn Patrick Zeilhofer und Volker Wasmuth schwärmen von der neuen Technologie. Und es stört sie nicht, dass ihre ersten Zeugen für das Wirken der Blockchain den Absturz der Kryptowährung Bitcoin miterleben mussten. Oliver Pangratz, Eigner eines „Bitcoin Store“ in Frankfurt, hat dort vergangenes Jahr zwar einen Geldautomaten für das „digitale Gold“ (Pangratz) aufgestellt, aber dabei ist es offenbar auch geblieben. Und Philipp Sander von der Frankfurt School of Finance würde heute vielleicht nicht mehr so optimistisch behaupten, dass die Blockchain „den ganzen Finanzsektor revolutionieren“ wird. Bislang hat die Bankenaufsicht Bitcoin wohl lediglich als Rechnungseinheit zugelassen. 

Davon berichten die Autoren kaum etwas. Stattdessen malen sie das verheißungsvolle Bild vom Geldverkehr ohne Banken aus. Einstweilen zu schön, um wahr zu sein. Nützlicher sind ihre Beispiele für Bereiche, in denen die Blockchain tatsächlich Umwälzungen bewirken könnte, wie etwa bei Vertragsabschlüssen, bei denen aufgrund der Transparenz alle Teilnehmer die gleiche Kenntnis hätten. Oder bei der Energieversorgung, die mittels Blockchain dezentral gesichert werden und den Großkonzernen damit Monopol-Macht entziehen könnte. Immerhin wird berichtet, dass der Energieverbrauch für die Technologie extrem hoch ist. Laut Wikipedia könnte der Strom-verbrauch des Netzwerks im Februar 2020 den gesamten Weltstromverbrauch von 2017 übersteigen. 

Eindrucksvoll sind die Möglichkeiten, die das Prinzip „Alle sehen jederzeit alles“ bei der Forschung bietet. Wissenschaftler rund um den Globus wären so imstande, jederzeit auf dem Stand ihrer Kollegen zu sein, und Plagiate wären unmöglich, weil jeder Beitrag mit dem virtuellen Stempel des Autors versehen wäre. Schummler wie CSU-Politiker Guttenberg bei seiner Doktorarbeit hätten keine Chance. 

Und selbstverständlich sind auch Behördenvorgänge der Transparenz zugänglich. Die Schweizer Gemeinde Zug hat bereits einige Bürger samt Meldedaten in den Blockchain-Kreislauf integriert – der Traum vom Ende der Bürokratie scheint nahe. Allerdings bemerken die Autoren auch hier nur am Rande, dass die gläserne Existenz im Netz auch Nachteile mit sich bringen könnte. Schließlich ist bekannt, dass das Regime in China die Bürger nicht nur per Internet überwacht, sondern auch nach Punktesystem bewertet oder für mangelndes Wohlverhalten bestraft. Und eher nebenbei wird erwähnt, dass kriminelle Transaktionen per Blockchain, dass Hacks oder Einschleusen von Malware nicht unmöglich sind. Das hätten Wasmuth und Zeilhofer ausführen müssen. 

So bleibt das Unbehagen, dass eine neue Technologie angepriesen statt kritisch analysiert wird. Vielleicht kommen diese Mängel ja in der anschließenden Diskussionsrunde mit Gert Scobel zur Sprache. 

„Die Blockchain-Revolution“, 3sat, Donnerstag, 24. Januar, 20.15 Uhr, mit anschließender Live Diskussion um 21 Uhr.

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