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Blochin wird wegen dringenden Mordverdachts verhaftet und von seinen Kollegen abgeführt (v.l.n.r.: Jörg Pose, Thomas Lawinky, Jürgen Vogel, Carol Schuler, Thomas Heinze und Christoph Letkowski).

TV-Kritik

„Blochin - Die Lebenden und die Toten“: Für immer im Fegefeuer

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Das ZDF wiederholt „Blochin“ mit Jürgen Vogel und setzt die düstere Krimiserie mit einem Film fort.

Vier Jahre sind in der schnelllebigen Fernsehzeit eine kleine Ewigkeit. Wenn eine Serie erfolgreich ist, lässt ein Sender die zweite Staffel normalerweise so schnell wie möglich drehen; erst recht, wenn die letzte Folge mit lauter Fragezeichen endete. 

Die Ausstrahlung von „Blochin“ liegt jedoch schon so lange zurück, dass sich viele Zuschauer nur noch dunkel erinnern werden. 2015 war das, zu einer Zeit also, als Fortsetzungsserien im deutschen Fernsehen noch die große Ausnahme waren; 2010 hatte Dominik Grafs Mafiaserie „Im Angesicht des Verbrechens“ der ARD zwar Ruhm und Ehre, aber kaum Quoten verschafft. Es war also durchaus mutig, dass das ZDF 2013 mit „Blochin – Die Lebenden und die Toten“ eine ähnlich düstere Erzählung in Auftrag gegeben hat.

Diesmal war es andersrum: durchwachsene Kritiken und keine Preise, aber ganz ordentliche Zuschauerzahlen; und das, obwohl sich die beiden von Thomas Heinze und Jürgen Vogel verkörperten Hauptfiguren, ein Abteilungsleiter der Berliner Mordkommission und sein bester Mann, in ihren Methoden im Grunde kaum von Gangstern unterscheiden. Auch das belegt den Mut des ZDF, denn bis dahin hatte das deutsche TV-Publikum den Sendern regelmäßig eine Abfuhr erteilt, wenn sich die Sympathieträger im Krimi wie Verbrecher benahmen; viele Jahre lang war die ausgezeichnete, aber miserabel gelaufene Sat.1-Miniserie „Blackout“ (2006) wie ein Menetekel. 

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„Blochin“ wurde jedoch vom Publikum positiv aufgenommen, zumal der Titelheld durchaus Mitgefühl weckte: Der als Waise aufgewachsene Polizist (Vogel) hat sich von seiner kriminellen Vergangenheit emanzipiert und führt ein glückliches Familienleben mit Frau und Tochter, bis ihn eine einstige Untat einholt. Nun bricht sein gesamtes Dasein wie ein Kartenhaus zusammen. Das ZDF wiederholt die Serie ab dem 30. Juli; die fünf Folgen stehen bereits in der Mediathek.

„Blochin“ wird mit einem Film fortgesetzt

„Blochin – Die Lebenden und die Toten“ / „Blochin – Das letzte Kapitel“, 30.7., 22.35 Uhr, ZDF / 5.8., 22.15 Uhr, Video (verfügbar bis 22.1.2020)

In der Regel wartet ein Sender erst mal die Zuschauerzahlen ab, bevor die Entscheidung über eine Fortsetzung fällt, aber offenbar war die Redaktion so begeistert von „Blochin“, dass der Schöpfer, Matthias Glasner, schon vor der Ausstrahlung beauftragt wurde, die Drehbücher für eine zweite Staffel zu schreiben und die diversen losen Enden miteinander zu verknüpfen. Doch dann ist es offenbar zu künstlerischen Differenzen gekommen, deren Ursache vermutlich vor allem die moralische Korruptheit der Helden sowie die Düsternis der Handlung war: Zwei der fünf Folgen durften aus Jugendschutzgründen erst nach 22 Uhr gezeigt werden. Das sollte bei der Fortsetzung nicht noch mal passieren, aber darauf wollte sich Glasner wohl nicht einlassen, schließlich lag der Reiz der Serie gerade in der Abweichung von der Norm.

Deshalb gibt es nun keine zweite Staffel, sondern nur ein gut hundert Minuten langes Einzelstück. Das ZDF zeigt „Blochin – Das letzte Kapitel“ am 5. August um 22.15 Uhr. Die Uhrzeit lässt bereits erahnen, dass sich Glasner zumindest bei der Gewalthaltigkeit des Films nicht auf Kompromisse einlassen wollte. Die Haltung der Protagonisten hat sich ebenfalls nicht geändert: Alle denken nur an sich.

Den Qualitätsmaßstäben der Serie hält „Blochin - Das letzte Kapitel“ dennoch nicht stand. Waren die ersten sechs Stunden noch von beeindruckender Handlungsfülle, so lässt sich die Fortsetzung auf ein Motiv reduzieren: Blochin will Rache für den Tod seiner kleiner Tochter. Um trotzdem den Anschein von Komplexität zu erwecken, bedient sich der Autor und Regisseur einer unnötig komplizierten Erzählstruktur mit ständigen Zeitsprüngen, was die Geschichte sehr unübersichtlich macht. Wer die Serie nicht gesehen hat, wird der Handlung ohnehin kaum folgen können. Die ZDF-Mediathek bietet immerhin ein zweiminütiges „Was bisher geschah“. Die Bildgestaltung durch Kameramann Jakub Bejnarowicz ist allerdings erneut sehr kunstvoll.

„Blochin“: Schluss erinnert an typische Shakespeare-Dramen

Gänzlich unnötig ist dagegen ein Nebenstrang mit Christoph Letkowski und Peri Baumeister, denn die entsprechende Erzählung von der gewalthaltigen Beziehung zwischen Polizist und Ministertochter ist eine schlichte Wiederholung der gleichen Geschichte aus der Serie. Ungleich reizvoller ist eine weitere Rückblickebene. Hier geht es zwar wie in den ersten fünf Folgen um Blochins Kindheit, aber diesmal steht seine Mutter (Natalia Belitski) im Mittelpunkt; auch dieser Teil der Kain-und-Abel-Handlung endet tragisch. 

Der Schluss erinnert ohnehin an typische Shakespeare-Dramen: Wer davonkommt, ist für den Rest seines Lebens gezeichnet. „Dies ist das Fegefeuer“, heißt es am Schluss. „Wir werden alle darin brennen. Für immer.“

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