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Blinder Glaube, blinder Hass

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Von: Tilmann P. Gangloff

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Veva (Ruby O. Fee) wächst wohlbehütet als reiche Kaufmannstochter bei ihrem Vater auf, bis ihr schlagartig alles genommen wird: das Haus niedergebrannt, ihre Familie ermordet, ihre Ehre geschändet. Das brave Mädchen von einst will sich nun rächen.
Veva (Ruby O. Fee) wächst wohlbehütet als reiche Kaufmannstochter bei ihrem Vater auf, bis ihr schlagartig alles genommen wird: das Haus niedergebrannt, ihre Familie ermordet, ihre Ehre geschändet. Das brave Mädchen von einst will sich nun rächen. © Dusan Martincek

Das historische Drama ist der Sat.1-Beitrag zum Luther-Jahr und ist schön anzuschauen, wirkt darstellerisch jedoch stellenweise laienhaft.

Es war klar, dass Sat.1 irgendwann versuchen würde, an die Erfolge der „Wanderhuren“-Trilogie anzuknüpfen. Allerdings ist schon der 2012 ausgestrahlte dritte Teil der historischen Saga mit 5,5 Millionen Zuschauern weit hinter der eindrucksvollen Resonanz der ersten beiden Filme (10 bzw. 8 Millionen) zurückgeblieben, obwohl sich die Qualität der drei Teile durchgängig auf hohem Niveau bewegte. Für die neuerliche Verfilmung eines Bestsellers vom fleißigen Autorenduo Iny Lorentz (alias Iny Klocke und Elmar Wohlrath) gilt das allerdings nicht, obwohl exakt das gleiche Team am Werk war wie bei „Die Rache der Wanderhure“, dem zweiten und besten Film der Trilogie. Produziert wurde „Die Ketzerbraut“ von TV60, die Adaption besorgten Thomas Wesskamp und Dirk Salomon, Regie führte Hansjörg Thurn, der für ProSiebenSat.1 schon einige Großprojekte inszeniert hat („Die Schatzinsel“, „Isenhart“), und die Zutaten – Drama, Action, Erotik und Gewalt – sind ohnehin die gleichen: Erneut widerfährt einer jungen Frau bitteres Unrecht, ihre Familie wird gemeuchelt, sie selbst geschändet.

Zusätzlichen Reiz bekommt „Die Ketzerbraut“, weil sie gewissermaßen der Beitrag des Senders zum Luther-Jahr ist: Der Film trägt sich 1517 zu, der große Reformator ist zumindest indirekt die treibende Kraft der Handlung und wirkt auch leibhaftig mit. Unhold der Geschichte ist der mächtige Münchener Pfarrer Johann von Perlach (Paulus Manker), der früh erkennt, dass Luthers Thesen das Potenzial haben, die Kirche in ihren Grundfesten zu erschüttern; vom Ende des eintrgälichen Ablasshandels, mit dessen Hilfe sich die Gläubigen von ihren Sünden freikaufen können, ganz zu schweigen. Deshalb lässt er allerlei Schandtaten begehen und hängt sie den vermeintlichen „Ketzern“ an, die Luthers Thesen in München verbreiten.

Mit der Ermordung des angesehenen Glashändlers Leibert schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe: Der Mann ist als Magistrat sein weltlicher Gegenspieler; sein beträchtliches Vermögen fällt der Kirche zu und soll helfen, die Ketzer zu bekämpfen, die angeblich auch Leiberts schöne Tochter Genoveva (Ruby O. Fee) entführt und vergewaltigt haben. Die junge Frau schwört blutige Rache, ahnt jedoch nicht, dass ausgerechnet der freigeistige Maler Ernst (Christoph Letkowski), mit dem sie eine unausgesprochene Liebe verbindet, ein großer Verehrer Luthers ist und dem Augustinermönch auf seiner Reise nach Augsburg, wo dieser sich im Angesicht eines päpstlichen Gesandten von seinen Thesen distanzieren soll, sogar Obdach gewährt. Ernst ist es auch, der Genoveva vergeblich darauf hinweist, dass blinder Hass genauso gefährlich sei wie blinder Glaube.

Die Bildgestaltung (Peter Krause) ist vorzüglich, gerade das Licht ist ausgesprochen kunstvoll; optisch ist „Die Ketzerbraut“ ein Genuss. Darstellersich aber wirkt das Werk mitunter wie ein Laienspiel. Ausgerechnet Thurn, dessen Filmografie mit unter anderem „Beate Uhse“ und „Barfuß bis zum Hals“ diverse sehenswerte Werke enthält, scheitert an der wichtigsten Aufgabe des Regisseurs: der Führung der Schauspieler. Besonders deutlich wird dies bei Ruby O. Fee, die zwar als neuer Star gehandelt wird, im letzten Jahr aber weder als Titeldarstellerin des Degeto-Films „Das Geheimnis der Hebamme“ noch in „Kartenhaus“, einem „Tatort“ aus Köln, restlos überzeugen konnte. Thurn begnügt sich damit, die junge Frau auf ihre körperlichen Reize zu reduzieren.

Wie schon im „Tatort“ sind die Liebesszenen tatsächlich Fees stärkste Momente; die großen Monologe gehören eher nicht dazu. Da ihr lasziver Lolita-Charme trotzdem etwas Berückendes hat, sind die Darbietungen einiger ungleich erfahrener Kolleginnen und Kollegen das deutlich größere Manko des Films: Beim Bemühen, besonders schurkisch zu wirken, keift und geifert Paulus Manker, der hier die exakt den gleichen Typus verkörpert wie in dem ZDF-Film „Die Seelen im Feuer“ (2015), als wolle er auf der Freilichtbühne auch noch das Publikum in der letzten Reihe erreichen, und Elena Uhlig musste sich wie eine Untote zurechtmachen lassen.

Dabei spielt sie eine der interessantesten Rollen des Films: Nach dem verheimlichten Tod ihres Gatten ist Walpurga in die Rüstung des Ritters von Gigging geschlüpft und verbreitet mit ihren Schergen jenen Schrecken, den von Perlach den Ketzern in die Schuhe schiebt; und ausgerechnet dieser Frau gibt Genoveva den Auftrag, den Mord an ihrer Familie zu rächen. Trotz dieser Entwicklung gelingt es Thurn nicht, Empathie für Genoveva zu vermitteln und so eine angemessene emotionale Spannung zu wecken.

Reizvoll ist immerhin die religionsgeschichtliche Komponente der Geschichte. Diese Ebene steht zwar naturgemäß nicht im Vordergrund, ist aber auch mehr als bloß schmückendes Beiwerk. Die interessanteste Figur in dieser Hinsicht ist der reiche Fugger (Christoph M. Ohrt), auf dessen Fürstensitz der Disput zwischen Luther (Adrian Topol) und dem Nuntius (Miguel Herz-Kestranek) stattfinden soll. Der Kaufmann hat einen sehr pragmatischen Grund, einen Religionskrieg zu fürchten: weil der schlecht fürs Geschäft wäre. Im Anschluss zeigt Sat.1 eine Dokumentation über „das wahre Schicksal der Ketzerinnen“.

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