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Javed und Eliza in „Blinded by the Light“. 

„Blinded by the Light“

„Blinded by the Light“: Licht im Dunkel

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Die Filmemacherin Gurinder Chadha erzählt in ihrem mitreißenden Film „Blinded by the Light“, wie ein Springsteen-Fan der Margaret-Thatcher-Ära trotzt.

Musikerbiographien sind en vogue, aber was ist mit den Biographien der Musikstücke selbst, dem Nachleben der Songs und ihrem Einfluss auf manchmal Millionen von Leben? Es ist fast 20 Jahre her, dass Stephen Frears’ den Roman „High Fidelity“ von Nick Hornby kongenial verfilmte. Doch man muss nicht wie John Cusacks damalige Filmfigur Rob Gordon Tausende von LPs zur Auswahl haben, um sein Leben adäquat zu vertonen. Für manche Fans reicht dafür eine einzige Quelle. Ich kenne einen Bob-Dylan-Fan, der seit Jahrzehnten kaum etwas anderes hört als Dylan. Ist er deshalb ein blinder Fanatiker? Jedenfalls haben ihn Dylan-Songs durch alle Lebenskrisen begleitet und den überwiegenden Teil seiner Glücksmomente. Keine Frage, dass so etwas mit Bruce Springsteen auch funktionieren kann.

„Blinded by the Light“ erzählt die wahre Geschichte eines jungen Briten mit pakistanischen Eltern, dem Springsteen in finsteren Zeiten zur Offenbarung wird. Das Licht aus Amerika, das für ihn 1987 in die düstere Thatcher-Ära fällt, macht den Teenager bei seinen Schulkameraden nicht beliebter. Es ist schwer vorstellbar, dass es im Nachklang des Hit-Albums „Born in the U.S.A.“ irgendeinen Ort in der westlichen Welt gab, an dem Springsteen-Fans zu Außenseitern erklärt worden wären. Welcher populäre Musiker hätte eindringlicher vor den sozialen Folgen eines entmenschlichten Kapitalismus gewarnt? Doch Großbritannien erlebte in der Thatcher-Zeit eben eine eigene Blüte der politischen Rockmusik. Auch wenn sich Morrissey inzwischen weit nach rechts gestellt hat, bleiben die Hits der Smiths doch für die meisten, die sich an diese Zeit erinnern, „louder than bombs“. Zugleich sorgten die Pet Shop Boys mit ihren ersten Hits für doppelbödigen Wohlklang. Wozu also noch Springsteen?

Auch für den 16-jährigen Javed ist der „Boss“ zunächst nur ein „Typ, der Millionen verdient, indem er so tut, als gehöre er zur Arbeiterklasse.“ Adorno sagte etwas Ähnliches über Joan Baez. Erst als Jared zu Beginn des College-Jahres von einem jungen Sikh aus der Nachbarschaft eine Springsteen-Kassette überreicht bekommt, verblasst das Vorurteil. Und der trübe Himmel, in Springsteens Worten: die Dunkelheit am Rand der Stadt, hellt sich über den Reihenhaussiedlungen in Luton auf. Wenigstens wenn aus dem billigen Schaumstoff der frühen Walkman-Kopfhörer gerade „Dancing In the Dark“ ertönt.

Doch die Filmemacherin Gurinder Chadha („Bend It Like Beckham“) denkt nicht daran, die soziale Realität in der Art mancher Bollywood-Filme durch mitreißende Songs zu übertönen. Ihre Verfilmung der Memoiren des Schriftstellers Surfraz Manzoor, „Greetings from Bury Park“, hat in ihrer akkuraten Zeichnung der Thatcher-Ära selbst eine autobiographische Komponente. Besonderes Augenmerk legt sie auf den Rassismus der Skinheads, der in Menschen wie Jareds an seiner Arbeitslosigkeit zerbrechendem Vater hilflose Opfer findet. Gleichwohl verteidigt er die kapitalistischen Erfolgsversprechen gegenüber seinem Sohn, der freilich einen anderen Weg einschlagen wird. Ermuntert von Springsteens Verbindung aus politischem und moralischem Appell in seiner Lyrik, findet er zu seiner eigenen literarischen Berufung; und – soviel Sentiment muss sein – auch zu einer Gefährtin, die einen fanatischen Springsteenanhänger an ihrer Seite duldet.

„Blinded by the Light“ spielt nicht umsonst in einer Zeit, als Springsteen begann, seine Songs mit weniger Akkorden und eingängigeren Refrains zu schreiben. Als Film ist diese dramatische Komödie selbst mit dem breiten Pinsel gemalt. Es ist ein „feel good movie“ von der aufbauenden, anrührenden Sorte, stets darauf bedacht, keinen der großen Springsteen-Hits auszulassen. Auf den zweiten Blick aber entdeckt man unter den breiten Strichen eine sehr feine Zeichnung des beginnenden sozialen Wandels und der Vorboten der heutigen populistischen Pest, die das Vereinigte Königreich unter Boris Johnson zu verschlingen droht. Gut, wenn man sich mit ein paar starken Songs dagegen rüsten kann.

Blinded by the Light. GB 2019. Regie: Gurinder Chadha. 118 Min.

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