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Billy Wilders Stummfilm „Menschen am Sonntag“ auf Arte: Die Sonne im Jahre 1929

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Von: Hans-Jürgen Linke

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In einer rekonstruierten Fassung und mit neuer Filmmusik von Uwe Dierksen ist Billy Wilders Stummfilm „Menschen am Sonntag“ nun auf Arte zu sehen.
In einer rekonstruierten Fassung und mit neuer Filmmusik von Uwe Dierksen ist Billy Wilders Stummfilm „Menschen am Sonntag“ nun auf Arte zu sehen. © Deutsche Kinemathek/Arte

Der vielsagende Stummfilm „Menschen am Sonntag“ und Uwe Dierksens Filmmusik werfen einen erstaunlich poetisch gestimmten Blick auf Berlin.

Es ist Sonntag, in Berlin scheint die Sonne, also nichts wie raus zum Wannsee. Aber der Film „Menschen am Sonntag“ ist kein Gassenhauer. Er ist ein Spielfilm aus der Gattung des so genannten Stummfilms, der ein Wirklichkeitsgefühl aus dokumentarischen Passagen gewinnt, in die die Handlung eingebettet ist. Sein sozialer Impetus kommt freundlich und bescheiden daher. Es geht nicht um industrielle Wirklichkeit wie in Walter Ruttmanns drei Jahre älteren Film „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“, es geht auch nicht um Klassenkampf wie in Slatan Dudows „Kuhle Wampe“.

Berlin erscheint an diesem Sonntagsfilm nicht expressionistisch verschattet, sondern sonnig,  lichtdurchflutet und lebendig, die Menschen sind vergleichsweise unbeschwert und entspannt. So vermittelt dieser Film das kontrastierende Bild einer Zeit, die wir als eine Periode der beginnenden Großkatastrophe wahrzunehmen gelernt haben. Gut aussehende junge Menschen stehen im Zentrum, der soziale Schauplatz ist ein halbwegs zufriedenes Angestellten-Milieu im Berlin der 1930-er Jahre. Die Erzählweise ist vielschichtig, aber wunderbar psychologiefrei. Ein kleines Liebesdrama, ein Eheproblem, Eifersucht und Streit werden eher auf die leichte Schulter genommen, ohne dass der Eindruck kunstloser Oberflächlichkeit entstünde.

„Menschen am Sonntag“ auf Arte: Einblick in Billy Wilders Karriere vor Hollywood

Wie das geht? Nun, die Schauspieler:innen sind Laiendarsteller, das Drehbuch stammte von Billy Wilder, dessen Vorname damals noch Samuel lautete, und Robert Siodmak führte die Regie. Siodmak erhielt kurz nach der Premiere einen Vertrag mit der UFA. Gleichwohl wanderten ein paar Jahre sowohl er wie auch sein Bruder Curt und Samuel Wilder aus – warum doch gleich? Jedenfalls stand ihnen eine Hollywood-Karriere bevor.

„Menschen am Sonntag“ ist ein so anrührend, dabei flüssig und variabel im Tempo erzählter Film, dass man sich fragt, warum die Ära des Stummfilms überhaupt zu Ende gehen musste. Nichts fehlt diesem Film, und seine Munterkeit spart nichts aus. Seine soziale Wahrnehmung verlässt sich auf Lücken im erzählerischen Strang, die dem Publikum große Freiheit in der Zusammensetzung eines eigenen Films gewähren: Wer mag, kann eine trostlose Ehegeschichte im Vordergrund sehen. Wer etwas Anderes mag, vielleicht eine sehr freie kleine Liebesgeschichte.

Billy Wilders Stummfilm „Menschen am Sonntag“: Kein Leben ohne Sonntage

Wer die großen Probleme der Zeit vermisst, wird vielleicht ein wenig versöhnt durch ein Finale, in dem ein trockener, kurzer Text mitteilt, dass in Berlin vier Millionen Menschen während jeder Arbeits- und Alltags-Woche sechs Tage lang auf einen solchen Sonntag warten. Die Frage ist nicht unbedingt, ob das wirklich so stimmt. Die Frage ist, wie man ein Leben ohne solche Sonntage und solche Filme aushalten kann.

In der jetzt gezeigten Version liegt dem Film eine gründliche Rekonstruktionsarbeit zugrunde, die von der Deutschen Kinemathek und dem niederländischen EYE Filminstituut vorgenommen wurde und aus verschiedenen aufgefundenen Versionen und Überbleibseln einen großen Teil des Originals wieder herstellen konnte – in erstaunlich gleichmäßiger optischer Qualität und mit vergleichsweise wenigen Texttafeln. Arte zeigt den Film mit einer Ensemble-Musik, die der Frankfurter Komponist Uwe Dierksen geschrieben und mit einem Quartett aus Klavier, Geige, Cello, Posaune sowie Nebeninstrumenten selbst eingespielt hat. Sie ist sekundenbruchteilgenau und ideenreich auf die Rekonstruktions-Fassung abgestimmt.

Menschen am Sonntag.

Regie: Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer, Fred Zinnemann, Drehbuch: Samuel („Billy“) Wilder, Berlin 1929. Arte, 10. Mai, 0:55 Uhr.

Rekonstruiert und mit neuer Filmmusik: Billy Wilders „Menschen am Sonntag“ auf Arte

Dierksen, Posaunist des Ensemble Modern, strebt keine historisch korrekt gemeinte Stilistik an. Er verzichtet auf Zwanziger-Jahre-Salonorchester-Ästhetik und wählt statt dessen eine schnelle, schnörkellose Linienführung, elastische Tempi und eine anpassungsfähige Dynamik. Kleine Zitate enthalten für die, die das zu würdigen wissen, filmhistorische und musikgeschichtliche Verweise, aber die Musik funktioniert auch ohne einschlägige Kenntnisse beim Publikum. Ein Soundtrack ist hier entstanden, der jegliche Differenz zwischen ernster und populärer Musik hinter sich lässt und dem Film jene freundliche Unterstützung gibt, die Billy Wilder sich vermutlich gewünscht hätte. (Hans-Jürgen Linke)

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