Models in Original-Kleidungsstücken made in DDR.
+
Models in Original-Kleidungsstücken made in DDR.

TV-Kritik "Ostprodukte im Westregal" (ARD)

Billiglohnland Ostdeutschland

Gleich hinter der Mauer begann das erste Billiglohnland: Jahrzehntelang machte der bundesdeutsche Handel mit Schnäppchen aus der DDR gute Geschäfte. Eine anschauliche ARD-Doku erklärt, wie die DDR als verlängerte Werkbank des Westens funktionierte. Nach den politischen Dimensionen wird leider nicht gefragt.

Von Torsten Wahl

Wenn die Frauen des VEB Strumpfwarenkombinats ESDA zu Weihnachten ihre Pakete von Verwandten aus dem Westen auspackten, dann konnten sie darin auch ihre eigenen Produkte finden. Während die Feinstrumpfhosen in der DDR ab neun Mark zu haben waren - wenn sie denn mal zu haben waren - kosteten sie im Westen 14,50 DM - im Zehnerpack!

Die Sache mit den Strümpfen war kein Einzelfall. Dass viele DDR-Betriebe ihre Produkte im Westen verschleuderten, war ein offenes Geheimnis. Offen war lediglich der Umfang.

Mindestens 30 Prozent des DDR-Außenhandels, nach Schätzungen der "Treuhandstelle für den Interzonenhandel" sogar 50 Prozent, wurde mit der Bundesrepublik abgewickelt. 6000 bundesdeutsche Firmen profitierten. Vor allem die Versandhäuser wie Quelle setzten bei den Eigenmarken in großen Stil auf die qualitativ guten und billigen Ostprodukte.

Alles in den Westen

Die ARD-Doku am Montag hat aufgezeigt, wie diese Vorgänge im Detail abliefen - vor allem dank kompetenter Interviews. Autorin Anne Worst holte Direktoren, Betriebsleiter und Handelschefs aus Ost und West vor die Kamera. Die Erläuterungen zeigen immer dasselbe Muster. Die besseren Materialien, ob nun Stoffe für Polstermöbel oder Kinderwagen, waren dem Westkunden vorbehalten, die DDR-Kunden mussten sich oft mit Minderwertigem begnügen.

Das galt sogar bei Lebensmitteln: Mageres Fleisch ging nach Westberlin, Spitzbein landete im DDR-Fleischerladen. Von den 1500 feinen Anzügen, die der VEB Herko in Sonneberg täglich herstellte, ging die Hälfte in die Bundesrepublik - ganze 30 Stück blieben dem volkseigenen Handel. Nur selten lief der innerdeutsche Handel mal in eine andere Richtung.

Als der Schuhfabrikant Salamander volle Lager beklagte, löste die DDR dessen Absatzprobleme und bot die Westschuhe zu hohen Preisen in ihren "Exquisit"-Läden an.

Doku lässt Fragen offen

So zeigt die Doku, wie ausgerechnet die sozialistische DDR die kapitalistische Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer vorantrieb.

Nicht diskutiert wird aber das Warum: Ob diese Geschäfte für die DDR überhaupt sinnvoll waren. Denn um dem notorischen Devisenmangel beizukommen, wurden ja Hunderttausende Arbeitskräfte gebunden, der eigene Handel grob vernachlässigt und viel Unzufriedenheit geschürt.

Doch politisch Verantwortliche der DDR-Wirtschaft saßen leider nicht vor der Kamera.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare