Nadja Uhl, Hannelore Elsner und der Hund.
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Nadja Uhl, Hannelore Elsner und der Hund.

„Alles inklusive“ Doris Dörrie

Zur Billig-Reha nach Spanien

Doris Dörries Kinofilm „Alles inklusive“ ist eine sanft-melancholische Komödie über die Suche nach dem Glück. Hannelore Elsner spielt die Hippiemutter Ingrid und Nadja Uhl verkörpert ihre Tochter Apple, ein schmallippiges Neurosenbündel.

Von Sabine Vogel

Für Leute, die keine Hundeliebhaber sind, muss eine Warnung vor unappetitlichen Bildern vorausgeschickt werden. Denn der Hund, eine französische Bulldogge, wird in „Alles inklusive“ nicht nur besser als jede behinderte Mutter behandelt, sondern auch dauernd innig abgeknutscht. Ansonsten lässt er sein rosa Zünglein süß aus dem zerknautschten Gesicht hängen und ist überhaupt recht sympathisch apathisch. Genauer gesagt: Er weigert sich zu laufen.

Der Tierarzt (Fabian Hinrichs) diagnostiziert Hüftverkalkung, und sein Frauchen Apple, ein schmallippiges Neurosenbündel (Nadja Uhl), willigt in die gut 10.000 Euro teure Hundehüftoperation ein. Denn für die verklemmte Apple ist der Dr. Sigmund Freud genannte Hund ihr Therapeut, dem sie ihr verkorkstes Liebesleben samt rückgeblendetem Mutterknacks anvertraut. Natürlich geht auch Apples Affäre mit dem Tierarzt daneben.

Von schiefgegangenen Beziehungen und gescheiterten Leben „im Falschen“ erzählt der neue Film von Doris Dörrie. Die Ursache des Schlamassels liegt 30 Jahre zurück, als Apples Hippiemutter Ingrid (Hannelore Elsner) am Strand von Torremolinos mit der kleinen Tochter im Zelt hauste und jede Nacht mit Kerlen rummachte. Einer davon war Karl, der sitzt inzwischen dort im spanischen Altersheim.

Nun hat die auch nicht mehr ganz frische Ingrid genau wie der verhätschelte Köter eine neue Hüfte bekommen, und ihre Tochter hat sie zu Billig-Reha „all inclusive“ in eine der Betonburgen an jenem einst idyllischen Strand verschickt. Schön desillusioniert, wie die Elsner sich das Grauen mit einer Filterzigaretten vom Balkon aus ansieht.

Die doppelt geknickte Familienaufstellung

Denn dort tobt der selbstverständlich lärmig-prollige Ballermann mit grässlichen Animationen und Entertainmentprogrammen, bei denen der Transvestit Tina (Hinnerk Schönemann) schon am helllichten Nachmittag in Tuntentracht Lieder von Hildegard Knef und noch schlimmere Schnulzen vorträgt. Tina aber heißt eigentlich Tim und ist der Sohn vom Karl, und er erkennt in Ingrid die Ex-Geliebte seines Vaters, wegen der seine Mama sich seinerzeit im Pool der Villa getötet hat. Niemand ist unschuldig!

Somit ist die doppelt geknickte Familienaufstellung komplett und das Ende des Films eigentlich klar. Und jetzt alle: Versöhnung!!! Mutter und Tochter, Vater und Sohn/Tochter, Vater und Mutter – und ja, auch Tochter und Sohn, alle zusammen mit dem nach seinem selbstmörderischen Pool-Sturz Mund zu Mund wiederbelebten Hund bei Kaffee und Kuchen in der – oho! bloß wieso? – besetzten Villa von Karl.

Bis dahin müssen freilich noch gut 100 Minuten rumgebracht werden, in denen es zu mäßig lustigen Szenen kommt, bei denen sich immer wieder der Eindruck aufdrängt, dass die Regisseurin selbst am meisten Spaß an ihren komödiantischen Einfällen hatte. Vieles wirkt zu ausgedacht dröge und auf Lacheffekte hin inszeniert, als dass es überraschen könnte.

Nein, das ist jetzt ungerecht, denn wie die Elsner mit dem verfetteten Krankenpfleger Helmut (Axel Prahl) akrobatisch wilde Nummern schiebt, jeweils einer oben mit Gitarre, und Hannelore singt „House of the Rising Sun“ – das ist nun echt lustig.

Und so manch trefflich witzige Sprüche und Dialoge hat Doris Dörrie natürlich auch drauf. Etwa wenn Helmut Sex mit dem Untergang der „Titanic“ vergleicht: Man weiß, wie’s ausgeht, guckt sich den Film aber trotzdem gern an. Auch seine hellsichtige Erkenntnis „Alleinsein macht doof“ ist toll entwaffnend. Leider schreckt die schriftstellernde Erfolgsregisseurin nicht vor dümmlich lahmen Lied-Kalauern wie dem „Neger Wumbaba“ zurück, obgleich doch zuvor ein echter schwarzer Flüchtling mal soeben am Strand angeschwemmt worden ist. Wie zu erwarten, darf sich die alte Hippiegutmenschin eine Nacht um ihn kümmern. Dann ist es auch wieder gut mit dem Reality-Einschub.

Die Musikdekoration (Sven Regner) vom Ballermannhit „You need somebody to love“ über die abgenudelten Klavierplinkereien von Satie zur Untermalung einsamer Momente bis zu Santana beim einträchtigen Familien-Sonnenuntergang am Strand, macht die Komödie leider auch nicht wirklich spritziger.

Alles Inklusive. Regie: Doris Dörrie.
D 2014. 123 Minuten.

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