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Die Organisation Equitas sucht in Kolumbien nach Vermissten.

"Digitale Ermittler - Truth Detectives", Arte

Beweiskräftiges Bilderpuzzle

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Eine Arte-Dokumentation zeigt, wie neueste Techniken bei der Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen zur Anwendung kommen.

Die Menge des Bildmaterials im Internet ist überwältigend. Jeder Film, jedes Foto könnte manipuliert sein. Und mittels geschickter Auswahl und Montage lässt sich jede gewünschte Aussage erzielen. Kein Phänomen des digitalen Zeitalters. Die Möglichkeiten bildlicher Verfälschungen reichen weit zurück.

Die moderne Technik macht es aber auch möglich, Manipulationen zu entlarven. In der Ukraine suchte die Organisation Euromaidan SOS gezielt nach Videos, die Gewalttaten gegen Maidan-Demonstranten dokumentieren. Inzwischen befasst sich Euromaidan mit den Grenzverletzungen russischer Truppen und Menschenrechtsverletzungen im Donbas. Dort werden Journalisten entführt, Zeugen unter Druck gesetzt, Krankenhäuser beschossen. Die Aktivisten beschränken sich nicht aufs Sammeln von Informationen, sondern betreiben aufwändige Verifizierungen. Sie fahren selbst in die umkämpften Zonen, führen Interviews, betreiben klassische Spurensicherung, fotografieren zum Beispiel Einschusslöcher im Krankenhaus und die gefundenen Artilleriegeschosse.

Eine informative Dokumentation

Angriffe auf Krankenhäuser wie überhaupt auf zivile Einrichtungen verstoßen gegen das Völkerrecht. Für solche Verbrechen ist der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag zuständig. Häufig liegen die Taten lange zurück, gerade Kriegsverbrechen bringen es mit sich, dass Beweise zerstört und Zeugen ermordet wurden. In einer informativen Dokumentation berichtet Anja Reiss, wie die Nutzung moderner Medien dazu beitragen kann, die nötigen Voraussetzungen für ein rechtsstaatliches Urteil zu schaffen. Durch die detaillierte Analyse unter anderem von islamistischen Propagandavideos konnte beispielsweise dem Fanatiker Ahmad al-Faqi al-Mahdi die Beteiligung an Zerstörung von Kulturgütern in Timbuktu nachgewiesen werden. Staatsanwalt Gilles Dutertre sieht darin einen logischen Schritt in der forensischen Technikgeschichte, die mittlerweile von Fingerabdrücken über avancierte Laboruntersuchungen bis zur Gen-Untersuchung reicht.

„Forensisch“ bedeutet gerichtsverwertbar. Die mit wissenschaftlichen und technischen Methoden erlangten Erkenntnisse müssen in rechtsstaatlichem Sinne belastbar sein. Beispiele für die Anwendung informationstechnischer Methoden fand die Filmautorin in aller Welt. In der Ukraine sammelt das Recherchenetzwerk Bellingcat Daten über die russische Beteiligung am dortigen Konflikt, in Syrien gelang der Nachweis, dass russische Militärs widerrechtlich Streubomben einsetzen. Keine Verschwörungstheorie: Die Informationen verdanken sich unfreiwillig verräterischen Berichten des staatlichen russischen Fernsehens.

In Kolumbien suchen Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen nach den Opfern von Paramilitärs, die dort ein regelrechtes Schreckensregime führten. Computergestützte Kartierungen, Fotodokumente und Satellitenbilder erlauben die Programmierung von Algorithmen, die das Auffinden der in unwegsamen Gelände gelegenen Massengräber erleichtert.

Gezeigt wird die Arbeit von Kriminalisten, die Verbrechen großen Stils zu klären und der Anklage zuzuführen versuchen. Der mit Unterstützung des Haager Gerichts entstandene Dokumentarfilm, ein Beitrag des WDR zum Arte-Programm, erlaubt das Fazit, dass die Bilderfülle unserer Tage bei der Tätersuche dienlich sein kann. Voraussetzung sind einschlägige Expertise und aufwändige Analysemaßnahmen. Das heißt aber auch: Beim alltäglichen Surfen hingegen sollte man immer eine gesunde Portion Skepsis walten lassen.

„Digitale Ermittler – Truth Detectives“, Dienstag, 20.3., Arte, 21:45 Uhr

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