+
Der Revoluzer. Frank will nicht stören. Cornelius (Matthias Habich), Julia (Eleonore Weisgerber), Frank (Stephan Kampwirth).

"Das Leben vor mir", ARD

Besuch einer alten Dame

  • schließen

Die Hauptdarsteller dieses Dreiecksdramas wetteifern allzu aufdringlich um den Beifall eines imaginären Publikums.

Homosexuelle Paare in Hauptrollen: Das ist im deutschen Fernsehfilm nach wie vor so selten, dass dieser Film schon deshalb aus dem Rahmen fällt. Die personelle Konstellation ist ebenfalls ungewöhnlich: Nach dreißig Jahren Amerika steht aus heiterem Himmel Ex-Gattin Julia (Eleonore Weisgerber) vor der Tür jenes Hauses, das sie einst gemeinsam mit Cornelius (Matthias Habich) und ihren beiden Kindern bewohnt hat. Das Paar hatte sich getrennt, als Cornelius klar geworden war, dass er schwul ist; seit 25 Jahren lebt er mit Frank (Stephan Kampwirth) zusammen. „Der Besuch der alten Dame“, stellt Julia selbstironisch fest. Auf die Frage, warum sie zurückgekehrt sei, sagt sie: „Mein Leben ist zu Ende, und ich wusste nicht, wohin.“ Als sie dann noch ihre Mutter erwähnt, geht Cornelius davon aus, dass seine Exfrau unheilbar krank ist; Julias Mutter ist einst qualvoll an Krebs gestorben. Er betrachtet es als seine moralische Pflicht, die Ex-Frau bei sich aufzunehmen.

Das klingt wie die Einführung zu einem Drama. Andererseits lässt sich früh erahnen, dass Julia keineswegs krank ist, was sie ja auch gar nicht behauptet hat; allerdings stellt sie die Schlussfolgerung ihres Ex-Manns auch nicht richtig. Diese Entwicklung hätte Potenzial für eine Tragikomödie, zumal das Drehbuch von Sathyan Ramesh stammt. Der Autor hat von „Eine Nacht im Grandhotel“ (2011) bis zu „Matthiesens Töchter“ (2016) und „Kein Herz für Inder“ (2017) immer wieder große Komödien mit ernstem Kern geschrieben. Tatsächlich hat der NDR den Film, der den seltsamen Arbeitstitel „Armer Irrer“ trug, in einer Drehstartmeldung als „komödiantische Geschichte um eine zersplitterte Familie, in der alle um ihr Seelenheil kämpfen“, angekündigt; nach Einschätzung des Senders ist „Das Leben vor mir“ ein „Drama über die Komödien des Lebens. Und umgekehrt.“

In Wirklichkeit ist der Film jedoch nicht mal annähernd komisch, und es deutet auch nichts darauf hin, dass dies anders geplant war, zumal der weitere Verlauf der Handlung dramatisch bleibt. Die Kinder von Julia und Cornelius haben die Trennung ihrer Eltern nie richtig verkraftet. Sohn Abel, hoch verschuldet, wurde in der Schule wegen der Homosexualität seines Vaters gemobbt, hat sein Leben nicht auf die Reihe bekommen und ist hoch verschuldet; eine Rolle, die nicht recht zu Florian Panzner passen will, schließlich macht der Schauspieler in seinen Rollen stets einen geerdeten und selbstbewussten Eindruck. Die verhuschte Tochter Natascha (Maren Eggert) wirkt ebenfalls nicht wie jemand, der sein Dasein souverän meistert. All’ das war dem Vater aber offenbar nicht klar; von Abels Schulden erfährt er nur durch Zufall. Zu allem Überfluss muss Cornelius bei einem überraschenden Besuch in Franks Karateschule mit ansehen, wie sein Lebensgefährte Zärtlichkeiten mit einem erwachsenen Schüler austauscht; kurz drauf zieht Frank aus.

Dass eine Komödie nicht lustig ist, kann passieren; immerhin besteht ja noch die Möglichkeit, dass sie ein passables Drama abgibt. Aber auch in dieser Hinsicht ist „Das Leben vor mir“ eine Enttäuschung, und das liegt ausgerechnet an den eigentlich doch vorzüglichen Schauspielern. Während Stephan Kampwirth seine Rolle als Dritter im Bunde und Stimme der Vernunft hintergründig und mit leisen Tönen ausfüllt, führen sich Matthias Habich und Eleonore Weisgerber auf, als wetteiferten sie auf einer Bühne um die Gunst der Zuschauer. Ständig wirken ihre Zwiegespräche, als agierten sie vor einem imaginären Publikum, was die Dialogsituationen ausgesprochen künstlich wirken lässt; erst recht, wenn Weisgerber in unecht klingendes Gelächter oder ausgerechnet Zwischentonspezialist Habich beim Streit in Geschrei ausbricht.

Ein weiteres Manko ist die Inszenierung. Dass die Kamera (Adrian Cranage) wenig in Bewegung und keine einzige Einstellung irgendwie ungewöhnlich oder originell ist, kann Methode sein und ließe sich damit erklären, dass sich Anna Justice auf die Schauspieler konzentrieren wollte. Trotzdem kommt keinerlei innere Spannung auf, und das ist naturgemäß fatal: Wenn es nicht gelingt, Interesse für die Figuren und ihre Probleme zu wecken, kann ein Drama nicht funktionieren. Die Regisseurin ist vor gut zehn Jahren durch das tragikomische Drama „Max Minsky und ich“ (2007) bekannt geworden, konnte ihr Talent mit dem Weihnachtszweiteiler „Pinocchio“ (2013) allerdings nicht bestätigen; umso besser war 2015 der Kraftwerks-Thriller „Tag der Wahrheit“. Ihre letzte Arbeit, die Auswandererromanze „Harrys Insel“,  brauchte dagegen viel zu lange, um in Fahrt zu kommen, und ist allenfalls wegen der prachtvollen Landschaftsbilder (ebenfalls Cranage) in Erinnerung geblieben. Wirklich erstklassig ist bei „Das Leben vor mir“ allerdings die Musik von Amaury Laurent Bernier, der die dramatischen Entwicklungen mit zärtlichen Klavierklängen begleitet. Davon abgesehen entwickelt der Film viel zu selten die Souveränität, mit der Justice zwei Szenen gestaltet hat, die eine Art Rahmen bilden: Zu Beginn kauft Cornelius einer jungen Frau (Gloria Endres de Oliveira) die letzten beiden Karten für ein Konzert ab, das er anlässlich des silbernen Jahrestages mit Frank besuchen will, gegen Ende schenkt er ihr die zweite Karte. Musik spielt auch für den dialogfreien Schluss eine nicht unwichtige Rolle; es spricht ohnehin eher nicht für einen Film, wenn seine besten Szenen jene sind, in denen die Schauspieler schweigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion