+
Verfassungsschutz-Referatsleiter Matthias Frings (Fabian Siegismund, l.) ermittelt mit den Beamten Mechthild Dombrowski (Gudrun Landgrebe) und Paul Horner (Uke Bosse, r.) gegen eine vermeintliche islamistische Terrorzelle.

„In bester Verfassung“

Webserie „In bester Verfassung“: Bloß eine Klamotte

  • schließen

Die ZDF-Webserie möchte eine Staatsschutz-Satire sein, kommt aber kaum über ein dürftiges Humorniveau hinaus.

Kündigt das ZDF eine Produktion als „satirisch“ an, ist erfahrungsgemäß Vorsicht geboten. Das Prädikat mag angemessen sein, wenn Jan Böhmermann oder das Ensemble der „heute show“ ihr Unwesen treiben, aber von deren Bissigkeit ist „In bester Verfassung“ weit entfernt. Halbwegs originell ist allein die Idee, die Geschichte als Webserie für YouTube und die Mediathek wie auch als Fernsehfilm zu konzipieren.

Der Handlungskern des Drehbuchs, das der Kurzfilm- und Webserien-Regisseur Joseph Bolz gemeinsam mit Fabian Siegismund und Martin Brindöpke geschrieben hat, erinnert an Niklaus Schillings Klassiker „Der Willi-Busch-Report“ (1979). In der Tragikomödie treibt der Titelheld die Auflage seiner Lokalzeitung im toten Grenzgebiet zur DDR nach oben, indem er kurzerhand selbst für schlagzeilenträchtige Sensationen sorgt. Ähnlich ereignisarm ist das Leben irgendwo in der NRW-Provinz. Weil es dort vor vierzig Jahren einen RAF-Vorfall gab, wurde in dem verschlafenen Nest eine winzige Außenstelle des Verfassungsschutzes gegründet. Seither ist allerdings nichts mehr passiert. Als der Standort geschlossen werden soll und dem Duo Mechthild Dombrowski (Gudrun Landgrebe) und Paul Horner (Uke Bosse) die Versetzung nach Rostock droht, erfinden die beiden eine islamistische Terrorzelle.

Das Potenzial des Stoffs liegt auf der Hand

Die Zerstörung eines mannshohen Kruzifixes auf einem Schweinemasthof mit Hilfe einer alten RAF-Bombe soll ein Zeichen setzen, aber aufgrund eines Missgeschicks fliegt der ganze Betrieb in die Luft. Nun entwickeln die Dinge eine unvorhersehbare Eigendynamik. Der Bauer wird zum Demagogen, der auf dem Marktplatz vor Umvolkung und Lügenpresse warnt, und der Volkszorn entlädt sich am türkischstämmigen Besitzer vom Döner-Imbiss. Die Inszenierung dieser Momente hätte ruhig noch packender sein können, aber immerhin bieten sie ein anschaulich abschreckendes Beispiel dafür, welche Folgen Fake-News haben können. Als sich rausstellt, dass das Bekennervideo offenbar im Ort entstanden ist, müssen Dombrowski und Horner auf Geheiß von Referatsleiter Frings (verkörpert von Koautor Fabian Siegismund) die Keller der Mitbürger unter die Lupe nehmen und stoßen dort prompt auf allerlei delikate Geheimnisse.

Das Potenzial dieses Stoffs liegt auf der Hand. Hier die Staatsschutzmitarbeiter, denen das Wohl des Landes herzlich egal ist, weil sie nur ihrer eigenen Agenda folgen, dort die vermeintlich braven Bürger, hinter deren braver Eigenheimfassade wahre Abgründe lauern: Das hätte in der Tat eine bitterböse Satire werden können. Wirklich mutig wäre es allerdings gewesen, die Geschichte in Sachsen anzusiedeln, wo der Verfassungsschutz seit über zwanzig Jahren regelmäßig echte Skandale produziert. Diese Ebene des Stoffs deuten Bolz und seine Mitstreiter aber nur kurz an: Frings’ ist offenbar bekannt dafür, seine V-Leute zu Anschlägen anzustacheln.

Ähnlich wie 2013 bei der Serie „Lerchenberg“, vom ZDF damals als Selbstironie eingestuft, gilt die Ironie auch diesmal weniger der Institution als vielmehr den Personen. Das kann man natürlich so machen, aber dann darf man nicht von Satire sprechen, zumal „In bester Verfassung“ ohnehin eher Klamotte als Komödie ist. Personifiziert wird dieser Ansatz durch den Agenten Horner, der in der Verkörperung durch Uke Bosse eine traurige Gestalt ohne jede Körperspannung ist. Dass dem Mann dauernd Missgeschicke unterlaufen, lässt die Figur erst recht zur Karikatur werden. Gleiches gilt für den Bürgermeister (Oliver Kleinfeld) mit Adolf-Hitler-Scheitel, der den demagogischen Bauern rechts überholen will. Die zackigen Zeichen im Lorbeerkranz auf seinem Geburtstagsfoto stehen angeblich nicht für SS, sondern für die Zahl 55, und überhaupt ist er der Meinung, jetzt sei es doch mal gut mit diesem ganzen „Schuldkult“. Typisch für den Humor der Produktion ist auch eine alte Frau, die im Rollstuhl vor sich hindämmert, aber hin und wieder zu sich kommt und dann „Heil Hitler!“ ruft. Angesichts dieser allzu spürbar um Provokation bemühten Scherze fällt eine Montagesequenz deutlich aus dem Rahmen, als Dombrowski durch die TV-Programme schaltet und auf diese Weise einen Nachrichtenbeitrag über Geflüchtete mit einem zweiten über Kükenmord miteinander verknüpft: „Immer mehr Flüchtlinge“ … „werden brutal geschreddert.“

Was mit mehr Mut möglich gewesen wäre, deutet der Auftakt an, als eine junge Frau scheinbar leblos im malerischen Gegenlicht von einem Baum baumelt. Der vermeintliche Suizid entpuppt sich jedoch als einer jener Videostreiche, mit denen sich die Dorfjugend die Zeit vertreibt. Dieser „Prank“ bringt Dombrowski überhaupt erst auf die Idee, wie sich die angedrohte Versetzung vermeiden ließe. Nicht recht schlüssig ist dagegen das Mundartgemisch: Die einen sprechen westfälisch, die anderen rheinisch; auch das steht für die Unausgegorenheit dieser in der ZDF-Nachwuchsredaktion Das kleine Fernsehspiel entwickelten Produktion, die dank einiger Cliffhanger ohne weitere Bearbeitung sowohl als Webserie wie auch am Stück (am 17. Juni um 23.55 Uhr) funktioniert. Mit der Auswertung auf YouTube hofft die Redaktion natürlich auf ein jüngeres Publikum; dabei dürfte „In bester Verfassung“ aus Sicht junger Nutzer exakt jenem schlafmützigen Image entsprechen, das ARD und ZDF bei dieser Zielgruppe haben. Unternehmungslustige Jugendliche werden jedoch sehr interessiert zur Kenntnis nehmen, wie sich ein Spielplatzkarussell mit Hilfe eines Mopeds ordentlich auf Touren bringen lässt.

Zur Sendung

Webserie „In bester Verfassung“
Die Sendung im Netz: ZDF-Mediathek

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion