Brian Ngopan bei Chorproben in Berlin.
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Brian Ngopan bei Chorproben in Berlin.

TV-Kritik: „Land in Sicht“ (RBB/Arte)

Mit besten Absichten

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Für Asylbewerber ist es nicht leicht, die Distanz zu ihren einheimischen Mitmenschen zu durchbrechen. Im Idealfall kann das Fernsehen eine Mittlerrolle einnehmen. Eine RBB/Arte-Dokumentation unternimmt den Versuch.

Es sollte sich herumgesprochen haben: Ausländerfeindlichkeit entfaltet sich vor allem dort, wo keine persönlichen Kontakte zu Migranten oder auch den Nachfahren früherer Einwanderer bestehen. US-amerikanische Studien und Erfahrungen belegen, dass das Fernsehen helfen kann, unbegründeten Ressentiments entgegenzuwirken. Ein besonders wirksames Vehikel ist die von deutschen Kritikern lange Zeit und teils heute noch verachtete Sendeform der Sitcom.

Die besten Absichten darf man auch den Dokumentarfilmerinnen Judith Keil und Antje Kruska sowie der zuständigen Redaktion unterstellen. Keil und Kruska begleiteten eine Zeitlang zwei Asylbewerber mit der Kamera. Der 32-jährige Farid musste vor politischer Verfolgung aus dem Iran fliehen und Frau und Kind dort zurücklassen. Brian ist 28 und stammt aus Kamerun. Auch er macht in seinem Asylantrag politische Gründe geltend.

Kein Kommentar

Farid wie Brian sind im brandenburgischen Belzig untergebracht worden. Farid berichtet, dass er und sein Bruder, der meist schweigend im Hintergrund bleibt, eigentlich die Schweiz als Ziel gewählt hatten. Wie genau es vonstatten ging, dass die Brüder in ein Flugzeug stiegen und sich unverhofft in Berlin wiederfanden, wird von den Filmautorinnen offengelassen.

Sie verzichten durchweg auf einen erklärenden Kommentar und lassen ihre Protagonisten für sich selbst sprechen. Für Dokumentarfilmfreunde handwerklich die höchste Tugend, die aber Nachteile birgt. Um Verständnis für die heutige Situation der in den Mittelpunkt gerückten Asylbewerber zu schaffen, wären vor allem weitergehende Informationen über die Gründe für ihre Fluchten sinnvoll und hilfreich gewesen.

Tägliche Tristesse

Aussagekräftig ist der 53-minütige Film, wenn er den trüben Alltag der beiden beschreibt. Brian beispielsweise ist immer wieder bei seinen langen Spaziergängen durch den kleinen Ort zu sehen, bei denen er, in Deutschland beinahe ein auffälliges Verhalten, jeden freundlich grüßt.

Farid leidet enorm unter dem Umstand, dass seine Anwältin keine konkreten Angaben zur Dauer des Verfahrens machen kann. Ihr Mandant hat Sehnsucht nach seiner Familie, die er baldmöglichst nachholen möchte.

Brian und Farid stemmen sich gegen die Tristesse, bilden sich weiter, wollen arbeiten. Brian lässt sich von einer Versicherung schulen, die sich offenbar auf Migranten spezialisiert hat. Seine Mehrsprachigkeit wäre hier ein Vorteil; allein das zweifelhafte Geschäft der aggressiven Kundenakquise, die vor allem auf Freunde und Bekannte abzielt, bleibt ihm fremd.

Offene Fragen

Brian erscheint scheu, verloren, betrübt. Ihm fällt es offenbar weniger leicht als anderen, Kontakte zu knüpfen, in der Disko Tanzpartnerinnen anzusprechen. Er freut sich und lächelt, als eine Frau ihn auf die Tanzfläche zieht, bleibt aber stets zurückhaltend.

Farid bemüht sich um eine Teilzeitstelle als Fitness-Trainer. Die meiste Zeit wirkt er offen und zuversichtlich; dann aber sieht man ihn bei der Ankunft in einer psychotherapeutischen Klinik. Er teilt sich das enge Zimmer mit deutschen Burnout-Patienten – eine ähnliche Wohnsituation wie in der Unterkunft für Asylbewerber. Bei solchen Passagen vermisst man die Reporterneugier und wünscht sich Antworten auf Fragen wie: Warum eigentlich müssen seelisch kranke, aber körperlich gesunde Patienten ihre Tage im Bett verbringen?

Die ostentativ neutrale Haltung der beiden Autorinnen ist durchaus ehrenwert, hat aber Indifferenz zur Folge. Ihr Film lässt sich nach Belieben interpretieren und somit von Befürwortern wie Gegnern des Grundrechtes auf Asyl in Dienst nehmen. Das ist in Zeiten wie diesen zu wenig.

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